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Die Box


 

September 2004
Friederike Kapp
für satt.org

Keine halben Sachen 2 - Jetzt erst recht
The Whole Ten Yards

USA 2004

Filmplakat

Regie:
Howard Deutch

Buch:
George Gallo, Mitchell Kapner

Kamera:
Neil Roach

Schnitt:
Seth Flaum

Musik:
John Debney

Darsteller:
Bruce Willis (Jimmy "The Tulip" Tudeski), Matthew Perry (Nicholas "Oz" Oseransky), Amanda Peet (Jill), Kevin Pollak (Lazlo Gogolak), Natasha Henstridge (Cynthia), Frank Collison (Strabo), Johnny Messner (Zevo), Silas Weir Mitchell (Yermo), Tasha Smith (Julie), Elisa Gallay (Anya), Tallulah Belle Willis (Buttercup Scout), Johnny Williams (Vito)

98 Min.

Keine halben Sachen 2
Jetzt erst recht
The Whole Ten Yards


Die Fortsetzung von The whole nine yards (dt.: Keine halben Sachen) nimmt ihren Ausgang mit der Entlassung des Gangsterbosses Lazlo (Kevin Pollak) aus dem Gefängnis, der immer noch schäumt vor Wut über den von Jimmy The Tulip" Tedeski (Bruce Willis) verschuldeten Tod seines Sohnes Janni, und nun seinerseits Jagd auf Jimmy macht — in Mordabsicht, versteht sich. Um die Handlung in Gang zu bringen, wird zunächst Cynthia (Natasha Henstridge) entführt, die Frau des Zahnarztes Oz (Matthew Perry) und Jimmys Ex-Fau. Oz hatte Jimmy seinerzeit mit einem gefälschten Gebißprofil zum begehrten offiziellen Totsein verholfen. Tatsächlich wendet Oz sich in seiner Not an Jimmy und setzt so die Gangster auf dessen Spur.

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Der erste Blick des Zuschauers auf den Killer im Exil scheint diesen hinreichend zu charakterisieren: Von links oben ragt ein tätowierter Unterarm ins Bild, die Hand greift nach dem Hörer eines Telefons, ums Handgelenk prangt ein geschmackloses Goldkettchen. Dann der freudige Schock bei der Ganzkörperansicht: Bruce Willis zur Witwe Bolte entstellt, einschließlich Kopftuch. Dieses wird ergänzt durch eine moppartige, blonde Zottelfrisur. Das Ganze abgerundet durch eine kniefreie Schürze, die aussieht, als sei sie aus Scheuerlappen geschneidert. Ein befremdlicher Anblick, der Heiterkeit erregt. Im Gegensatz zu seiner eigenen, leicht verwahrlosten Erscheinung steht der Ordnungsfimmel des Hausmanns, der seine Freundin anherrscht, wenn sie durch das frisch Gewischte latscht. Etwas neurotisch seine Beziehung zu Hühnern, die sehr persönlicher Natur ist (nein — nicht so!). Das Lieblingshuhn wird später prompt überfahren, von dem hilfesuchenden Kumpel aus früheren Tagen — kein wirklich glücklicher Auftakt zu einem ohnehin schwierigen Revival freundschaftlicher Gefühle.

Jill (Amanda Peet), Jimmys Freundin und ehemalige Flamme von Oz, ist umwerfend hübsch. Knallblaue Strahleaugen, langes, schwarzes Haar. Wohlgeformter Knutschmund mit "Krönchen" auf der Oberlippe (das ist, nach den Ausführungen Roald Dahls, ein kleines, fleischiges Hügelchen in der Mitte der Oberlippe, das auf Sinnlichkeit hinweist). Und niedlich. Immer noch will sie mit richtigen Knarren schießen, wie richtige Gangster, richtige Kerle. Jimmy war mal einer — ein richtiger Gangster und ein richtiger Kerl. Der berufliche Rückzug und Wechsel ins Hausmannsfach scheint selbstgewählt und beglückend — nur die ruppige Art, mit der er seinen Gästen das liebevoll zubereitete, exquisite Mahl aufdrängelt, gemahnt an frühere, ereignisreichere Tage. Der andere Rückzug ist alles andere als freiwillig — Jimmy bringt’s nicht mehr.

Können Frauen, zumal schöne Frauen, komisch sein? Nun, diese kann es nicht. Komisch soll es wirken, wenn die putzige Kleine darum bettelt, endlich einen Menschen erschießen zu dürfen, aber irgendwie klappt es nicht. Ich verdächtige die Rolle eher die Darstellerin, die Aufgabe eher als die Lösung. Schön, niedlich und komisch — bei diesen dreien ist einer zuviel. Andererseits, two out of three ain’t bad.

Bruce Willis und die Komik, das klappt schon besser. Der Aufzug ist einfach köstlich, der Bruch mit dem gewohnten Filmcharakter (type-cast) als taffer Kämpfer amüsant, und es schadet auch nichts, wenn der Zuschauer aus den bekannten Bruce-Willis-Rollen die Erwartung ableitet, daß der Darsteller zu seinem gewohnten Film-Naturell zurückkehrt — und diese dann erfüllt wird. (Auch darf man sich an Pulp Fiction erinnert fühlen, wo die Mischung aus zart und hart bereits angetestet wurde — wenn auch ungleich subtiler.)

Ganz rund ist die Sache noch nicht, was daran liegen mag, dass die Hausmann-Phase von Gewaltausbrücken unterbrochen wird, die zu unvermittelt, unmotiviert und ungebrochen realistisch sind, um wirklich komisch zu sein. Etwa das bereits erwähnte Anherrschen der Gäste, die zunächst die nötige Begeisterung für die aufwendig zubereitete Speise vermissen lassen, oder die Szene, in der der betrunkene Jimmy von der Qual, dem Frust und der Demütigung übermannt wird, die seine Impotenz für ihn bedeuten, und wie ein Stier in ohnmächtiger Wut mit dem Kopf voraus in einen Tisch voller Gläser und leergetrunkener Flaschen rennt. Das sind starke Bilder, ein starker, emotional dichter Moment — aber völlig unkomisch. Das Gegenteil eines comic relief, dramaturgisch gesehen. (Im comic relief unterbricht ein Clown oder Hanswurst eine tragische Handlung mit einer komischen Einlage, damit der Zuschauer vom dargestellten Elend nicht allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen wird. Hier hingegen unterbricht eine tragische oder zumindest ernste Einlage den Aufbau allzugroßer Komik, was irgendwie etwas töricht ist.)

Die Handlung ist turbulent, fröhlich, erwartbar verworren und unterhaltsam. Der wechselseitige Partnerwechsel sorgt immer wieder für Spannung zwischen den Figuren. Erheiternd lebensnah die vertrauten Telefonate von Ex und Ex in Streßzeiten, die den neuen Partner zu schlecht verhohlener Eifersucht anpieken. Strabo, Lazlo Gogolaks dummer Sohn (Frank Collison), ist so finster und gefährlich wie der Räuber Hotzenplotz. Das kriegt die entführte Cynthia schnell mit und nutzt die Gunst der Stunde, als Strabo sie bewachen soll, um ihren Willen in sein Hirn zu pflanzen, was ungefähr so schwierig ist wie die Handhabung einer Hundeleine mit Aufspulautomatik.

Am Schluß wird alles gut: Beide Frauen sind schwanger, Jimmy ist also wieder ein ganzer Kerl und der Weg ist frei in ein bürgerliches Gangsterleben. Trotz Punktabzug wegen dieses spießigen Overkitschs ein weitgehend unterhaltsamer Film, in dem zudem ständig schönes Wetter herrscht — das könnte das richtige sein für grau vernieselte Herbstnachmittage.