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Die Box


 

Februar 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

Kitchen Stories
Salmer fra kjøkkenet

Schweden / Norwegen 2003

Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet) (R: Bent Hamer)

Regie:
Bent Hamer

Buch:
Bent Hamer, in Zusammenarbeit mit Jörgen Bergmark

Kamera:
Philip Øgaard

Schnitt:
Pål Gengenbach

Musik:
Hans Mathisen

Produktionsdesign:
Billy Johansson

Darsteller:
Joachim Calmeyer (Isak), Tomas Norström (Folke), Bjørn Floberg (Grant), Reine Brynolfsson (Malmberg), Sverre Anker Ousdal (Dr. Benjaminsen), Lennart Jahkel (Green), Leif Andrée (Dr. Ljungberg), Gard Eidswold (Bakkemann)

95 Min.

Kinostart:
5. Februar 2004

Kitchen Stories
Salmer fra kjøkkenet



Dem schwedischen Forschungsinstitut für Heim und Haushalt (kurz: HFI) ist es zu verdanken, daß die Hausfrauen im Verlauf der 50er Jahre nicht mehr dazu gezwungen waren, in ihren Küchen im Verlauf eines Jahres eine Distanz abzuschreiten, die der Entfernung von Schweden bis zum Kongo entsprach. Aufgrund wissenschaftlicher Beobachtungen und darauf basierenden Verbesserungen in Form einer Idealküche wurde die Strecke soweit gekürzt, daß die Hausfrauen bereits in Norditalien am Ziel waren.


Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet) (R: Bent Hamer)

Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet) (R: Bent Hamer)

Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet) (R: Bent Hamer)

Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet) (R: Bent Hamer)

Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet) (R: Bent Hamer)

Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet) (R: Bent Hamer)

Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet) (R: Bent Hamer)

Was soll man einem solch enormen Erfolg nachfolgen lassen? Das HFI besann sich darauf, nun die Gewohnheiten alleinstehender Männer in ihren Küchen zu observieren. In dem kleinen norwegischen Dorf Landstad wurden 18 Freiwillige ausgemacht, und schon bald macht sich eine Kolonne von schwedischen Beobachtern auf, um möglichst genau die Küchengänge der Probanden zu protokollieren, um auch männlichen Köchen das Leben zu erleichtern.

Natürlich funktionieren solche wissenschaftlichen Beobachtungen nur unter strengen Versuchsregeln: Persönlicher Kontakt oder Gespräche sind verpönt, der ausgebildete Observierer sitzt auf seinem eigens konstruierten Hochstuhl und verzeichnet auf seinem Grundriß der jeweiligen Küche die Bewegungen des freiwilligen Probanden, der dem Beobachter jederzeit den Zugang zur Küche ermöglichen muß.

Dem Zuschauer ist es natürlich klar, daß sich zwischen dem Schweden Folke und seinem norwegischen Versuchskaninchen Isak eine holprige Männerfreundschaft entspinnen wird, wie man es aus dem hierzulande wohl bekanntesten norwegischen Film Elling kennt. Doch zunächst geht es um den Versuchsaufbau - und all die Kleinigkeiten, die ihn stören können. Ein ausgeborgter und fehlplazierter Salzstreuer verursacht unnötige Wege, ein kleiner Huster kann Unfälle nach sich ziehen. Proband Isak, der schon schnell bereut, sich auf das Experiment eingelassen zu haben (die versprochene Belohnung - ein Pferd - erwies sich als kleines Holzspielzeug), sabotiert den Versuch auf seine Weise: Er kocht im Schlafzimmer und hängt in der Küche sichtbehindernd seine nasse Unterwäsche auf. Oder schaltet einfach gleich das Licht aus. Auch das verführerische Vertilgen großer Mengen Schokolade oder Alkohol kann dem Beobachter zusetzen. Doch Isaks größter Wunsch wäre es, selbst der Beobachter sein - selbst im Hochsitz über der Küche zu thronen … Da dies natürlich unmöglich ist, gibt er sich mit dem nächstbesten zufrieden - und bohrt des Nachts ein Loch in die Küchendecke, um den Eindringling unter Kontrolle zu behalten - quis custodiet ipsos custodes …

Wie sich schnell herausstellt, genügt die Beobachtung nicht. Man sollte es zwar nicht so weit treiben wie Folkes Kollege Green, der wegen seiner Saufgelage mit dem Probanden beinahe den Job verliert, aber wie - wenn nicht durch Gespräche - soll man den kleinen Geheimnissen der Junggesellenküche auf die Spur kommen? Warum will Isaks Freund Grant nach Friseurssitzungen (natürlich in der Küche) seine abgeschnittenen Haare mit nach Hause nehmen? Und wie zum Teufel kommt jemand auf die Idee, jeden Tag pünktlich um 16 Uhr 58 eine Bierflasche zu öffnen? Kitchen Stories beantwortet diese Fragen und besticht durch seinen lakonischen Humor und das überzeugende 50er Jahre-Design - ebenso wie durch die subtile Inszenierung und die zwei Hauptdarsteller - der Film ist ein entscheidender Schritt zur verstärkten Wahrnehmung des Filmlandes Norwegen … Die Herkunft des klassischen Dramatikers Hendrik Ibsen kennt vielleicht noch der eine oder andere, aber norwegische Regisseure??? Selbst das verrückte Finnland hat die Kaurismäki-Brüder, Schweden kann mit Sjöström, Bergman und Moodysson fast schon eine Filmhistorie vorweisen, Dänemark hat Superstar Lars von Trier, die einflußreiche Dogma-Bewegung und die Erinnerung an Carl Theodor Dreyer - und sogar Island kann Fridrik Thor Fridriksson vorweisen … aber Norwegen erscheint wie ein filmisches Niemandsland. Kitchen Stories ist der offizielle norwegische Beitrag für das Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. 1952 gab es den bisher einzigen norwegischen Oscar für den eigentlich schwedischen Dokumentar-Langfilm Kontiki. Wäre es nicht langsam wieder Zeit - und warum nicht wieder in Zusammenarbeit mit dem Nachbarland, in dem man absurderweise auf der anderen Straßenseite fährt?

Der Film sollte jedenfalls auch in den Staaten funktionieren, wenn es vielleicht auch etwas zu wenig Action und Sex gibt. Daß sich alles nachher zu einem Eifersuchtsdrama mit Mordversuch entwickelt, ist ja schon mal nicht schlecht, doch ob die Academy die Poetik dieser Verzweiflungstat zu schätzen weiß? Sehr fraglich …

Doch wen soll es scheren, ob in Hollywood bald die Wohnmobile des HFI nachgebaut werden, solang man sich hierzulande an diesem Film erfreuen kann?