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Dezember 2003
Thomas Vorwerk
für satt.org

Mein Leben Teil 2
D 2003

Mein Leben Teil 2 (R: Angelika Levi)

Buch, Regie
und Schnitt:
Angelika Levi

Kamera:
Angelika Levi, Antje Schäfer, Markus Otto

Musik:
Marta Monserrat

Mitwirkende:
Ursula Becker Levi, Karla Levi Heins, Robert Levi, Johannes Becker, Angelika Levi, Thomas Becker Levi, Claus Peter Westrich (Historiker), Rabbiner Walter Rothschild (jüdische Gemeinde zu Berlin)

85 Min.

Kinostart:
4. Dezember 2003

Mein Leben Teil 2



1996 begann die seit 1984 vor allem als Cutterin und Kurzfilmregisseurin aktive Angelika Levi mit den Dreharbeiten zu einem Film über ihre Mutter. Doch kurz darauf verstarb die Mutter, es konnte nur sehr wenig Interview-Material aufgenommen werden. Statt einen Schlußstrich unter das Projekt zu ziehen, entschied sich die Regisseurin, mithilfe ihr zur Verfügung stehender Materialien trotzdem (jetzt erst recht!) einen Film über ihre Mutter zu (re-)konstruieren, auch wenn diese daran nicht mehr aktiv mitarbeiten konnte.
Mein Leben Teil 2 (R: Angelika Levi)
Mein Leben Teil 2 (R: Angelika Levi)
Mein Leben Teil 2 (R: Angelika Levi)

Sieben Jahre später ist der erste Langfilm von Angelika Levi fertig, und als sie sich für die Uraufführung auf dem diesjährigen Forum der Berlinale verschulden mußte (Kopierkosten, Untertitelung), war sich die Filmemacherin längst nicht sicher, ob sie das richtige getan hatte. Der deutsche Kinostart scheint ihr Recht zu geben, sehr viel publikumswirksamere Forums-(Spiel-)Filme wie "Milchwald" oder "Identity Kills" warten darauf noch vergeblich.

"Mein Leben Teil 2" ist eine dokumentarische Offenbarung, ein autobiographisches Filmessay, dem man anmerkt, daß es nicht unter Zeitdruck entstand, sondern daß die Filmemacherin lange über die angemessene Montage der Vielzahl von Materialien nachgedacht hat. Tonaufnahmen wie die 70er-Jahre-MusiCassette vom Plakat, Tagebücher, Ausweise, Photographien, Super 8-Filme, aber auch Gegenstände, Pflanzen, ein Pilz, ein Sieb oder ein wertvoller Römer erzählen die Geschichte der Mutter der Regisseurin - nein, der ganzen Familie … bis hin zu Angelika Levi selbst.

Dabei arbeitet der Film vor allem mit Assoziationen, wie sie auch (in anderer Form) das Leben der Ursula Becker Levi bestimmt haben. Die Regisseurin "verdichtete" (ein freudianischer Begriff, den sie selbst in Interviews benutzt) das Material, indem sie Ton und Bild neu zusammenführt, etwa die Vorwürfe der später krebskranken Mutter gegen ihre Familie und Strandfilme, die diese Vorwürfe zu untermauern scheinen, aber auch zu freieren Assoziationen einladende "Verdichtungen" wie ein Weihnachtsbaum untermalt mit Ausschnitten aus "Dalli Dalli" (Hans Rosenthal gibt sich außerordentlich christlich …) oder der Rat der mental etwas verwirrten Mutter, Deutschland zu verlassen, zu dem man das Cover einer Europa-Hörspielplatte sieht, um zu illustrieren, daß für die damals noch sehr junge Regisseurin dieser Vorschlag wie ein exotisches Abenteuer erschien.

Nur dadurch, daß der Film keine Meinungen vorwegnimmt, er jeder Person die eigene Perspektive erlaubt, wird er der Vielzahl von Strömungen innerhalb der Familie Levi gerecht. Laut Rabbi Rothschild ist das Gründen einer Familie eine mögliche jüdische Antwort auf die Shoah - Angelika Levi hat eine andere gewählt, und sichert in ihrem Film für die Nachwelt das Bild ihrer Mutter.

"Ich bin die letzte aus dieser Familie" fasst Ursula Becker Levi zusammen, "nun kommen die noch …", womit sie Angelika und ihren Bruder Thomas meint, die beide kein Interesse an einer Familiengründung zeigen, schon gar nicht einer heterosexuellen. Stattdessen gehört der Bruder eben zur Produktionsleitung und half dadurch bei der Realisierung dieses Projekts.

Es würde der Geschichte der Familie nicht gerecht werden, auch nur zu versuchen, sie an dieser Stelle nachzuerzählen. In Ursulas Jugend geht es um Pogrome, Selbstmord oder Exil, große Teile der Familie werden ausgelöscht, aber Ursula, ihr Bruder und die Mutter überleben. Dann folgt das Leben als frühe Ökologin in Chile (das Spezialgebiet "Überleben von Pflanzen in Extremsituationen" reflektiert auch wieder die eigenen schmerzlichen Erfahrungen), schließlich 1957 die Rückkehr nach Deutschland und die Heirat mit einem evangelischen Pfarrer, aus der dann auch Angelika und Thomas hervorgehen. Schließlich dann Krebs, geistige Verwirrung - und dieser Film, der nicht nur von seiner Regisseurin lebt, sondern auch von der abwesenden Hauptdarstellerin, die jahrelang Buch über ihr Leben führte, Cassetten besprach und vieles aufhob - wie etwa die frühen Kinderzeichnungen, die bereits den weiteren Lebensweg vorzeichneten.

Offensichtlich fühle ich mich überfordert, den Film, die Geschichte dahinter oder auch nur meine Faszination in Worte zu fassen, ohne durch überflüssiges Geplänkel zuviel vorwegzunehmen - ich möchte mich lieber ausgiebig über diesen Film unterhalten, als versuchen, ihn nachzuerzählen - am besten, man schaut sich "Mein Leben Teil 2" selbst an, allzu viele Dokumentarfilme, die mich derart fesseln und auch filmisch überzeugen, kommen mir nicht unter.