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Marc Degens: ERIWAN


 

November 2003
Thomas Vorwerk
für satt.org

Opening Night
USA 1977

Opening Night (R: John Cassavetes)

Buch
und Regie:
John Cassavetes

Kamera:
Al Ruban

Schnitt:
Tom Cornwell

Musik:
Bo Harwood

Darsteller:
Gena Rowlands (Myrtle Gordon), Ben Gazzara (Manny Victor, Regisseur), John Cassavetes (Maurice Aarons), Joan Blondell (Sarah Goode, Autorin), Paul Stewart (David Samuels, Produzent), Zohra Lampert (Dorothy Victor), Laura Johnson (Nancy Stein), John Tuell (Gus Simmons), Ray Powers (Jimmy), John Finnegan (Requisiteur), Louise Fitch (Kelly), Fred Draper (Leo), Katherine Cassavetes, Lady Rowlands, Briana Carver, Angelo Grisanti, Meade Roberts, Eleanor Zee, David Rowlands, Peter Falk, Peter Bogdanovich

140 Min.

Kinostart:
27. November 2003

Opening Night



Opening Night (R: John Cassavetes)

Opening Night (R: John Cassavetes)

Opening Night (R: John Cassavetes)

Opening Night (R: John Cassavetes)

Im Dezember 1977 mit nur einer Kopie in den USA gestartet, war "Opening Night" wohl auch wegen des Titels der Eröffnungsfilm der Berlinale 1978, brauchte dann aber ein Vierteljahrhundert, bis der peripher Verleih nun auch diesen "entdeckt" hat. Wobei man sich natürlich fragt, wie es passieren kann, daß inmitten der Dutzend Filme, die John Cassavetes innerhalb von ebenfalls 25 Jahren (1960-85) inszenierte, über so lange Zeit ein solches "schwarzes Loch" verbleiben konnte, haben doch fast alle seine Filme Kultcharakter und sind zumindest vom Titel her bekannt. "Shadows", "Faces", "A Woman under the Influence", "The Killing of a Chinese Bookie", "Gloria", "Love Streams", und jetzt auch "Opening Night", der gerade durch die zeitliche Distanz einen besonderen Reiz entwickelt.

So kann man die zwei mittlerweile etwas in Vergessenheit geratenen Lieblingsdarsteller des Regisseurs, Gena Rowlands ("Night on Earth") und Ben Gazzara ("Buffalo 66", "Dogville"), noch einmal auf dem Höhepunkt ihrer Karriere erleben, und dadurch, daß das Altern bereits damals das Thema des Films war, gewinnt die Aussage des Films nur noch.

"Opening Night" ist sicher kein Film, der durch seine Perfektion besticht, eher a diamond in the rough, aber aus der heutigen Sicht ist es besonders bemerkenswert, an wie viele spätere Filme diese psychologische Studie einer Theaterschauspielerin erinnert, und man darf sich fragen, ob die Bedeutung des Streifens für die Filmgeschichte nicht unterschätzt wird. Abel Ferraras "Snake Eyes", Pedro Almodovars "Todo sobre mi madre" oder Manoel de Oliveiras "Je rentre à la maison" scheinen alle auf verschiedenen Aspekten des Films aufzubauen, doch zumindest an die darstellerische Leistung der Gena Rowlands kommen sie nicht heran.

Als Myrtle Gordon ist sie die Hauptdarstellerin des Theaterstücks "The Second Woman", dessen Eröffnungsnacht wir während des Films gleich zweimal erleben. Zunächst in New Haven, wo trotz Publikumsvorstellungen noch an dem Stück gefeilt wird. Myrtle hat Probleme mit der von ihr dargestellten Figur, kann die Aussage der Autorin, die den Alterungsprozeß thematisiert hat, einerseits viel zu gut nachfühlen, andererseits bleibt ihr schleierhaft, was das Stück bewirken soll, und sie befürchtete, daß sie mit dieser "Großmutter-Rolle" ihre Karriere frühzeitig einengen könnte.

Dabei wird ihr Problem durch die Abweisung durch ihren Co-Star (Cassavetes) noch verstärkt, insbesondere eine im Skript festgelegte Ohrfeige wächst sich zu einem Problem aus. Als wäre das noch nicht genug, hat Myrtle auch noch ein Alkoholproblem und leidet unter Schuldgefühlen, weil ein junger Fan bei einem Autounfall "ihretwegen" ums Leben gekommen ist. Die 17jährige tote Nancy wird nun zu einer Erinnerung an Myrtles eigene Jugend (die Ähnlichkeit ist frappierend) und sucht sie heim, Myrtle wird zu einer Method Acting-Modernisierung von Hamlet, und Gena Rowlands spielt um ihr Leben.

Doch der fast zweieinhalbstündige (in einer frühen Schnittfassung angeblich doppelt so lange) Film ist keine langweilige Psycho- oder Schauspielstudie, trotz einiger Ecken und Kanten fesselt der Film, entwickelt neben seiner filmischen Rebellen-Ästhetik der 70er und der bergmanesken Versuchsaufbauung wie nebenbei auch noch eine spannende Geschichte.