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Die Box


 

Juli 2003
Benjamin Happel
für satt.org

Swimming Pool
F/GB 2003

Swimming Pool (R: François Ozon)

Regie:
François Ozon

Buch:
François Ozon
(in Zusammenarbeit mit Emmanuèle Bernheim)

Kamera:
Yorick le Saux

Schnitt:
Monica Coleman

Musik:
Philippe Rombi

Darsteller:
Charlotte Rampling (Sarah Morton), Ludivine Sagnier (Julie), Charles Dance (John Bosload), Marc Fayolle (Marcel), Jean-Marie Lamour (Franck), Mireille Mossé (Marcels Tochter), Michel Fau (erster Mann), Jean-Claude Lecas (zweiter Mann), Lauren Farrow (Julia), Sebastian Harcombe (Terry Long), Frances Cuka (Frau in der U-Bahn)

Kinostart:
14. August 2003

Swimming Pool




Swimming Pool (R: François Ozon)



Swimming Pool (R: François Ozon)



Swimming Pool (R: François Ozon)



Swimming Pool (R: François Ozon)



Swimming Pool (R: François Ozon)

Wasser füllt die ganze Leinwand, hellblau, Swimming-Pool-blau. Es dauert eine Weile in den Film hinein, bis Sarah Morton (Charlotte Rampling) in den Pool eintaucht, und ihr Körper unter der Wasseroberfläche entlang gleitet, leicht verzerrt durch die Brechung des Lichtes. Es dauert eine Weile, da sie sich erst gewöhnen muss an das Haus mit Pool, in das sie ihr Verleger geschickt hat, damit sie dort Ruhe findet und einen weiteren Roman ihrer Krimiserie schreibt. François Ozon erzählt in Swimming Pool von der Entstehung jenes Buches, vom kreativen Prozess, von der Verarbeitung von Inspirationen, er erzählt vom Schaffen eines Textes und kreiert dabei selbst eine kunstvoll verwobene Geschichte.

So wie die Oberfläche des Wassers die Körper, die es birgt, verzerrt, so verzerrt auch Ozons Leinwand die Figuren, die jener uns zeigt: Immer neue Charakterzüge kommen zum Vorschein, immer andere Geheimnisse werden enthüllt, in jeder Szene droht die Handlung wie die Bilder unter Wasser in leichten Sprüngen zu wechseln und sich zu verändern. Kaum etwas bleibt, wie es zunächst scheint, alles fließt und wandelt sich im Lauf der Erzählung. Nur kurze Zeit verbringt Sarah tatsächlich allein in dem französischen Landhaus, nach wenigen Tagen schon taucht unerwartet ein weiterer Bewohner auf: Julie (Ludivine Sagnier), die Tochter von Sarahs Verleger. Mit Ludivine Sagnier findet Ozons Kamera (Yorick le Saux) einen zweiten Fixpunkt: Die Spannungen des Filmes, die langsam zu immer größeren Brüchen im Text führen, entstehen nicht zuletzt aus der Oszillation zwischen den beiden weiblichen Körpern. Was in Ozons großartiger Fassbinder-Adaption Tropfen auf heiße Steine noch die aufgeregt voyeuristische Beobachtung der nackten Ludivine Sagnier war, wird in Swimming Pool zur regelrechten Besessenheit. Die Kamera erforscht Sagniers Körper Zentimeter für Zentimeter und ihre Sexualität wird zur die Handlung vorantreibenden Kraft: Nachdem Julie Nacht für Nacht andere Männer, deutlich älter als sie selbst, mit ins Haus bringt, wachsen die Differenzen zwischen der nach Leben hungernden Julie und der Ruhe und Inspiration ersehnenden Sarah. Die Lust am Blick war schon für Laura Mulvey die dominante Kraft hinter dem Mechanismus der Bilder, jegliche Narration folgte in Mulveys früher feministischer Filmtheorie vor allem einem: dem "Maßstab des Verlangens", der Lust am Blick. Ozons Film jedoch zeigt mehr als ein bloßes Spektakel von Leibern, er verfolgt mehr als den skopophilischen Instinkt des patriarchalen Kinos. Der Blick, der bei Mulvey das Kino definiert, wird bei Ozon weiter gegeben vom Zuschauer an die Protagonisten, deren Blicke ein kompliziertes Gewebe schaffen, in dem schon sehr bald nicht mehr klar ist, wer Voyeur ist und wer das Objekt des Blickes. Die Blicke werden gebrochen im Wasser, reflektiert in den Spiegeln der Mise-en-Scene und gelenkt in den Fassbinder'schen Rahmungen des Bildfeldes. Geblickt wird von Innen nach Außen und umgekehrt, vom Haus in den Spiegel in den Garten in den Pool.

Die Beziehung zwischen den beiden Frauen, der Konflikt, die Gratwanderung zwischen Abneigung und beginnender Faszination dominiert einen großen Teil des Films. Ozon beherrscht sein Fach, und mit jedem weiteren seiner Filme legt er einen neuen Beweis hierfür vor. Vor dem in Sirk'scher Ästhetik gehaltenen Krimi-Musical Huit Femmes analysierte er in Sous le Sable subtil und einfühlsam die Auswirkungen eines traumatischen Verlustes. Swimming Pool ist anders - verspielter, leichter. Auch Sous le Sable zog einen großen Teil seiner Kraft aus dem Bild des Wassers, meist aber war es die Weite und Verlorenheit des Meeres, die mit der Einsamkeit der Hauptfigur - auch damals gespielt von Rampling - korrespondierte. Es gibt allerdings auch inmitten von Sous le Sable eine kurze Sequenz, in der Rampling eintaucht in das Wasser eines Pools. Sie schwimmt unter der Oberfläche aus dem Bild und zurück bleiben nur einige verirrte Bruchstücke ihres Körperbildes. Wie ein Vorgriff auf Swimming Pool wirkt jene Szene retrospektiv - ein Vorgriff darauf, was geschieht, wenn die bedrohliche Weite des Meeres ersetzt wird durch die Privatheit eines Pools, und wenn damit auch der Regisseur übergeht von der Erzählung eines ein Leben verändernden Ereignisses in Sous le Sable hin zu einem nun beinahe kammerspielartigen Porträt der Beziehung zweier Menschen. Swimming Pool pulsiert förmlich von der Energie, die diese beiden Figuren der Erzählung durch ihr Spiel freisetzen und die das Drehbuch in jeder weiteren seiner Kehrtwendungen schafft.

Ozon schöpft aus einem schier unerschöpflichen Vorrat an filmgeschichtlichen Verweisen: es sind nicht nur die Rahmungen des Bildfeldes Fassbinders, die Ozon evoziert, es ist auch Hitchcocks Suspense und die zwiespältige Faszination füreinander der beiden Frauen in Bergmans Persona. Ozon kann es sich leisten, all die Meister herbeizuzitieren, denn seine eigene Handschrift muss sich nicht hinter der seiner Vorgänger verstecken - Ozon ist einer der aufregendsten zeitgenössischen Filmemacher und sein Swimming Pool ein hervorragendes Stück Kino.