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Die Box


 

Juli 2003
Thomas Vorwerk
für satt.org

Amores Possíveis
Brasilien 2001

Amores Possíveis (R: Sandra Werneck)

Regie:
Sandra Werneck

Buch:
Paulo Halm

Kamera:
Walter Carvalho

Darsteller:
Murilo Benicio (Carlos), Carolina Ferraz (Julia), Emilio de Mello (Pedro), Irene Ravache (Mutter), Beth Goulart (Maria), Alberto Szafran (Lucas), Drica Moraes (Carol), Luiza Mariani (Dandara), Christine Fernandes (Rendezvous-Vermittlerin)

Kinostart
31. Juli 2003

Amores Possíveis




Amores Possíveis (R: Sandra Werneck)

Amores Possíveis (R: Sandra Werneck)

Amores Possíveis (R: Sandra Werneck)

Amores Possíveis (R: Sandra Werneck)

Amores Possíveis (R: Sandra Werneck)

Amores Possíveis (R: Sandra Werneck)

Wenn man sich mit Filmen aus eher exotischen Filmländern beschäftigt, hat man oft das Gefühl, daß einem gewisse Hintergrundinformationen fehlen. Dies ist bei "Amores Possíveis" nicht so, er ist ebenso universal verständlich wie "Bella Martha" oder "Elling", denn es ist offensichtlich, daß diese Filme nicht nur für ein Nationalpublikum gedreht wurden, auch wenn man den internationalen Erfolg natürlich nie erzwingen kann.

Und auch, wenn es bei diesen "möglichen Lieben" natürlich um das universellste aller Filmthemen geht, und es wirklich keinen Unterschied macht, ob man in Oslo, Rio de Janeiro oder Wanne-Eickel unglücklich verliebt ist, ist "Amores Possíveis" auf seine Art auch viel mehr als eine herkömmliche Liebesgeschichte, denn hier sind es drei Liebesgeschichten, die ähnlich wie in "Lola rennt" Alternativen öffnen.

Im Kino gibt es bestimmte Situationen, bei denen es überdurchschnittlich oft regnet. Offensichtlich ist es bei Beerdigungen. Ich habe in Erdkunde damals nicht ausreichend aufgepasst, um zu wissen, wie häufig es in Rio de Janeiro regnet, aber wenn Carlos im strömenden Regen auf seine Verabredung wartet, die ihn dann versetzt, so scheint mir der Regen weniger ein Indiz für regionale Vorkommnisse als ein nicht besonders schwer zu interpretierendes Stilmittel. Hatte ich schon erwähnt, daß Carlos mit seiner Julia ins Kino gehen wollte? Und daß der Film "Amores Possíveis" geheißen hätte? Selbstreflexivität, ick’ hör dir trapsen …

15 Jahre später: Carlos ist ein erfolgreicher Anwalt in einer festgefahrenen Ehe, der Julia wiedertrifft.

Beziehungsweise: Carlos lebt noch bei seiner Mutter und sucht seine Traumfrau.

Oder auch: Carlos lebt zusammen mit Pedro und streitet sich mit seiner Exfrau Julia um den gemeinsamen Sohn.

Dreimal sehen wir Carlos im Bett liegen, neben ihm liegt jedesmal eine andere Person, aber nie ist es Julia. Parallel werden diese drei Möglichkeiten aufgezeichnet, die teilweise Gegenpole sind, sich aber manchmal auch ähnlich entwickeln. Und jedesmal trifft Carlos wieder auf seine Traumfrau Julia … und die allerwenigsten Kinozuschauer dürften wohl noch nie auf die Idee gekommen wären, wie es wohl wäre, wenn sie jetzt Katja Harder, Vera Lukies oder Winnie Wefelmeyer wiedertreffen würden, und ob eine "Was wäre, wenn …"-Liebe eine Chance hätte.

Genau wie Lola und Manni haben Carlos und Julia drei Chancen, aber nicht hintereinander, sondern gleichzeitig. Das ist für den Zuschauer manchmal verwirrend, aber es ist umso erstaunlicher, wie es Regisseurin Sandra Werneck und ihren Darstellern gelingt, dem Zuschauer nie den Überblick verlieren zu lassen, obwohl die Unterschiede zwischen Glattrasur und Dreitagebart allenfalls als visuelle Erinnerungen wirken, der Film aber auch funktionieren würde, wenn die 15 Jahre Carlos und Julia überhaupt nicht verändert hätten. Selbst Pedro, die einzige Nebenfigur, die in allen drei "Möglcihkeiten auftaucht, und der durch Blondierung etc. am auffälligsten "verändert" auftritt, ist "im Inneren" viel interessanter verändert …

Leider ist "Amores Possíveis" öfters zu sehr mit Äußerlichkeiten beschäftigt (ähnlich wie "Bella Martha", könnte auch am selbstverliebten Kameramann liegen) und versäumt es gründlich, seine Hauptfiguren aus dem Dunstkreis der Traumschwiegersöhne und -töchter zu entführen (Bitte Nachhilfe bei "Elling" nehmen), doch für einen in jeder Hinsicht kinomäßigen Film über die Liebe geht er schon einige Wagnisse ein, und belohnt wird dabei vor allem der Zuschauer.

Die interessanteste Frage für mich ist, ob "Amores Possíveis" wirklich massenpublikumstauglich ist, oder ob Friseurinnen, die sonst in Romantic Comedies wie "Ein Zahnarzt zum Verlieben" gehen, mit dem doch etwas postmodernen Ende überfordert sind. Mein Auftrag an alle Leser dieser Rezension: Schnappen Sie sich eine Person, die sonst nur Filme mit Tom Hanks und Meg Ryan schaut und sehen sie sich zur Abwechslung mal "Amores Possíveis" an. Und wenn das undankbare Weibs- (oder Manns-)Bild sie versetzt, probieren Sie es halt in 15 Jahren noch einmal …