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Oktober 2002
Thomas Vorwerk
für satt.org

Ernst sein ist alles
The Importance of Being Earnest

GB/USA 2002

Oliver Parker: The Importance of Being Earnest

Buch
und Regie:
Oliver Parker

Lit. Vorlage:
Oscar Wilde

Kamera:
Tony Pierce Roberts

Schnitt:
Guy Bensley

Musik:
Charlie Mole

Darsteller:
Rupert Everett (Algernon Moncrieff), Colin Firth (Jack), Reese Witherspoon (Cecily), Judi Dench (Lady Bracknell), Frances O'Connor (Gwendolen), Tom Wilkinson (Dr. Chasuble), Anna Massey (Miss Prism), Edward Fox (Lane)


Ernst sein ist alles
The Importance of Being Earnest


Vor dem Film hatte ich eigentlich vor, das Stück von Oscar Wilde zu lesen, doch ich kam wegen Zeitnot nicht über die ersten vier Seiten hinaus. Doch bereits die intime Textkenntnis der ersten paar Seiten öffnete mir die Augen dafür, wie weit diese Verfilmung sich mitunter von der Vorlage entfernt hat.

Und manch einer mag jetzt sagen, dies sei zum Besseren geschehen, doch ich bin mir da nicht sicher, denn während das Stück trotz mancher konstruiert wirkender Schicksalswendungen schon allein durch den Wortwitz Wildes noch in einigen Jahrhunderten bestehen mag, ist die Verfilmung für meinen Geschmack viel zu gefällig. Beispielsweise will sie sich darin gefallen, den Stoff einem modernen Publikum nahezubringen, doch dieses “moderne Publikum” scheint mir anhand einiger aktueller Klassenschlager wie “Shakespeare in Love”, “Great Expectations”, “Emma” oder “Bridget Jones’s Diary” definiert worden zu sein.



Oliver Parker: The Importance of Being Earnest

Oliver Parker: The Importance of Being Earnest

Oliver Parker: The Importance of Being Earnest

Oliver Parker: The Importance of Being Earnest

Oliver Parker: The Importance of Being Earnest

Ich möchte dies an einer kleinen Filmszene demonstrieren. Während eines Gesprächs, das Regisseur und Drehbuchautor von einer Privatstube in ein ziemlich zwielichtiges Etaiblissement verlegt hat, berichtet Algernon seinem Freund von dem für morgen angekündigten Besuch. Während er dabei Lady Bracknell nennt, gibt es einen Schnitt zur Genannten, meines Erachtens ein den Zuschauer entmündigender Eingriff, um den Namen der Figur mit der dazugehörigen Person zu verbinden (Wilde gab sich redlich Mühe, das Gegenteil zu erreichen). Die von Judi Dench porträtierte Lady übt sich gerade im Bogenschießen, und erweckt dabei den Eindruck, Haare auf den Zähnen zu haben. Die Kamera fährt nach rechts, und während aus dem Off Algys Stimme auch seine Cousine Cecily erwähnt, sieht man auch diese mit Pfeil und Bogen. Und im Moment, als sie ihren Pfeil verschießt, gibt es einen Reißschwenk mit Schnitt auf den von ihr sehr angetanen Zuhörer, der sich wie getroffen das Herz hält. So wird visuell etwas übertrieben seine Liebe dargestellt, obwohl man dieses Wissen auch aus seinen Worten hätte entnehmen können. Und derlei vermeintlich clevere Ideen, um den Text zu “erweitern”, wendet Parker des öfteren an. Eine andere Stelle aus einem Liebesbrief gewinnt eine völlig neue Bedeutung durch eine Tätowierung an delikater Stelle, sicher nicht zeitgemäß für die viktorianische Gesellschaft.

Alles in allem findet der Film nicht zu einem angemessenen Stil. Da hat man einerseits den klassischen Text und die durchaus dazu passenden Darsteller, dazu prächtige Kostüme und sonnendurchflutete Landschaften. Dazu kommen dann diese schleichenden, sich irgendwie versteckenden Zugaben, die das Stück moderner, zweideutiger und auf wenig subtile Weise witziger machen wollen, doch es wirkt teilweise einfach wie eine Art “Moulin Rouge” in Zeitlupe.

Ich bin mir sicher, daß dieser Film vielen Leuten viel Spaß bereiten wird, womöglich sogar den Verkauf des Wildeschen Stückes noch mal ankurbeln wird, doch dieser Film ist manchmal eine Spur zu weit von der Atmosphäre des Stücks entfernt. Womöglich werden bei einigen Betrachtern vor allem die übertriebenen “Zugaben” im Gedächtnis bleiben, während das (beabsichtigt) skurrile Handlungsgerüst womöglich gar dem “alten Schinken” angerechnet werden wird. Doch während Brannaghs “Love’s Labour’s Lost” eine gescheiterte, aber nichtsdestotrotz interessante Neuinterpretation war, ist Parkers Film zu altbacken, um innovativ zu sein, und zu neumodisch, um textgetreu zu sein.

Was den Spaß am Zuschauen rettet, sind die Darsteller. Zwar kennt man Everett und Firth zu Genüge aus ähnlichen Rollen, doch wenn sie sich um Muffins streiten und ihre Angebeteten sie dabei beobachten, zeigt sich exakt jene Absurdität der Vorlage. Auch die beiden weiblichen Darsteller bringen dies gut rüber (wer kann schon Frauen ernst nehmen, die ihren Traummann aufgrund des Vornamens aussuchen?), inwieweit dies einfach ihrem simplen Naturell entspricht und keine beabsichtigte Nuance ist, mag ich nicht entscheiden. Eine gelungene Überraschung war das Wiedersehen mit Anna Massey, die mir zuletzt im späten Hitchcock-Thriller “Frenzy” aufgefallen war, und die mit Würde gealtert ihre ziemlich banale Figur mit Leben ausfüllt.