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Die Box




September 2002
Thomas Vorwerk
für satt.org

Mr. Deeds
USA 2002

Mr. Deeds

Regie:
Steven Brill

Buch:
Tim Herlihy

Kamera:
Peter Lyons Collister

Schnitt:
Jeff Gourson

Darsteller:
Adam Sandler (Longfellow Deeds), Winona Ryder (Babe Bennett), Peter Gallagher (Chuck Cedar), Jared Harris (Mac McGrath), Allen Covert (Marty), Erick Avari (Cecil Anderson), John Turturro (Emilio Lopez), Peter Dante (Murph), Steve Buscemi (Crazy Eyes), Harve Presnell (Preston Blake), Tim Herlihy (Fireman), John McEnroe


Mr. Deeds


Mr. Deeds goes to town“The Hudsucker Proxy” war wohl der glorioseste Reinfall der Coen-Brüder, mit dem das “ganz normale” Kinopublikum seinerzeit wenig anfangen konnte, und Frank Darabonts “The Majestic” mit Jim Carrey hat außer dessem Stammpublikum wohl so gut wie niemand im Kino gesehen. Doch diese kleinen Mißerfolge hielten Hollywood nicht davon ab, nun auch noch ein ziemlich direktes Remake eines Frank Capra-Klassikers zu drehen. Und wenn man “Mr. Deeds goes to Town” mit Gary Cooper in der Titelrolle nicht kennt, ein Freund des aktuell angesagten Typs von Humor ist, wie man ihn etwas extremer aus den Filmen der Farrelly-Brüder kennt, oder schlichtweg Adam Sandler mag, wird man mit diesem Film auch viel Freude haben.

Für Puristen wie mich, die sich öfter Stummfilme im Kino anschauen als aktuelle Blockbuster, und insbesondere, weil ich das Original erst vor einigen Monaten im Kino sah, ist es indes erstaunlich, wie weit man sich von dem Flair Capras entfernen kann, ohne daß die Geschichte irreparablen Schaden annimmt. Adam Sandler ist nicht Gary Cooper, und will es auch gar nicht sein. Seine Interpretation der Figur entfernt sich mitunter auch etwas von dem Longfellow Deeds, der kein Problem mit seinem Vornamen hatte, und der sich beispielsweise wie ein Kavalier und Held benahm, wenn er in eine Schlägerei geriet, statt das Zusammenschlagen eines längst hilflos auf dem Boden liegenden Muggers als humorige Episode zu zelebrieren. Die eindeutig dem Zeitgeist entsprechenden Humorversuche sind es somit auch, die mich bisweilen etwas befremdlich dreinschauen ließen.

Die allerersten Bilder des Films, noch vor dem Vorspann, zeigen einen Sternenhimmel, bei dem jeder Capra-Freund an “It’s a wonderful Life” denken muß. Doch dann beginnt die Geschichte mit dem Ableben des Multimilliardärs Blake (Harve Presnell), dessen malträtierte Leiche später auch noch für einen Lacher gut sein muß. Auch Capra war sich mal nicht zu schade, in “Arsenic and Old Lace” eine zu versteckende Leiche als “Running Gag” zu verwenden, doch war er dabei noch weitaus taktvoller als selbst Hitchcock, der in den 50ern den “Trouble with Harry” durchaus auch visuell einzusetzen wußte. Doch seit man beim “Weekend at Bernie’s” dem verblichenen Titelhelden das Toupet an den Schädel tackern durfte, und dafür sogar mit einer Fortsetzung belohnt wurde, ist es weit her mit Pietät und Respekt, wenn es doch nur um die sterblichen Überreste einer Person geht, die in der Handlung des Films nur einen “MacGuffin” abgibt. Mr. Deeds

Vielleicht liegt es an mir, aber ich kann zwar über Späße wie den absolut schmerzunempfindlichen “Gefrierbrand”-Fuß von Deeds lachen, aber dem Film als Ganzen nehmen auch Nebenfiguren wie “Crazy Eyes” Steve Buscemi einfach die Glaubwürdigkeit. Nicht, daß sich der Capra-Film durch übertriebenen Realismus auszeichnete, aber Winona Ryder (auf die ich mal große Stücke hielt) ist hier auch nicht die Karrierejournalistin inmitten der patriarchalen Übermacht, die angesichts des von ihr zur Schau gestellten Provinzlers die üblichen Werte wie “Liebe, Heiraten, Kinder kriegen” entdeckt, was zwar nicht nur altmodisch, sondern erzkonservativ klingt und ist, aber trotzdem in Hollywoods goldenen Zeiten für ein wunderschönes Happy-End sorgte. Nein, die Journalistin dieses Films ist schlampig und nicht besonders intelligent. Wenn sie etwa nach ihrem Heimatstädtchen gefragt wird, fällt ihr nichts überzeugenderes ein als “Winchester …ton …field …ville” in Ohio, ein Gag, wie man ihn von Kevin Kline in “A Fish called Wanda” übernommen hat. Und zu ihren wichtigsten Kindheitserinnerungen gehört, daß sie ausgerechnet von “Boo Radleys Apfelbaum” fiel (immerhin scheint sie mein Lieblingsbuch zu kennen), woraufhin sie “Dr. Pepper” aufsuchen mußte. Ein Armutszeugnis für die Kreativität einer vormaligen Bilderbuchjournalistin, und Ms Ryder gelingt es zunächst auch, die fehlenden schauspielerischen Fähigkeiten ihrer Figur darzustellen (Womit auch ganz klar gesagt ist, daß es sich beim Remake nicht im entferntesten um eine Screwball Comedy handelt, denn vom schieren Drive der hier nur als Plakate zu sehenden Filme wie “Adam’s Rib” oder “The Front Page” sind wir meilenweit entfernt). Doch zumindest mir gelang es später nicht im geringsten, ihr die Kuhaugen-Show, abzunehmen, als sie dann die Liebe zu Deeds entdeckt und sich natürlich bessern will. Diese Frau, für die ich früher mal meinen linken Arm gegeben hätte, hat diesen Mann einfach nicht verdient, es wäre konsequent gewesen, wenn sie am Schluß an einen ihrer Kollegen geraten wäre. Damit hätte man sicher auch noch einen Lacher herauskitzeln können …

Für mich persönlich ist klar, daß “The Hudsucker Proxy”, jener gescheiterte Versuch, das Capra-Ambiente in die Neunziger zu übertragen, trotz der Konstruiertheit des typischen Coen-Scripts, dem es auch an Herz fehlte, ein weitaus gelungener Beitrag zur Wiederbelebung Capras ist, und das liegt bei weitem nicht nur an Tim Robbins und Jennifer Jason Leigh. Neben der nur am Rande mit Capra in Beziehung zu setzenden “Truman Show” bietet selbst der wenig bekannte Kurzfilm “Franz Kafka’s It’s a Wonderful Life” mit Richard E. Grant als Kafka und einem “Pinocchio” nachempfundenen Gewissen namens “Jiminy Cockroach” einem Capra-Fan auf der Suche nach modernen Interpretationen weitaus mehr als “Mr. Deeds”.

Trotzdem funktioniert der Film irgendwie, insbesondere für ein ganz “gewöhnliches” Kinopublikum (das mit der Coen-Version oder der Kafka-Interpretation wenig anfangen könnte). Auch wenn brennende Katzen, dicke Tenöre, die sich in die Hosen machen und Frauencatchen nur sehr bedingt komisch sind, kann man sich unterhalten lassen, sobald man erstmal begriffen hat, daß dieser Film gar nicht versucht, mit Frank Capra mitzuhalten, sondern die Macher schlichtweg erkannt haben, daß der Ursprungsstoff einfach unverwüstlich ist, und sich somit mal wieder zeigt, daß Remakes zwar selten mit wirklichen Innovationen zu überraschen wissen, aber oft, was die Besucherzahlen angeht, eine sichere Sache sind.

Und die Auftritte von Dauer-Coen-Darsteller John Turturros in “Mr. Deeds” sind (im Gegensatz zu denen von Kollege Buscemi) auch eine sichere Sache.