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Die Box




Februar 2002
Andreas Geil
für satt.org

Bloody Sunday
GB/Irland 2001
107 Minuten

Paul Greengrass: Bloody Sunday

Buch und Regie:
Paul Greengrass

nach dem Buch:
"Eyewitness Bloody Sunday"
von Don Mullan

Kamera:
Ivan Strasburg

Schnitt:
Clare Douglas

Musik:
Dominic Muldoon

Darsteller:
James Nesbitt
Tim Pigott-Smith
Nicholas Farrell
Gerard McSorley
Kiera Clarke
Allan Gildea
Gerard Crossan Mary Moulds
Carmel McCallion
Declan Duddy
Chris Villiers
u. a.

Weitere Informationen:
www.berlinale.de



Minds Locked Shoot

Live von der Berlinale:
Bloody Sunday



Freitag Nacht in Berlin. 23.30 Uhr: Spätvorstellung im Royal-Palast am Bahnhof Zoo, neben dem Europacenter. Das Umfeld könnte nicht besser sein für eine solche Geschichte.

Der Film endet mit dem unvermeidlichen Song der irischen Popgruppe U2. "How long must I sing a song", fragt der aus Dublin stammende Frontmann der bekannten Kapelle recht pathetisch. Vielleicht so lange, bis es ein solcher Film in den Wettbewerb der Berlinale schafft.

Im Jahre 1972 gab es in Derry, was die Briten noch immer, in der Besatzersprache, Londonderry nennen, eine Bürgerrechtbewegung. Der Film zeigt die sich anbahnende Gewalt auf eine subtile Weise: Der nordirische Abgeordnete Cooper (James Nesbitt) ist der Anführer dieser Bewegung. Für den 30. Januar 1972, einen Sonntag, kündigt er auf einer Pressekonferenz einen friedlichen Marsch durch die Stadt an.

Der kommandierende englische Offizier stellt ebenfalls auf einer Pressekonferenz sicher, dass für alle mögliche Gewalt von vorneherein nur die Gegenseite verantwortlich zu machen sei. Schließlich sei das doch das Gesetz.

Filmisch eingefangen mit einer Digitalkamera, baut sich ein gefährliches, unruhiges, hastiges Klima auf. Ein 17-Jähriger Katholik ist am Abend zuvor mit seiner Freundin beim Kinder hüten, um zwischen den Schreien des Babys, einige Augenblicke der Zärtlichkeit zu genießen. Es werden die letzten sein.

Eine Gruppe Fallschirmspringer der britischen Armee bereitet sich auf den Einsatz vor. Sie sollen Ihren Offizier stolz machen, indem sie ein paar der Anführer der vermeintlichen Störenfriede beseitigen. Sie kamen erst in der Nacht zuvor in die Stadt.

Wie haben wir uns diesen Bloody Sunday immer vorgestellt?

Vielleicht in der Form, dass eine wütende Menschenmasse auf ein Heer von Bewaffneten zumarschiert und sich abschlachten lässt. Der Film stellt die Hintergründe dieser Geschichte jedoch deutlicher und besser dar. Die Trostlosigkeit der Ghettos, dass Leben in einer militärischen Auseinandersetzung, wo selbst der Schulweg der Kinder zu lebensbedrohlichen Situationen führen kann; diese grauen Bilder fängt Greengrass mit ein.

Am Eingang der Bogseide, jenes berühmten katholischen Ghettos, werden die Marschierer durch die Armee eingekesselt und langsam in die Enge getrieben. Eine unübersichtliche Situation zwischen Barrikaden, halbzerfallenen Häusern und Panzerwagen der britischen Armee. Die Fallschirmspringer postieren sich im Hinterhalt. Die Gruppe der Marschierer gerät in immer panischere Zustände, als das Feuer auf sie eröffnet wird. Die Szenen werden lange und bleiern dargestellt, hierbei beruft sich Paul Greengrass auf Augenzeugenberichte.

Siebenundzwanzig unbewaffnete Menschen werden niedergeschossen. Dreizehn Menschen sterben an diesen Sonntag. Polizei und Armee bemühen sich um eine Rechtfertigung der Vorfälle. So werden etwa die Tatorte abgesperrt, und den Rettungswagen wird die Einfahrt verweigert. Freunde wollen unseren 17-Jährigen Liebhaber vom Vorabend schwer verletzt in ein Krankenhaus fahren. Der Wagen wird aufgehalten, da die Briten dringend bewaffnete Demonstranten benötigen. Die Soldaten verstecken eine Nagelbombe in der Jacke des sterbenden Jungen.

In ihren Aussagen sahen die britischen Soldaten plötzlich lauter bewaffnete Demonstranten, die auf sie schossen und Bomben werfen wollten. Den Ordnungskräften ist es nicht gelungen auch nur eine dieser Waffen und Bomben am Tatort zu finden. Die Führung stellt zufrieden fest, dass zumindest Ruhe in Londonderry sei, in dieser Nacht.

Der Abgeordnete Cooper trägt das Unfassbare der Presse vor, er wird darauf verweisen, dass dies das Ende der Bürgerrechtsbewegung in Derry sei, und in dieser Nacht zahlreiche junge Männer und Jugendliche der IRA in die Hände laufen werden. Der Film endet mit dem Hinweis, dass der oberste englische Richter festgestellt hat, dass die britischen Soldaten nach Recht und Gesetzt gehandelt haben. Später werden Sie von der Queen geadelt werden.

Als wir das Kino verlassen regnet es in Berlin. Dieser Film wird keinen Preis auf der Berlinale gewinnen, aber er ist im Wettbewerb gelaufen … …