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Die Box




Juli 2001
Thomas Vorwerk
für satt.org


Emil und die Detektive
D 1931/2000

Regie:
Gerhard Lamprecht/Franziska Buch

Buch:
Billie Wilder/Franziska Buch

Lit. Vorlage:
Erich Kästner

Kamera:
Werner Brandes/Hannes Hubach

Darsteller:
Rolf Wenkhaus/Tobias Retzlaff (Emil), Inge Landgut/Anja Sommavilla (Pony Hütchen), Fritz Rasp/Jürgen Vogel (Grundeis), Käte Haack/Kai Wiesinger (Mutter Tischbein/Knut Tischbein), Hans Richter/-?- ("Fliegender Hirsch"/Krummbiegel), Hans Albrecht Löhr/Tobias Unkauf ("Dienstag"), --/Maria Schrader (Pastorin Hummel), Hans-Joachim Schaufuß/David Klock (Gustav), --/Maximilian Befort ("Gypsi")



Im Rahmen einer Kinderfilmserie in meinem Lieblingskino konnte ich innerhalb von zwei Wochen diese zwei Verfilmungen des Erich Kästner-Klassikers sehen, zwischen denen 70 Jahre, ein Weltkrieg, eine Landesteilung und Wiederzusammenführung lagen, und die in ihrer Darstellung "meiner" Stadt einen unterschiedlichen Zauber verbreiteten.

Bei (Drehbuchautor) Billy Wilder denkt man natürlich an so glorreiche Berlin-Filme wie "Menschen am Sonntag", "A Foreign Affair" oder "One, Two, Three", und auch Regisseur Gerhard Lamprecht drehte gern in der Haupstadt. Umso erstaunlicher, daß die bemerkenswertesten Szenen der Erstverfilmung außerhalb von Berlin entstanden. Der Lausbubenstreich mit der Statue und die Halluzination im Zugabteil, nachdem Emil die KO-Bonbons des zwielichtigen Grundeis zu sich nahm. Der Rest des Films ist so unspektakulär verspielt, wie ein Kinderfilm sein sollte, weiß aber auch Erwachsene in seinen Bann zu ziehen, nicht zuletzt durch die hervorragenden Darsteller, allen voran Fritz Rasp.

In der neuen Version hat man stattdessen Jürgen Vogel, mit schwarzer Lederjacke, angespitzten Zähnen und Horror-Comic für heutige Kinder sicher bedrohlicher als der Anzugsmensch Rasp, doch selbst in seinen hinterhältigsten Aktionen kommt ihm die eigene, allgemein bekannte Liebenswürdigkeit in den Weg.

Die Modernisierung der Kinder ist da schon überzeugender: Pony Hütchen ist definitiv der Pre-Teen-Hip-Hop-Szene zuzuordnen, wie allein schon ihre Körpersprache beim ersten Auftritt klarmacht. Dienstag ist heutzutage natürlich nicht mehr das einzige Kind, dessen Eltern zuhause ein Telefon haben, sondern derjenige, der zuerst sein Handy aus der Tasche hat. Und aus dem "fliegenden Hirsch" wurde ein Comic-Fan, die entsprechend eigentümliche Sprache kann wahre Comic-Experten aber nur schaudern lassen. Kotz, würg, spei! Karl May ist zwar nicht besser als Erika Fuchs, aber "Clever & Smart" schlägt er um Längen. Identifikationsperson Emil wurde von aktuellen Charakterika verschont, einzig seine Kleidung outet ihn in Ponys Augen gleich als Provinzler (wobei die Vorurteile gegen die neuen Bundesländer in Grenzen gehalten werden).

Bei den Erwachsenen gibt es da schon mehr Veränderungen, wie man ja auch bei Caroline Links "Pünktchen und Anton" sehen konnte. Aus Emils Mutter wird Vater Kai Wiesinger, für den Emil nochmal so nebenbei einen gefälschten Führerschein organisieren will. (Die bereits oben schon angedeutete politische Lage ist im Heimatort der Tischbeins etwas klischeelastiger, wenn Emils dunkelhäutiger Freund schon früh in die verspielte Illegalität driftet, nur damit Emil nicht gleich mit seinem Problem zur Polizei rennen kann.) Und spätestens beim Spaziergang am Strand wird eine Romanze mit der neu eingeführten weiblichen Erwachsenen angedeutet. Maria Schrader spielt eine ziemlich zerstreute Pastorin, deren computerbegabter Sohn Gustav (im Original "Gustav mit der Hupe", eine eher kleine Rolle) sich zunächst mit einem Untermieter rumärgern kann, um dann später zu den Detektiven zu stoßen, und zumindest in Grundzügen eine Dreiecksgeschichte anreißt.

Doch dummerweise gibt es zwei Dinge, die ich dem Film nicht verzeihen kann: Zum einen den dummen Kinder-Hip-Hop-Song, der mir die Nackenhaare hochstehen ließ, zum anderen die touristisch-cineastische Ausbeutung des Drehorts. Wenn Tom Tykwer Berlin in "Lola rennt" auf einige Straßenzüge zusammenschrumpft, fällt das dem geübten Auge auf, doch nur wenige stören sich daran. Wenn hier die Kinder in kürzester Zeit sämtliche Sehenswürdigkeiten der Stadt "abhaken" und unter anderem unter dem Flugzeug beim Technik-Museum bei Lagerfeuer übernachten, dann strapaziert das die Glaubwürdigkeit des Films schon sehr. Wenn man aber am Alexanderplatz in eine U-Bahn einsteigt, die dort abfährt, wo normalerweise die U5 nach Hönow startet, und dann nach einer Station am Gleisdreieck aussteigt, und zwar nicht am Bahnsteig der U2 (neun Stationen vom Alex), sondern an dem der U1/U15 (acht Stationen, einmal umsteigen), dann stört diese Beleidigung der Intelligenz und Ortskundigkeit des Zuschauers schon unheimlich.