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Die Box


 

Juni 2001
Thomas Vorwerk
für satt.org
Black Box BRD
Deutschland 2000

Andres Veiel: Black Box BRD

Buch
und Regie:
Andres Veiel

Kamera:
Jörg Jeshel

Schnitt:
Katja Dringenberg

Ton:
Paul Oberle

Sounddesign:
Arpad Bondy

Darsteller:
Traudl Herrhausen, Rainer Grams, Werner Grams, Ruth Grams, Dr. Helmut Kohl, Miguel de la Madrid Hurtado und diversen Vorstandsmitgliedern der Deutschen Bank



LINK:
www.black-box-brd.de



Andres Veiel: Black Box BRD


Zwei schwarze Kästen dominieren die Skyline von Frankfurt: die Wolkenkratzer der Deutschen Bank. In einer der Chefetagen werden wir Zeuge, wie eine Konferenz vorbereitet wird. Gewissenhaft rückt eine Angestellte die Sessel zurecht, verteilt die bankinternen Notizblöcke und spitzt noch einmal einige eigentlich brandneue Bleistifte, bevor sie sie feinsäuberlich auf den Blöcken plaziert, wobei der diagonal ausgerichtete Stift auf dem rechteckigen Block an das Firmenlogo erinnert, das eine aufstrebende Bilanz symbolisieren soll.

In der nächsten Szene sieht man drei Mercedes-Limousinen, die diese Dynamik zunächst noch fortführen. Doch in „Black Box BRD“ geht es unter anderem um den tödlich endenden Bombenanschlag im November 1989 auf Alfred Herrhausen, den Sprecher der Deutschen Bank, und zu diesem Ereignis bringen uns die Fahrzeuge, die so gut eine Lebensauffassung, einen Status, eine Erfolgsgeschichte repräsentieren.

Ortswechsel: Der Bahnhof in Bad Kleinen. Rainer Grams zeigt uns die Stelle, wo sein Bruder Wolfgang im Juni 1993 unter ungeklärten Umständen bei einem Schußwechsel mit GSG-9-Beamten starb, während seine Freundin Birgit Hogefeld sich verhaften ließ.

Nachdem die gewaltsamen Tode der zwei Hauptfiguren dieses Dokumentarfilms somit illustriert wurden, macht sich Regisseur Andres Veiel auf, die Lebensgeschichte zweier sehr unterschiedlicher Personen zu skizzieren. Ob es schon seinen Freiheitsdrang symbolisieren soll, oder nur als krasser Unterschied zu den Nobelschlitten, die Herrhausen bis zuletzt begleiteten, die ersten Bilder, die wir von “Gaks” Grams sehen, sind Privataufnahmen am Strand. In Sandalen stampft der bärtige junge Mann durch den Sand, dazu hört man Flower-Power-Klänge. Das soll ein Terrorist sein? Harmlos, friedliebend erscheint er, ohne Scheu wechselt er die Hose, er hat nichts zu verbergen.

Seine Eltern loben sein musikalisches Talent, das er leider nie ausleben konnte. Beinahe wäre er ans Theater gegangen. Noch heute liegt auf dem Klavier ein “Notenheft für Wolfgang” von Leopold Mozart. Dem Zuschauer wird schnell klar, daß hier mit Gegensätzen gearbeitet wird, und nach dem Widerspruch zwischen gezeigten Pazifismus und unterstelltem Terrorismus folgt ein Vergleich der Lebensstandards von Herrhausen und Grams.

Während ein Freund Herrhausens von Golfpartien berichtet und wir von seiner ersten Frau erfahren, die er womöglich auch aus materiellen Gründen geehelicht hat, ist Mutter Grams von Scham ergriffen, weil ihr Sohn im Kampf gegen den Konsum seine Kleidung beim Roten Kreuz erstand, wo man nach Gewicht bezahlt. Roswitha Bleith-Bendieck, eine Freundin von Grams, erzählt uns hindessen, wie Gaks sie in seinen Mittagspausen besuchte, wobei es sicher nicht zur romantischen Atmosphäre beitrug, daß Grams in einem Fischverarbeitungs-Betrieb arbeitete. “Aber es war trotzdem immer sehr schön.”

Natürlich muß sich jeder Zuschauer ein eigenes Bild darüber machen, inwiefern es zwischen den zwei Lebensläufen solch grundverschiedener Personen Parallelen oder Unterschiede gibt, aber zumindest gibt der Film genügend Ansätze.

Herrhausen ist 1930 geboren, Grams 1953, der Generationsunterschied ist offensichtlich. Vater Werner Grams war in der Waffen-SS, Herrhausen war Truppführer bei der Hitler-Jugend, zeigt sich hier schon eine politisch motivierte Rebellionsperspektive? Später zeigt sich eher eine gemeinsame Festigkeit im Beharren auf die Ideale. Während Grams im Kampf gegen die Isolationshaft immer wieder Gefängnisstrafen auf sich nahm, obwohl man ihm eigentlich nichts vorwerfen konnte, schrieb Herrhausen als Reaktion auf die Schleyer-Entführung einen Brief, in dem er darauf beharrt, daß man sich im Falle seiner Entführung keineswegs auf irgendwelche Geiselverhandlungen einlassen möge. Herrhausen-Freund Dr. Helmut Kohl bezeichnet sowas als “gelebten Patriotismus”.

Schon durch Volker Schlöndorffs “Die Stille nach dem Schuß” und Christian Petzolds hervorragenden Debütfilm “Die innere Sicherheit” wurde die RAF plötzlich wieder zum Gesprächsthema. Nun findet man pünktlich zum Starttermin dieses Films Haare von Wolfgang Grams in einem Handtuch, und auch der Bombenanschlag an Herrhausen wird nochmal mit neuesten Ermittlungsmethoden untersucht. Und “Der Spiegel” mutmaßt, daß sich die RAF gar neu gruppieren könnte. “Black Box BRD” ist brandaktuell, und es zeugt von Weitsicht, daß Birgit Hogefeld schon während der Dreharbeiten wenig Interesse daran zeigte, durch eine Verbindung zu dem Film ihre Lage allenfalls zu verschlechtern.

Der Film vertritt keinen Standpunkt, er zeigt Perspektiven auf, doch auch, wenn man ihm keine politisch fragwürdigen Motive unterstellen kann, stört einiges an “Black Box BRD”. Und zwar der Ton. Schon, wenn man die ausgebrannte Limousine Herrhausens in grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bildern sieht, fällt es auf, daß man die Schritte eines Sicherheitsbeamten hören kann. Später wiederholt sich dies bei Aufnahmen einer Überwachungskamera, diese Konstruktion einer Tonwelt erzeugt eine seltsame Atmosphäre, die Schritte verhallen wie das Ticken einer Uhr, ein Countdown läuft, aber entspricht das wirklich noch der Abbildung der Wirklichkeit?

An anderer Stelle versucht der Film zu sehr, die Gefühlswelt der Befragten zu ergründen. Den Interviewer, auf den Freunde und Verwandte der Verstorbenen antworten, hören wir nie, aber wir vernehmen jedes noch so winzige Geräusch, das die “Überlebenden” von sich geben. Und die Kamera hält erbarmungslos drauf, ohne eine Spur von Pietät, während sich etwa traudl Herrhausen, die Witwe, an das letzte Frühstück mit ihrem Mann erinnert. Während Werner Grams, der Vater von Wolfgang, trotz all seiner Männlichkeit auch mal zum Taschentuch greifen muß, hören wir jeden Gluckser, jedes Schlucken, den überhöhten Atem, selbst den leise quietschenden Sessel. Das ist zwar ergreifend, aber das ist auch manipulativ bis an die Schmerzgrenze, und nicht jeden Zuschauer erfreut soviel Sinn für Realität. Hat ein Gespräch vor laufender Kamera heute nur noch Bedeutung, wenn sich jemand zum Narren macht, oder jemand leidet, damit der Fernseh-Pfarrer Mitgefühl zeigen kann und die Einschaltquoten erhöht?

“Black Box BRD” ist ein perfekt inszeniertes Zeitdokument, ein gelungener Diskussionsansatz, aber auch unendlich kalt für einen Film über Menschen. Wir werden wahrscheinlich nie erfahren, wo Wolfgang Grams in den Jahren vor seinem Tod war oder was Alfred Herrhausen auf den letzten Metern dachte, aber auch wenn sich Regisseur Veiel sehr viel Mühe gab, uns diese Menschen näherzubringen, hat er in der Anwendung seiner Mittel vielleicht nicht immer daran gedacht, daß die beiden jetzt zwar kalt in womöglich schwarzen Kisten liegen, für ihre Hinterbliebenen aber immer mehr als zwei mysteriöse Todesfälle sein werden.