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13. Juli 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


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Mittwoch, der 10. Juli 2019 (Woche 28)

Ihr versteht nicht, was das soll? Schaut auf unsere Erklärseite!



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  Wonder Twins #6

Wonder Twins #6 (of 12)

Writer: Mark Russell; Artist & Cover: Stephen Byrne; Letterer: Dave Sharpe; DC Comics; $ 3,99

Anfang des Jahres begann DC mit seinen »Wonder Comics«, vier alleinstehenden, aber im DC Universe verankerten Serien für ein junges Publikum. Diese Woche wird bei Wonder Twins (man beachte das Wort »Wonder« im Titel, das vielleicht doch nicht seinen Erwartungen gerecht wurde) die erste Storyline beendet, mit Heft 12 wird die Serie eingestellt werden.

Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, dass Dial H for Hero (ein verjüngtes Reboot einer älteren Serie) ebenfalls mit Heft 12 eingestellt werden wird, während es beim vermeintlichen Flagship-Titel Young Justice noch keine solchen Verlautbarungen gab und die eindeutig erfolgreichste Serie Naomi nur die »first season« beendet. Young Justice hat aber wie Naomi den unübersehbaren selling point, dass Brian Michael Bendis, einer der beliebtesten Autoren bei DC (und sonstwo), höchstpersönlich hinter der Serie steht. Die Taktik, dass sein Name die beiden anderen Serien »mitziehen« könnte, hat also nicht geklappt. Einerseits muss man fast ein bisschen stolz auf DC sein, dass man nicht gleich zu Beginn über Crossovers und Gastauftritte versucht hat, die schwächeren Serien zu stärken (wie etwa im Ansatz beim Sandman Universe nur wenige Monate zuvor), andererseits hat dieser Launch mal wieder nicht geklappt. (Ich persönlich war übrigens von Young Justice besonders enttäuscht.)

Die »Wunderzwillinge« Jayna und Zan stammen vom Planeten Exxor, einer kleinen Utopie, wo man höchstens dann Verbrechen begeht, wenn man »so richtig« gelangweilt ist. Zan und Jayna besitzen die Superkraft, sich verwandeln zu können, allerdings mit der Einschränkung, dass sie sich nur in Tiere verwandeln kann - und er in Wasser. Klingt als Herausforderung sowohl für die Figuren als auch für den Autor erst mal gar nicht so schlecht. (Eine zusätzliche Erschwernis besteht darin, dass die beiden Geschwister ihre Fäuste zusammenstoßen müssen, um die Superkraft zu aktivieren - allerdings hat sich dies unter ihren Widersachern noch nicht herumgesprochen.)

Wonder Twins stützt sich stärker als andere Serien auf den Humor. Die Zwillinge sind typische fish-out-of-water, die sich erst auf ihren neuen Wohnort (Planet Erde) einstellen müssen, wobei Zayna voller Initiative und kritischer Skepsis auftritt, während ihr Bruder mit vielen spinnerten Ideen vor allem »Mädels klarmachen« will (zumindest redet er davon, passieren tut in der Abteilung eher wenig). Autor Mark Russell zieht aber auch mit einer gewissen Kompetenz anderes durch den Kakao, etwa typische Schulrituale oder in Heft 1 quasi die gesamte Justice League nebst veralteter Technologie und suboptimaler Logistik.

Allerdings war die Punchline von Heft 2 komplett vermurkst (implizit sechs Tote für einen müden Gag) und ich wurde zu keinem großen Fan von Zans Haustier, einem kleinen Zirkusaffen. »Making it up as we go along« wurde zu einer Art Mantra der Serie.

In den ersten vier Heften wirkte es so, als hätte jedes Heft eine für sich stehende Geschichte, während sich die größere Back-Story kaum entwickelte. Aber in Heft 5 kam dann alles zusammen, durch teilweise unerwartete Ereignisse fanden der Superschurke »The Scrambler« und Zaynas Schulfreundin Polly Math zueinander und Heft 6 bringt - typischerweise für die Zweitverwertung als Trade Paperback - den Showdown der Storyline.

Gar nicht mal schlecht funktioniert der Gag, dass die größten Helden des DC-Universums verzweifelt versuchen, dem Scrambler auf die Spur zu kommen, während Jayna quasi beim Spaziergang das vermeintlich supergeheime Versteck des Schurken findet. Richtig toll ist aber die Auflösung der Story: Autor Russell nimmt einen Twist, der gefühlt seit den 1970ern zum Standard gewisser Figurenkonstellationen gehört - und kombiniert ihn mit einer leider sehr aktuellen globalen Ohnmacht, was zu einer fast zynischen Ironie führt, die man in solch einer Young-Adult-Sparwitz-Serie ganz sicher nicht erwartet hat. Fast wünscht man sich, die Serie wäre nach Heft 6 abgeschlossen, weil man den Impetus (und den Watchmen-ähnlichen Schlussgag) mit weiteren Heften eigentlich fast nur verwässern kann.

Die humorvolle Einbindung ins DC-Universum gelingt hier übrigens auch großartig. Seit Superman: American Alien #4 habe ich Lex Luthor und sein Imperium nicht mehr so clever verwendet gesehen (unter anderem hat er ein schlecht budgetiertes Gefängnis erdacht, in dem die Insassen als Call-Center-Agenten arbeiten: Markenname »Lexicon«).

Wonder Twins #1

© DC Comics

Die Zeichnungen von Stephen Byrne sind kompetent, aber nicht unbedingt weltumwälzend. Weil er sich selbst auch koloriert, macht er das aber wieder wett, in der Summe erinnert mich der Look an Ken Steacy, nur nicht so selbstverliebt.

Das Einzige, was ich in der Serie nicht verstanden habe (vielleicht bin ich nicht gewieft genug für diese Art von Ironie) ist das Symbol, das auf der Brust des »Scramblers« prangt: ein Spiegelei! Nur, weil Rührei (scrambled eggs) visuell nicht so viel hergibt bzw. vielleicht gar nicht auf Anhieb erkennbar ist?


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  Ghosted in L.A.

Ghosted in L.A. #1

Writer: Sina Grace; Artist: Siobhan Keenan (with Sina Grace); Colorist: Cathy Le, Letterer: DC Hopkins; Boom Box; $ 3,99

Ich muss zugeben, im Gegensatz zu Filmen und Büchern habe ich bei Comics noch nie einen Gedanken dran verschwendet, dass man auch eine Frauenquote erfüllen müsse. Natürlich gibt es tolle weibliche Comickünstler wie Debbie Drechsler, die Tamaki-Cousinen, Laura Park, Fiona Staples, Jill Thompson, Posy Simmonds und unzählige weitere, aber deren Werke verfolge ich zwar, aber ich habe mir nie einen Kopf darüber gemacht, wie hoch (oder eher niedrig) ihr Prozentsatz in meinem Gesamt-Comic-Konsum zu beziffern ist. Da ist das Produkt an sich viel eher im Fokus als die Künstler dahinter. Ich lese ja auch nicht mehr oder weniger Kyle Baker, weil dessen Haut dunkler ist als meine. Da wird in Hollywood viel mehr Aufsehens drüber gemacht, bei Comics (insbesondere beim US-Mainstream) geht es eher darum, für welches Geschlecht von Lesern / Leserinnen sie gemacht wurden.

Aber bei diesem Heft sprang mir der Aspekt »Frauen-Comic« doch deutlich ins Gesicht und ich musste halt feststellen, dass die Frauen, solange sie nicht von Adam Hughes gezeichnet werden, in dieser ersten Ausgabe meines Rundum-Blicks eher vernachlässigt sind. Muss mal in Zukunft drauf achten, ob man dagegen etwas unternehmen kann. Vielleicht ergibt es sich ja mal in Zukunft, eine besondere Frauen-Ausgabe zu machen, wo man zu zwei aktuellen #1s einige schon länger laufende Serien beleuchtet. Durch den Wochenfokus wird das nicht leicht werden.

Schon die old-school-Titelkarte vor einer Art Blümchen-Tapete betont den Frauen-Aspekt überdeutlich. Den Bechdel-Test besteht man auch quasi mit dem zweiten Panel (okay, der zweite Name fällt erst im vierten Panel), und durch den »patron saint of girl crushes« wird auch noch klargemacht, dass in diesem Comic fast alle Quoten schon auf der ersten Seite erfüllt werden, bzw. dass man eher zu den Minderheiten tendiert: nur Frauen, nebst Hinweis auf gleichgeschlechtliche Vorlieben, und eine der zwei Mädels hat dunklere Haut. Check! Check! Check!

Dann wird zwar auch noch ein Boyfriend erwähnt, aber die Rebellion gegen das Patriarchat wird gleich im übernächsten Bild nachgeliefert: »You are totally ruining your life following Ronnie to L.A.!«

Daphne will »ihr eigener Mensch« werden, speziell, nachdem sich herausstellt, dass ihr Boyfriend eine Pause braucht, sie sich mit ihrer BFF zerstreitet und ihre neue Mitbewohnerin sie sogar aussperrt, um sich mit ihrem Bibelclub zu treffen. Und dann findet Daphne zufällig ein entzückendes Anwesen, das von sechs Geistern besessen ist, die sie zum größeren Teil gut leiden kann - und sie zeiht quasi bei ihnen ein, was den Titel der Serie erklärt.

Die Story ist so in einem Sitcom-Stil nebst coming-of-age-Thema, dabei aber zum Teil sehr gut beobachtet. Wie Daphne einen größeren Zeitraum damit bestreitet, ihrer zurückgelassenen Freundin Kristi (so richtig lesbisch scheinen sie beide doch nicht zu sein, aber der Boyfriend könnte sich durch die Entdeckung, dass er eigentlich bei Geburt »Desmona« heißen sollte, vielleicht umorientieren...) keinen Text zu schicken, ist schon wirklich hübsch gemacht.

Die Geister muss ich erst noch besser kennenlernen (siehe auch Ghost Tree bei Image, wer auf solche Themen steht), aber der Einstieg ist gelungen, mit genug Backstory, die vielleicht erst wieder in Heft 6 eine Rolle spielt. Hier gibt es auch mal eine Koloristin, die aber einen ähnlichen Effekt wie Michael Walsh in Hammer of Justice! benutzt: der Prolog, der sich deutlich von den knalligen Farben in Los Angeles absetzt, wirkt oft wie auf leicht zerknülltem Paper, was zum Neuanfang natürlich gut passt. Artwork (Siobhan Keenan, keine Ahnung, in welcher Kapazität hier die Autorin mitgewirkt hat) in Kombination mit den Farben überzeugen mich hier am stärksten im repräsentierten Output dieser Woche, ein bisschen wie zwischen Fiona Staples und David Mazzucchelli, ich fand nur kein repräsentatives Bildmaterial, um dies zu verdeutlichen. Hier und da müsst ihr mir auch einfach mal vertrauen, wer nach dieser Lektüre in den nächsten US-Comic-Shop aufbricht, wird ja eh noch mal reinschauen...


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  Invisible Woman #1

Invisible Woman #1 (of 5)

Writer: Mark Waid; Artist: Mattia de Iulis; Cover: Adam Hughes; Marvel Comics; $ 3,99

Unter Zeitdruck acht Comicrezensionen zu erstellen ist auch für mich ein echtes Experiment. Da findet man viele Querverbindungen. Im als fünftes gelesenen Heft gibt es schon wieder einen Künstler, der auch die Koloration übernommen hat. Mattia de Iulis liefert keine herkömmliche Line-Art, aber auch keinen painted look wie im Wolverine vs. Blade Special. Er arbeitet viel mit unscharfen Hintergründen (Dave Wilkins unten hält offensichtlich sehr wenig von Hintergründen), irgendwie erinnert mich das Ganze an Bryan Talbot in One Bad Rat. Talbot hat zwar einen eher dicken, unübersehbaren Strich, aber der gemeinsame Effekt von den Zeichnungen und den Farben funktioniert ähnlich gut.

Invisible Woman #1

© Marvel Comics

Mark Waid, auch so ein routinierter versierter Autor, der seit Jahrzehnten Comics schreibt, liefert einen Prolog in der Vergangenheit, der dann in die aktuelle Situation von Susan Storm Richards von den Fantastic Four eingebunden wird. Ein früherer Freund, den wir mit ihr zusammen in der Bredouille erleben, sitzt jetzt ganz tief in der Scheiße, entgegen strikte Verbote des CIA will Sue ihn retten.

Ich bin noch nicht in alle Details des Marvel-Universums eingeweiht, aber wie hier im Flashback der old-school kaukasische Nick Fury auftaucht, um in der Gegenwart vom Sameul-Jackson-lookalike abgelöst zu werden, ließ zunächst meine Augenbrauen hochwandern und mich an alte Continuity-Probleme wie den gewandelten Look der Klingonen denken. Vielleicht übernimmt Waid nur, was längst etablierte Marvel-Geschichte ist, aber mit einem einzigen Wort löst er das Problem für mich als Leser auf. Das ist schon relativ elegant.

Nicht ganz so elegant ist, wie er mit dem Problem der Zeit umgeht. Der Flashback spielt vor zehn Jahren, Sue erwähnt, dass sie »verlobt« sei. Und zehn Jahre später hat sie Kinder im Teenager-Alter? Bewundernswert! Vielleicht gibt es auch dafür Gründe im Marvel-Universum, aber die Kids der Richards gab es ja schon in den 1990ern, als ich mal den Walt-Simonson-Run der Fantastic Four verfolgte. Der naheliegende Grund für den scheinbaren Widerspruch ist natürlich, dass Reed Richards zwar eine hip angegraute Frisur haben darf, aber Sue funktioniert halt nicht als middle-aged Mutter-Typ, Cover Artist Adam Hughes ist bekannt für seine Pin-Ups und Cheesecakes. Aber als Comicleser muss man lernen, über solche Details hinwegzusehen. Ich erinnere mich noch, wie man ganz stolz war, dass John Constantine seinen vierzigsten Geburtstag feierte - und ein paar Jahre später wurde er - wie Timothy Hunter einfach mal verjüngt, weil das besser passte. Von Batman oder Peter Parker wollen wir gar nicht erst sprechen. Oder Tick, Trick und Track.

Die eigentliche Geschichte des Invisible Woman-Fünfteilers geht noch gar nicht richtig los, weil man das Fundament legen muss. Es ist aber bereits sehr überdeutlich, dass Sues Entscheidung, niemanden zu töten, in der Story eine wichtige Rolle spielen wird.

Ich muss zugeben, dass mich der Prolog im verschneiten Osteuropa noch nicht mitgerissen hatte (ich war auch über einige von Sues aktuellen Superkräften noch nicht informiert), aber die ersten Seiten in der Jetztzeit, wo sie kurz ihre aktuelle Situation beschreibt, war schon sehr hübsch mit tongue-in-cheek Humor gespickt. Und ich bin hier tatsächlich neugierig auf die nächsten Hefte. Sogar der Auftritt von Black Widow passt zur langfristigen Marvel-Geschichte und wirkt vielversprechender als alles bei Batman Universe.


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  Black Hammer / Justice League: Hammer of Justice! #1

Black Hammer / Justice League: Hammer of Justice! #1

Writer: Jeff Lemire; Artist & Cover: Michael Walsh; Letterer Nate Piekos of Blambot; Dark Horse Comics / DC Comics; $ 3,99

»Once upon a time everything was all mixed up.«

Noch ein Zeichner, der die Koloration übernommen hat. Diesmal tatsächlich eher flächig, aber mit einem hübschen Nostalgie-Effekt: Es ist nirgends eine Fläche plain blue oder brown, sonder alles wirkt »verblichen«, von winzigen Strichen durchzogen.

Der Nostalgie-Faktor passt auch zur Geschichte, zur alten Farm im Zentrum der Black Hammer-Geschichten. Jeff Lemire hat Sorge getragen, dass man auch ohne Vorwissen in die Geschichte einsteigen kann: Man bekommt jeden Namen und die wichtigsten Superkräfte auf dem Tablett präsentiert, was zum Teil etwas plump wirkt (auch, wenn ich selbst bei Black Hammer noch einiges nachzuholen habe, hätte man mich durchaus etwas mehr fordern können). Aber als Einstiegsheft für welches Universum auch immer sehr leserfreundlich.

Natürlich muss man in solch einem Crossover kurz umreißen, wie es dazu kommt, dass die Helden aufeinandertreffen oder ausgetauscht werden (zunächst letzteres, ich gehe aber davon aus, dass es auch zu einem Treffen kommen wird). Hier gibt es eine magische Person, die den selben Bowler wie der Riddler trägt, die in einer parallelisierten, im Tempo immer schneller geschnittenen Passage beide Teams trifft, die nötige Backstory liefert und dann alles durcheinander bringt.

So wirkungsvoll wie vertraut. Es gibt eine sehr hübsche Seite mit vier Panels, auf der die die Universen narrativ zusammengebracht werden, dann folgt eine Seite, wo jeweils vier Helden in einem maelstrom davongerissen werden und Lemire seinen Spaß mit der Gegenüberstellung / Parallelisierung / Spiegelung hat.

Und dann folgt der Moment, für den ich dieses Heft liebe, und der die eher langsame Exposition bezahlt macht. Möchte ich nicht spoilen, ich habe hier die heftigste Leserreaktion dieses NCBD gehabt, und die war vollauf positiv. Nice!


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  Naomi #6 (of 6)

Naomi #6 (of 6)

Writers: Brian Michael Bendis & David F. Walker; Artist & Cover: Jamal Campbell; Letterer: Wes Abbott; DC Comics $ 3,99

Das Cover von Naomi #6 drückt unmissverständlich aus, dass sie jetzt wohl Teammitglied bei Young Justice wird, die beiden erfolgreicheren der »Wonder Comics« rücken stärker zusammen. Doch wer jetzt glaubt oder erwartet, dass dieser Schritt im vorliegenden Heft vollzogen wird, sollte sich auf eine Enttäuschung oder Vertröstung vorbereiten. Die komplexe origin story von Naomi wird hier vollendet und dann verheißt die letzte Seite des Heftes: »the story continues in the pages of DC comics ... and in Naomi2«.

Angesichts der Arbeitslast von Brian Michael Bendis wirkt es vernünftig, dass er sich erstmal eine Verschnaufpause gönnt, Young Justice sind aktuell auch »lost in the multiverse«, was einer augenblicklichen Zusammenführung eher zuwider läuft. Einerseits hat Bendis dies alles wohl langfristig geplant, aber mit dem immensen Erfolg von Naomi (diverse Nachdrucke der ersten Hefte) hat aber auch wohl keiner gerechnet, und dass eine der größten Erfolgsgeschichten von DC jetzt quasi irgendwo »hängengelassen« wird, ist schon außergewöhnlich. Da man ja nicht einmal angibt, wo der geneigte Leser im nächsten Monat weiterlesen soll, kann ich nur annehmen, dass Naomi irgendwo im nächsten Großevent (vielleicht Year of the Villain, wo Bendis auch seine Hände im Spiel hat?) eine unerwartete Rolle spielen wird - oder sie erfährt einen großen Relaunch, vielleicht zeitlich etwa mit Young Justice #12 zusammen. So oder so riskant, weil man die gerade gewonnenen Leser so auch wieder verlieren könnte...

Doch genug Geplänkel über die ungewisse Zukunft, ich komme zur mir besser bekannten Vergangenheit und Gegenwart. Naomi wählte als Serien-Herangehensweise einen gänzlich anderen approach als die Wonder Twins: Statt abgeschlossener Einzelstories und einer langsamen back story entwickelte sich die six issue origin story mit häppchenweise verteilten Informationen und von Cliffhanger zu Cliffhanger. (Habe jetzt nicht noch mal zurückgeblättert, aber so war mein Eindruck. Die Cliffhanger hingen hier weniger mit tatsächlicher Gefahr zusammen, sondern waren eher narrativer Natur.)

Ich fand das fünf Hefte lang ziemlich spannend (und war damit offensichtlich auch nicht allein), doch ich muss sagen, dass der ultimative Abschluss in Heft 6 mich doch erstaunlich stark an Harry Potter erinnerte (um es mal spoilerarm schwammig auszudrücken). Alles, was in den ersten fünf Heften so innovativ und »nie-dagewesen« wirkte, verliert jetzt einiges von diesem Eindruck. Plötzlich sieht es eher wie eine run-of-the-mill Superhelden-Herkunftsgeschichte konventioneller Art aus (mal abgesehen von der ungewöhnlichen Pause, die man den Fans verordnet).

Auch in Heft 6 begeistert Jamal Campbell mit vielen Zwei-Seiten-Tableaus, wie Stephen Byrne übernimmt er auch selbst seine Koloration, ein nachzuvollziehender Schritt, wenn man sieht, wie arbeitsintensiv Koloristen heutzutage arbeiten. Sie füllen nicht mehr nur irgendwelche Flächen aus, sondern verschaffen häufig dem Artwork Tiefe und Nuancen, die die eigentlichen Zeichenkünstler oft gar nicht mehr liefern - was liegt also näher, als beide Arbeitsschritte zu übernehmen / vereinen und etwas Kontrolle über sein Werk zu sichern?

Wonder Twins und Naomi wirken wie Gegensätze: Der tolle Punch zum Abschluss, der alles vorhergehende besser wirken lässt, ist aus meiner Sicht zu bevorzugen, hat aber natürlich markttechnisch deutliche Nachteile - Im Comicheft-Business muss man gleich im ersten Heft liefern, was auf dieser Seite vermutlich sehr häufig thematisiert werden wird (gleich in dieser Woche etwa bei Batman Universe #1). Die gute Nachricht am Rande: Wer das gute alte Heft mag, wird von den Wonder Twins vermutlich noch die bisherigen Hefte finden.


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  Reaver #1

Reaver #1

Writer: Justin Jordan; Artist: Rebekah Isaacs; Colorist: Alex Guimaràes; Letterer: Clayton Cowles; Cover: Becky Cloonan; Image Comics; $ 3,99

Ich mag das world-building, für das manche Comics bekannt sind, sehr, aber mit kriegerischen Fantasy-Welten kann ich eher wenig anfangen, egal, wie angesagt Game of Thrones und War of the Realms zu sein scheinen.

Hier wird man mitten in einen komplexen Konflikt gestoßen, eine der zwei Figuren, die man als erste kennenlernt, muss dann auch noch mit dem Trauma fertig werden, dass sie die andere im blutigen Getümmel hinter sich lassen musste (ich tippe aber mal, dass der mit einer Rückenschiene und einem Arm weniger wieder auftauchen wird).

Sergeant Mahan, die naheliegende Identifikationsfigur, hat ähnlich wie Sue Richards etwas dagegen, unnötig Blut zu vergießen, er wird aber Teil eines aus unterschiedlichen Knastis bestehenden Himmelfahrtkommandos, dass mich für einen Moment sogar an The Fellowship of the Ring erinnerte, und die durch perfide Methoden zu unfreiwilligen Söldnern werden. Alles sehr martialisch, aber nicht so schlimm auf Splattereffekte aus wie das Ding ganz unten (ich muss noch Siegel erstellen, »Warnung der Woche« und »Empfehlung der Woche«). Und die motley crew der Halsabschneider ist ganz unterhaltsam, da kann man sich ohne weiteres auf drei, vier weitere Hefte einlassen, um die allgemeine Marschrichtung zu checken.

Artwork: kompetent. Und mehr als alle anderen Künstler diese Woche (außer vielleicht Stephen Byrne) darauf bedacht, über Hintergründe und anderes ein Feeling für die Umgebung aufkommen zu lassen (in den meisten Fällen ist das bei der Auswahl sehr minimalisiert, was traurig ist). So, das war das achte Heft, in drei Stunden muss ich im Büro sein, jetzt folgt der Kraftakt der HTMLisierung. (Reihenfolge auf der veröffentlichten Seite weicht ab von der Erstellung.)


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  Batman Universe #1

Batman Universe #1 (of 6)

Writer: Brian Michael Bendis; Artist: Nick Derington, Colorist: Dave Stewart, Letterer: Josh Reed; DC Comics; $ 4,99

»Available to comic shops for the first time!« Comic-Verlage arbeiten hin und wieder auch mit künstlicher Verknappung. Gleich drei »neue« (Mini-)Serien starten bei DC in diesen Wochen (letzte Woche gab es Superman: Up in the Sky, nächste Woche folgt Wonder Woman: Come back to me), die einfach Material wiederabdrucken, das bereits erhältlich war, in diesem Fall etwa in der Serie Batman Giant, die man nicht einfach im Comic-Shop erhalten konnte (somit also in Deutschland vermutlich gar nicht!). Ich war zu faul zu recherchieren, wo man die Batman Giant-Hefte einst erhalten konnte, im Walmart ihres Vertrauens, als Kooperation mit einer Kinokette oder was auch immer. Mir geht es halt um das jetzige Produkt, das man auch mir »wie neu« untergejubelt hat.

An anderer Stelle dieser Ausgabe habe ich vermutlich Brian Michael Bendis, den fleißigsten DC-Autor zur Zeit (Action Comics, Event Leviathan, Pearl, Superman, Young Justice, demnächst Legion of Superheroes), über den Klee gelobt (Naomi #6 lese ich erst später, man muss sich ja auch ein paar Perlen zurückhalten), aber von diesem Batman-Heft war ich dann doch eher underwhelmed..

Ich muss zugeben, dass ich noch etwas überfordert bin, was jetzt den etwas hochtrabenden Titel Batman Universe rechtfertigen soll? Batman kämpft hier gegen den Riddler (den man vorerst auch eher nur im Hintergrund erhaschen kann) und trifft auf Deathstroke und Jinny Hex (die Enkelin von Jonah Hex, aus einer anderen Bendis-Serie). Das sind jetzt nicht unbedingt Figuren, die das Batman-Universum ausmachen. Gut, Butler Alfred und Commissioner Gordon sind auch dabei, aber die laufen auch in jedem Feld-, Wald- und Wiesenheft, auf dessen Titel was von Batman steht, mal durch's Bild...

Ich würde unter so einem Titel wenigstens Batman-Schurken ersten Ranges wie Two-Face oder den Joker erwarten, und nicht eine Art Schnitzeljagd nach einem teuren Fabergé-Ei, das irgendwelche Geheimnis beherbergen soll (Mini-Spoiler: in Heft 2 und 3 trifft Batman auf Green Arrow und Vandal Savage, was auch nicht viel prickelnder klingt).

Batman Universe #1

© DC Comics

Das Heft beginnt mit zwei ganz hübschen Seiten im six panel grid (das Seitendesign spielt öfters mal mit ähnlichen Mustern) und aus subjektiver Sicht Batmans, und die Zeichnungen von Nick Derrington entwickeln in den besten Momenten eine Dynamik, die an den fast täglich vermissten Darwyn Cooke erinnern (mit einem Schuss Matt Wagner). Aber an meine Erwartungen reicht das noch lange nicht heran, der größte Gag des Heftes sind die dutzendfach auftreten Riddler-Doubles (größtenteils engagierte Stuntmen), die aber noch nicht einmal besonders ähnliche Kostüme tragen (wobei die Abwechslung aber graphisch auch interessanter ist).

Bei Gevatter Bendis muss man immer damit rechnen, dass er noch ein As im Ärmel hat, aber er sollte einen nicht zu lange drauf warten lassen...


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  Wolverine vs. Blade Special #1

Wolverine vs. Blade
Special #1

Writer: Marc Guggenheim; Artist & Cover: Dave Wilkins; Letterer: VC's Travis Lanham; Marvel Comics; $ 5,99

Zugegeben, Wolverine und Blade sind beides keine introvertierten Grübler-Typen, sondern machen gern mal Rabatz. Und das »versus« im Titel impliziert ja schon recht deutlich, dass es hier um den Konflikt geht.

Das Cover warnt vor »mature content«, was in diesem Fall fast auschließlich bedeutet, dass diverse Vampire schön blutrünstig in Scheiben geschnitten werden und Blade und Wolverine Anlass bekommen, ihre Heilungsfähigkeiten zu demonstrieren. Die Art und Weise, wie der marveltypische Konflikt zwischen den Titelhelden initiiert wird, so dass beide für fünf Seiten glauben, sie hätten jedes Recht, den »Kollegen« zu massakrieren, ehe sie dann merken, dass sie sich gegen einen gemeinsamen Feind verbrüdern sollten, erscheint mir schon überdurchschnittlich tölpelheft, eher einem Comic der 1960er oder 70er entsprechend. Und das painted artwork des mir unbekannten Dave Wilkens wirkt wie eine Mischung aus Simon Bisley (ohne Biss oder ironischen Tonfall) mit John Higgins, den Hildebrandt-Brüdern und manchmal (wenn mal ausnahmsweise kein Blut fließt, sondern Logan kurz mit Dr. Strange fachsimpelt) einem Schuss Cover eines historischen Liebesromans. Ihr wisst schon, diese Groschenheftchen, wo sich leichtgeschürzte Recken und leidenschaftliche Möchtegern-Prinzessinnen anschmachten - nur dass in diesem Comic nur ein einziges weibliches Wesen auftaucht, und die sieht aus wie Nosferatu mit Brüsten, Lackanzug und Fledermausflügel und hält exakt sechs Panel durch, bis sie gepfählt wird und sich in Funken bzw. Rauch auflöst).

Das Skript von Marc Guggenheim ist auch kein Meisterstück. Über diverse Seiten gefallen sich die beiden Titelhelden nur in markigen Sprüchen, die oft sogar nur gedacht werden, also nicht in Sprechblasen, sondern in captions stehen, die dann aber - Höhepunkt des Einfallsreichtums! - parallelisiert werden (bitte zum Vergleich das Wendeheft der neuen Marvel Team-Up-Serie zur Hand nehmen, wo man ungleich mehr aus dieser Idee der unterschiedlichen Perspektiven macht).

Dass es hier um Vampire geht, die auf den Trichter gekommen sind, Mutanten zu infizieren, was sie weitaus gefährlicher machen würde (etwa ein Vampir, der Laserstrahlen aus den Augen schießt), wird als Kernidee zu etwa 80% verschenkt, weil es hier nur um die blutige Action geht, die vermutlich von manchen schnell zu beeindruckenden jungen Lesern mit 30 Days of Night und From Dusk til Dawn verglichen werden wird, die mich aber eher anödete.

Und als ganz besondere Beleidigung spielt auch noch eine Szene in Deutschland, in der uns allen gut vertrauten Ortschaft »Von Stadt« (oder »von Stadt«, wird ja alles in Großbuchstaben geschrieben, was bei dem Deppendeutsch weder schadet noch hilft). Da wohnt auch »Count von Stadt«. 'Nuff said, wir raten ab!

Für nächste Woche anvisiert:
Rezensionen zu Age of X-Man Omega #1, Collapser #1, Little Bird #5, Loki #1, Orville: New Beginnings #1, Superman's Pal Jimmy Olsen #1 & Wonder Woman: Come back to me #1 (das ist nur die Vorauswahl).