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12. Oktober 2014
Kristin Eckstein
für satt.org

  »Ipomoea« von Hiromi Takahima
Hiromi Takashima: Ipomoea
Egmont Manga, 162 S., € 7,00
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„Sie ist viel cooler als die Jungs in der Klasse …“

Während sich für Fans des Boys-Love-Genres ein kaum zu überblickendes Angebot auf dem deutschen Manga-Markt bietet, gestaltet sich dies für LeserInnen des Äquivalents yuri – Manga, die sich mit der Liebe zwischen Mädchen und jungen Frauen beschäftigen – weitaus komplizierter. Nur wenige Manga dieser Art haben bisher den Sprung nach Deutschland geschafft; darunter zu nennen sicherlich die Werke Milk Morinagas, vereinzelte Manga von Satoshi Urushihara (die sich allerdings eher der körperlichen denn der romantischen Liebe verschreiben) oder auch Fumi Ebans Psychodrama Blue Friend. Umso mehr erfreut es das Herz des an Diversität interessierten Manga-Fans, dass das aktuelle Programm von EMA mit Ipomoea von Hiromi Takahima einen als yuri deklarierten Einzelband mit sich bringt.

Die Handlung kommt allerdings recht harmlos und slice-of-life’ig daher: Die junge Yamada ist Pflanzenbeauftragte ihrer Schule und kümmert sich akribisch um das Wohl des Schulgartens und dessen grünen Bewohnern. Immer wieder beobachtet sie ihre Mitschülerin Kase, die Star-Sportlerin der Schule, und entwickelt nach und nach unerwartete, vollkommen unbekannte romantische Gefühle für diese. Dank der uns allen wohlbekannten heteronormativen Sozialisierung hält Yamada ihre Gefühle zunächst für falsch, freundet sich aber dennoch mit Kase an und alsbald vertieft sich die Beziehung der beiden. Und auch Kase scheint in Yamada mehr als nur eine platonische Freundin zu sehen …

Auf der visuellen Ebene hebt sich Ipomoea nicht sonderlich vom Gros des durchschnittlichen shôjo manga ab: Die Figuren sind klasissch-fragil konstruiert, haben zuweilen selbst für Manga-Verhältnisse extrem große Augen und Takahima bedient sich in exzessivem Stil des klassischen Inventars shôjoesker visueller Metaphern: Erblühende Blumen, Federn, Herzen, Blütenranken gar um die Sprech- und Denkblasen der Figuren – hier ist wirklich alles dabei! Der Zeichenstil ist dabei also vor allem eines: Geradezu unfassbar niedlich und sehr nah an der Grenze zur akuten Karies.

Charmant ist aber nicht nur die bildliche Ebene, sondern auch die charakterliche Konzeptionalisierung der Figuren und dabei insbesondere der Protagonistin Yamada, aus deren Perspektive wir die Geschehnisse primär verfolgen. Zwar erfüllen sie und Kase dabei in begrenztem Ausmaß das Klischee der butch/ femme-Beziehung – auf der einen Seite das eher feminine, über-emotionale und tollpatschige Mädchen und auf der anderen Seite die tendenziell maskulinere, ruhige und sportliche junge Frau –, und auch ansonsten hätte man sich zuweilen etwas mehr Tiefgang erhofft. Denn im Vordergrund steht allein die kindlich-naive Entwicklung von Yamadas Gefühlen für Kase, die fast schon an eine unschuldige Liebe im Kindergarten erinnert: So etwa, als sie sich im steten Zweifel ob ihrer Gefühle für ein anderes Mädchen („Aber ich hab sie lieb!“) denkend auf ihrem Bett, ein Kissen fest umarmend, hin und her wälzt, als sie Kase beim Umziehen beobachtet und dabei errötet oder aber wenn sie gar überlegt, ob „Kase“ ein für sie passender Nachname sei.

Der Manga mündet – dieser Spoiler sei erlaubt – letztlich in eine Art Liebesgeständnis zwischen den beiden Mädchen und einem Kuss, der schließlich auch das Höchste der Gefühle in Bezug auf die körperliche Darstellung der Gefühle füreinander bleibt. Doch passt dieses sittsame Ende zu Ipomoea, einem sehr auf Situationskomik beruhenden, strukturell überaus episodisch aufgebautem und seichtem feel-good-Manga, der als Kurzgeschichte begann und schließlich ob seiner Popularität weitere Kapitel nach sich zog. Ipomoea lässt sich mit einem Wort zusammenfassen, das die Rezensentin im Allgemeinen nur selten und mit Vorbehalt in den Mund nimmt: Entzückend!

Doch wie steht es um die Zukunft von yuri-manga in Deutschland? Auch für das nächste Programm kündigt EMA zumindest einen neuen Titel an: Orange Lipstick von Rokuroichi; erneut ein Einzelband, der allerdings weitaus weniger zahm daherkommt als das züchtige Ipomoea. Auch mit Tokyopops Eros / Psyche von der spanischen Zeichnerin Maria Llovet, Gewinnerin des International Manga Award 2013, erwartet uns ein weiterer, aufgrund seiner Herkunft mit sehr viel Spannung erwarteter Titel aus dem Genre. Nur bei Carlsen bleibt es vorerst weiter desolat in diesem Bereich. Wenngleich es zu erfreuen mag, dass 2014 zumindest einige wenige yuri manga erscheinen, so wäre es umso erfreulicher, wenn ein Verlag das Experiment einer längeren Serie wagen würde. Da dies aber sogar beim kommerziell relativ erfolgreichen Bereich der Boys Love Manga nur selten der Fall ist, bleibt dieser Wunsch wohl vorerst unerfüllt.