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16. September 2014
Kim Friese
für satt.org

  Inio Asano: Gute Nacht, Punpun
Inio Asano: Gute Nacht, Punpun
(bisher 6 Bände; in 13 Bände abgeschlossen)
Tokyopop, 2013, € 6,95
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Inio Asano: Gute Nacht, Punpun


Das Paradies der Vögel

Gute Nacht Punpun – ein Titel der zunächst nicht viel vom Inhalt der Geschichte preisgibt, die uns in diesem außergewöhnlichen Manga erwartet. Der Mangaka Inio Asano ist bereits durch andere Arbeiten in Deutschland bekannt geworden, u. a. Solanin oder What a wonderful World. Diese zeichneten sich durch ihren Tiefgang und ihre besonders ruhige und dennoch ergreifende Erzählweise aus. Gute Nacht, Punpun nun ist irgendwie anders. Nicht nur anders als andere Manga, irgendwie so ganz … anders.

Da ist zunächst die Gestaltung des Covers zu benennen. Während sich die meisten Manga durch eine aufwendige Covergestaltung direkt im Regal dem Auge des Lesers aufzudrängen versuchen, sind die Mangabände von Gute Nacht, Punpun schlicht einfarbig gehalten. Die Bände wirken tendenziell unscheinbar. Auf dem Cover wird durch eine Reliefprägung die Gestalt eines abstrakten Vogels ersichtlich. Der erste Eindruck: eine niedliche Geschichte für Kinder. Verstärkt wird dieser Eindruck zusätzlich durch die Inhaltsangabe, an deren Ende es im dick hervorgehobenen Teil heißt: »Ein verstörender und aufwühlender Blick in die Welt eines träumenden Vogels.« Doch diese Erwartung wird beileibe nicht erfüllt! Vielmehr entpuppt sich Gute Nacht, Punpun als eine vielschichtige Geschichte. Und dies kann man trotz der Darstellung Punpuns als stilisierten Vogel zeigen. Ja, Punpun, ein gewöhnlicher Grundschüler, wird von Asano als Vogel illustriert. Ebenso verfährt er mit Punpuns direkter Verwandtschaft: Punpun Mama, Punpun Papa und Onkel Yuichi werden dem Leser ebenfalls als Vögel präsentiert. In der Geschichte selbst sind sie jedoch eine mehr oder weniger normale Familie, die auch von anderen Figuren der Handlungsebene als Menschen wahrgenommen zu werden scheinen. Die Abstraktion der Protagonisten ermöglicht an dieser Stelle den Leserinnen und Lesern Imaginationsspielraum in Bezug auf das Aussehen von Punpun und dessen Familie – jeder kann sich sein eigenes Bild machen. Die Präsentation Punpuns und seiner Familie als Vögel dient aber natürlich auch der visuellen Inszenierung des Gefühls der Fremdheit des Jungen, der sich so ganz anders wahrnimmt, als seine Umwelt. Zudem bietet diese abstrakte Darstellungsweise einen starken Kontrast zum restlich vorherrschenden Stil des Mangas, denn dieser ist ausgesprochen detailliert und realistisch. Er will nicht nur das Schöne visualisieren, sondern vielmehr einen möglichst realitätsnahen Eindruck erzeugen. Durch diese unterschiedlichen Darstellungsformen entsteht ein besonderes Spannungsverhältnis. Trotz der teilweisen Abstraktion in der Geschichte handelt es sich um eine ernste und teils dramatische Erzählung in deren Zentrum der kleine Punpun steht. Neben familiären Problemen mit einer labilen Mutter und einem gewalttätigen Vater, erleben wir, wie es Punpun in der Schule mit seinen Freunden und seiner ersten großen Liebe ergeht. Doch wir sehen nicht nur, was Punpun erlebt. Asano gewährt uns einen authentischen Blick in die Tiefen der Psyche eines Grundschülers. Dabei schafft er es, dessen Gefühle und Gedanken so darzulegen, als sei der Gedanke tatsächlich soeben einem Grundschüler entsprungen.

In der Art der Gefühlsdarstellung Punpuns schafft es Asano Distanz und Nähe zugleich zu erzeugen. Man sieht unmittelbar, was Punpun erlebt und ist direkt bei Enttäuschungen, Freuden und Angstmomenten auf Augenhöhe mit Punpun. Doch erfahren wir seine innersten Gefühle nur gefiltert durch die Erzählinstanz. Das Besondere dabei ist, dass Asano nur bei seinem Protagonisten Punpun anwendet. Die anderen Figuren offenbaren innerhalb von Denkblasen oder rahmenloser Sprechblasen direkt ihre Gedanken, so wie es im Manga üblich ist. Dieses Zwischenschalten eines auktorialen Erzählers um dem Rezipienten die Gefühle einer Figur näher zu bringen, bietet einen humoristischen und reflexiven Möglichkeitsspielraum, den Asano gekonnt auszuspielen vermag, u. a. an solchen Stellen, an denen der Erzähler wertend die Gefühle Punpuns kommentiert mit Ausrufen, wie: »Bravo, Punpun!« oder wenn das Gesagte im Widerspruch zu den Zeichnungen steht, zum Beispiel an der Stelle an der Punpun innerhalb des Panels bitterlich weint und der Erzähler diesen Zustand, wie folgt kommentiert: »Punpun heulte kein bisschen!!«

Eine weitere Besonderheit, die in Gute Nacht, Punpun deutlich wird: Punpun entwickelt sich. Der Manga behandelt nicht nur die Leiden eines Grundschülers. Am Ende von Band 2 widmet er sich den Herausforderungen des Mittelschülers Punpun und dessen pubertären Erfahrungen. Danach folgt seine schwierige Zeit als Oberschüler und schließlich der Einstieg in die Selbstständigkeit und in das Arbeitsleben. Insgesamt sind in Japan 13 Bände erschienen, die vermutlich den weiteren Lebensverlauf Punpuns fokussieren.

Insgesamt lautet das Fazit für diesen Manga: Er ist ein Muss! Die Geschichte ist vielschichtig, überraschend und außergewöhnlich und sollte in keiner Sammlung fehlen. Er sticht aus der Masse hervor und kann trotz abstrakter Figurenzeichnungen und teils vielleicht befremdlicher Vorstellungen seine Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit bewahren. Eine echte Überraschung auf dem deutschen Mangamarkt.

Inio Asano: Gute Nacht, Punpun