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6. Juli 2012
Felix Giesa
für satt.org

  Francois Schuiten: La Douce
Francois Schuiten: La Douce
Castermann 2012, 96 Seiten, € 18,00
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augmented reality comics
Foto © Dassault Systèmes


#SATTinParis: Nachbetrachtung

Ende Juni dieses Jahres hatte das französische 3D-Technologieunternehmen Dassault Systèmes zum großen Pressetermin nach Vélizy-Villacoublay nahe Paris geladen. Anlass für die Einladung war die angekündigte Vorführung des vermeintlich ersten ‚augmented reality comics’. Dassault ist nach eigenen Angaben eines der führenden Entwicklerunternehmen in der Darstellung von 3D-Objekten und virtuellen Räumen. Und da milliardenschwere Softwareunternehmen sich spätestens seit Bill Gates als Menschenfreunde verstehen, hat man auch in Vélizy-Villacoublay ein Anliegen: Man möchte sich gerne an der Bewahrung technischer Errungenschaften der Menschheit beteiligen. Im Falle von Dassault werden also technische Errungenschaften früherer Generationen in eine virtuelle 3D-Welt überführt und so konserviert. Natürlich werden sie so aber nicht wirklich konserviert, sondern lediglich ein hochkomplexes Bild des technischen Produkts; doch zur Art dieser Bilder später mehr.

Der ‚augmented reality comic’, der vorgestellt wurde, entsprang genau diesen häufig wiederholten Idealen: Francois Schuiten wollte einen Comic um die legendäre 12.004 Lokomotive, die La Douce, zeichnen. Da man bereits gemeinsam gearbeitet hatte, kam man sich auch bei diesem Projekt näher und die Idee ward geboren, die 12.004 aus Schuitens Comic heraus zu ‚beleben’. Im Klartext heißt das für den Leser, die unbewegten Bilder der Comicpanels sollen in bewegte 3D-Bilder überführt werden. Abgesehen davon, ob dies nun bei Dassaults und Schuitens Comic der Fall ist, klingt das Unterfangen mehr als reizvoll. Im Grunde genommen wird hiermit nur logisch fortgeführt, was mit Pop-up-Büchern bzw. -Comics schon seit mehr als 100 Jahren unternommen wird: Die Bilder werden von der Seite aufgerichtet, erweitern ihre Dimension hinein ins Gegenständliche. Allerdings wirft ein solches Projekt auch die Frage nach der Begrifflichkeit auf. Natürlich klingt ‚augmented reality comic’ sehr ansprechend, doch ist ein Comic, dessen Bilder sich bewegen tatsächlich noch ein Comic? (Der 3D-Effekt dürfte da eher noch belanglos sein.) Wird hier nicht die Grenze zum Animationsfilm überschritten? Ohne jetzt die überstrapazierte Diskussion um eine Definition der Comics fortzusetzen, wird man jedoch feststellen müssen, dass die Multimedialität nicht nur unsere Art, Comics zu lesen – nämlich auch am Bildschirm – verändert, sondern auch die Art der Comics als Kunstform. Den Anfang machten hierbei sicherlich kleine, in Onlinecomics eingebaute Flashanimationen, Dassault und Francois Schuiten wagen nun den nächsten logischen Schritt. Beziehungsweise stoßen sie eher die Tür für den ersten Schritt auf. Denn wirklich in eine erweiterte Realität überführt wird in Schuitens La Douce (der im Herbst übrigens auf Deutsch bei Schreiber & Leser erscheinen wird) lediglich eine Illustration der Lokomotive auf dem Vorsatzpapier. Diese fährt dann, bei entsprechender Drehbewegung des Buches, aus dem Depot und dann von links startend immer schön geradeaus. Und auch diese Art Bewegung ist nur möglich, wenn man einen Rechner mit der entsprechenden Software zur Verfügung hat. Augmented reality also schon, ein bisschen zumindest, aber Comic in diesem Fall definitiv nicht.

Zu grundlegenden Überlegungen fordert auch die Auffassung der Entwickler heraus, die immer wieder betonten, dass ihre Programme keineswegs nur etwas avanciertere Spiele seien und auch nichts mehr mit der reinen Anwendung in technischen Bereichen gemein hätten. Doch ist das gerade bei La Douce zu bestreiten, wer die versammelten Pressevertreter beobachtet hat, wie sie sich mit den Comicalben vor den Webcams bewegten, wird dem Ganzen das Spielerische kaum aberkennen können. Das spricht der Technik nicht das grundsätzliche Potential ab, aber im derzeitigen Umgang mit mobilen Geräten und 3D-Software liegt das Gewicht auf Nutzerseite ganz klar im Vordergrund. Vermutlich handelt es sich um Anpassungsprozesse und, wie ein Besuch im Virtuality Labor zeigte, es wartet Spannendes auf uns. Dort konnte man ganz in einen virtuellen Raum eintauchen. Das ist noch nicht ganz das Holodeck aus Star Trek, aber zumindest die Hoffnung darauf ist geweckt.




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