Anzeige:
Die Box





19. Dezember 2010
Andre Kagelmann
für satt.org

  »Haarmann« von Peer Meter und Isabel Kreitz
Peer Meter
und Isabel Kreitz:
Haarmann
Carlsen 2010
192 S., € 19,90
» Verlag
» amazon


Ratten im Hirn ...

Ein Polizist steht leicht nach vorn gebeugt, er hält mit zugekniffenen Augen und angewiderter Miene eine Schaufel, auf der ein Knochen liegt. Ein weiterer Schutzmann kniet im Dreck, ein Dritter übergibt sich an einer Häuserwand. Die Polizisten, die sich durch das trockengelegte Flussbett der Leine in Hannover arbeiten, werden von einer neugierigen Menge aus der Vogelperspektive beobachtet. Verborgen bleibt diesen Beobachtern jedoch der Totenschädel am rechten unteren Bildrand, der wiederum dem Leser, der aus einer Untersicht diese Szene erblickt, ins Auge fällt: Und so werden wir ins Geschehen gezogen, gehören scheinbar zur grauenerregenden Materie selbst und schauen dem Entsetzen ins Gesicht...

Eine verstörende Geschichte

So unmittelbar und viel versprechend werden wir in das Geschehen um den Massenmörder Fritz Haarmann eingeführt; es folgt ein Szenenwechsel in dessen Wohnung, wo er im Lustrausch seinen ›Kompagnon‹ Hans Grans beinahe erwürgt. Was dann erzählt wird, ist die verstörende Geschichte eines so pragmatischen wie psychopathischen Massenmörders, der sein Unwesen auch deshalb lange ungestraft treiben konnte, weil er zum System gehörte: Fritz Haarmann wurde trotz einschlägiger Vorstrafen als Polizeispitzel beschäftigt und nutzte seine Legitimation, um autoritativ beglaubigt allein reisende junge Männer am Hauptbahnhof in Hannover zu umgarnen; am Ende stand die Ermordung der Opfer. Die Leichen zerlegte Haarmann fachmännisch in seiner Wohnung und verkaufte das Fleisch (wie auch die Kleider) günstig an ahnungslose Nachbarn. ›Die Reste‹ entsorgte er eben in der Leine.

Kein soziales Drama

Diese beklemmenden Ereignisse werden in ›halbfeinen‹, schwarzweißen Bleistiftzeichnungen mit deutlicher Schraffur und erkennbaren Oberflächenstrukturen von Isabel Kreitz erzählt; meist finden sich sechs Panels pro Seite, teilweise schließt die Seite aber auch mit einem Einzelpanel. Auf der Textebene beeindruckt vor allem die Sprache, die Peer Meter seinem Antihelden in den Mund legt: das dem Comic vorangestellte Zitat aus Gerhart Hauptmanns spätnaturalistischem Drama Die Ratten (1911) liest sich also nicht nur inhaltlich, sondern auch formal programmatisch. Leider ereicht Haarmann aber nicht die Dichte eines sozialen Dramas, weil der informative Begleittext den Fall zwar in das Chaos der in ihren Kinderschuhen taumelnden Weimarer Republik einordnet, dies im Comic selbst jedoch nicht überzeugend gelingt. Bilder und Text kommen über – zweifelsfrei gelungene – Andeutungen nicht hinaus.

Haarmanns Vorstellungswelt

Das größere Manko ist aber, dass die Figur Fritz Haarmann ein flat character bleibt, also letztlich einer psychologischen Tiefenzeichnung entbehrt: Anders als in Romuald Karmakars und Michael Farins beeindruckendem Totmacher (1995) oder in John J. Muths grandiosem M (1990) nach Fritz Langs und Thea von Harbous gleichnamigen Meisterwerk (1931) bleibt uns ein Eindruck von der deformierten Psyche des Täters großteils verwehrt, wenn man von der grauenhaften Oberfläche absieht. Das ändert sich erst systematisch in den Sequenzen im siebten und letzten Kapitel, die durch den sehr physischen Auferstehungsglauben des Mörders und die Imagination eines Wiedersehens mit der verstorbenen Mutter ›im Himmel‹ verstören. Das überrascht aber nun auch deshalb, weil Peer Meter schon länger mit der Materie vertraut ist: 1990 erschien zusammen mit Christian Gorny bei Carlsen der erste Band eines ebenfalls Haarmann betitelten zweiteiligen und nicht abgeschlossenen Comics. – Um jedoch keinen falschen Eindruck zu hinterlassen, sei angemerkt, dass es sich hier um Kritikpunkte handelt, die nur vor dem Hintergrund eines sonst überzeugenden Werkes auffallen.

Eine Schlussbemerkung, die nichts mit dem Kunstwerk Haarmann selbst zu tun hat, sei noch gestattet: Als peinlich empfindet man den Störer »Ein deutscher Serienmörder« auf dem Cover; befremdlich ist es, dass man so offenbar sein Publikum anzieht.