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Die Box





2. November 2010
Felix Giesa
für satt.org

 

Manuele Fior: Fräulein Else
Aus dem Französischen
von Maximilian Lenz
Avant, Berlin 2010
88 Seiten, 19,95 Euro
» Avant
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Spiegelung des Inneren

Dem Vorwurf, alle Prosa sei Lüge, begegnet die Literatur mit immer neuen erzählerischen Authentizitätsstrategien. Den inneren Monolog als ein solches Stilmittel führte Arthur Schnitzler 1900 mit seiner Novelle »Lieutnant Gustl« in den deutschen Sprachraum ein. Fast ausnahmslos wird dem Leser das Innenleben des Gustl geschildert, nur stellenweise unterbrochen durch wörtliche Rede. Dieselbe Vorgehensweise verwendete Schnitzler in »Fräulein Else«, welche auf dem Höhepunkt der literarischen Moderne erschien. Die Geschichte um ein junges Mädchen, das von seiner Familie bedrängt wird, bei einem alternden Lebemann um Ausgleich einer Schuldenlast zu bitten, entlarvt die nur vordergründige Biederkeit der wohlhabenden Bürgerschicht. In Elses Zweifeln und ihrem schlussendlichen Suizid entwirft Schnitzler das Psychogramm einer heranwachsenden Generation. Bereits 1929 als Stummfilm verfilmt, wurde die Novelle auch mehrfach auf die Bühne gebracht: Der innere Redefluss Elses ist weniger episch als dramatisch und drängt sich somit für eine Theateraufführung auf. Nun erschien im Berliner Avant Verlag Manuele Fiors Comicadaption von »Fräulein Else«.

Ob Fior die Verfilmung oder die Dramatisierungen kannte, darf bezweifelt werden, zumindest trägt die Adaption keine offensichtlichen Spuren von Stummfilm oder Theater. Interessant ist hier eh, wie die Überführung des inneren Monologs in das Comicformat gelang. Also wie es gelang, die Literarizität zu transformieren. Fior entscheidet sich dafür, Else als Figur selber darzustellen; ihren Monolog bettet er als Gedankenblasen ohne Docht in die Panels, später, besonders während ihrer Erinnerungen an Jugendzeiten, auch als Blocktext unter das Panel, schließlich zum Ende hin, wenn die junge Frau den Druck kaum mehr aushält – Schnitzlers Zeitgenosse Freud hätte wohl von Hysterie gesprochen – beginnen die Panels zu ›schwimmen‹, lediglich die Gedankenblasen scheinen sie noch zusammenzuhalten. Das ist alles sehr schön arrangiert und wirkt gemeinsam mit den feinen, teilweise flüchtig anmutenden Aquarellen, die an eine bravere Version von Jules Pascins Alltagszeichnungen erinnern, hervorragend komponiert. Gemessen an seinen bisherigen Publikationen, besonders erwähnenswert das feinfühlige »Menschen am Sonntag« (Avant, 2005), wird hier eine enorme Entwicklung des Zeichners sichtbar.

Allerdings wünschte man sich, Fior hätte sich stärker auf die Möglichkeiten des Comics eingelassen und auch den literarischen Wagemut seiner Vorlage ernst genommen. Die komplette Innensicht einer Figur beschränkt sich eben nicht nur auf ihre Gedanken, sondern auch auf ihre Wahrnehmung. Konsequenterweise hätte der Comic also aus der subjektiven Perspektive Elses gezeichnet werden müssen. Sie selbst gesehen hätten wir dann lediglich in der Schlüsselszene, wenn sie nackt vor dem Spiegel steht und ihrem Spiegelbild ganz verliebt eingesteht: »Wie gut würden wir uns miteinander vertragen.« In dieser neuentstandenen Außensicht der Comicadaption offenbart sich ein Betrachter, in der Literatur würde man von einem Erzähler sprechen, dessen Anwesenheit durch den inneren Monolog eigentlich getilgt wurde. Die vollständige Aufhebung jeder ästhetischen Distanz, auf die Schnitzler abzielte, und die drei Jahre zuvor James Joyce in seinem Molly Bloom-Monolog in »Ulysses« auf die Spitze trieb, geht auf diese Weise verloren. Somit ist Manuele Fiors »Fräulein Else« ein herrlich anzusehender und zu lesender Comic, als Literaturadaption bleibt er jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück.