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19. Juni 2010
Felix Giesa
für satt.org

  Kazuki Sakuraba und Iqura Sugimoto: A Lollypop or A Bullet
Kazuki Sakuraba
und Iqura Sugimoto:
A Lollypop or A Bullet

Aus dem Japanischen von Burkhard Höfler
Egmont 2010, 256 Seiten, 7,50 Euro
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Kazuki Sakuraba und Iqura Sugimoto: A Lollypop or A Bullet


Japanische Meerjungfrauen küsst man besser auch nicht

Abgesehen von den Manga, die hierzulande eher als Graphic Novels gehandelt werden, wie etwa die von Taniguchi oder einigen Tezuka-Titeln, haftet dem Gros der Manga immer noch das Vorurteil an, Kinder- oder schnulziger Mädchenkram zu sein. Dabei wird komplett übersehen, dass gerade jugendorientierte Mangagenres eine Auseinandersetzung mit ‚Jugend’ bieten, die im Vergleich zu den üblichen Anlaufstellen wie Jugendbüchern oder Zeitschriften einen unverstellten und zumeist phantastischen Blick auf die eigene Entwicklung werfen. Das erklärt zum einen den Erfolg von ‚Mädchen’-Mangas, aber auch den von phantastischer Jugendliteratur der Marke „Twilight“ – der dann übrigens in Kürze auch als Manga vorliegen wird – in den letzten Jahren.

In „A Lollypop or A Bullet“ begegnet der Leser respektive die Leserin dann auch zwei Mädchen, die scheinbar unterschiedlicher kaum sein könnten. Zentrale Figur ist die dreizehnjährige Nagisa, die sich der aufdringlichen Annäherungsversuche ihrer neuen Mitschülerin erwehren muss. Klingt das bis hierhin nach „Bravo“-Fotoroman, nimmt die Handlung sehr schnell einige dunkle Wendungen, die es dort nie gäbe. Mokuzu behauptet, dass sie eine Meerjungfrau sei und nun in Mädchengestalt auf der Erde wandle, um die Menschen und deren Leben kennenzulernen. Das mag plump erscheinen, doch darf die japanische ‚Meerjungfrau’ ningyo nicht mit unserem archetypischen Muttersymbol verwechselt werden. Ningyo sind geschlechtlose Mischwesen, klein und fischähnlich mit einem Affenmaul. Ihr Fleisch zu essen macht unsterblich, stranden sie, gelten sie als Unheilsbringer. So betrachtet offenbart Mokuzu eine Vielschichtigkeit, die selbst den meisten Jugendbüchern abgeht. Der geschilderte Abschnitt der Adoleszenz zeichnet sich doch gerade durch ein nicht mehr Kind-, aber auch noch nicht Erwachsensein aus. Bedenkt man zusätzlich die Rolle der Frau in Japan, die sich nicht nur dort noch bis vor kurzem mit dem Spruch „nicht Fisch, noch Fleisch“ treffend hätte beschreiben lassen, ist die Meerjungfrau in Menschengestalt ein gelungenes Bild für das Lebensgefühl Heranwachsender.

Ob es sich denn bei Mokuzu tatsächlich um eine Meerjungfrau handelt oder nicht, wird man indes erst im abschließenden zweiten Band erfahren. Eingekleidet ist die ganze Geschichte in einem leichten Mysteriegewand, wenn Nagisa versucht das Geheimnis um Mokuzu zu lüften und beide sich näher kommen; und vielleicht mehr. Das alles ist leichte Kost und auch in seiner graphischen Gestaltung erfreulich unaufgeregt. Solche mit zwei Bänden kürzeren Serien bieten einen guten Einstieg in die eigene Leseerfahrung ‚Manga’, muss man sich doch nicht gleich zwanzig Bände kaufen, um die Vorgeschichte zu verstehen.