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20. Mai 2010
Felix Giesa
für satt.org

  Naomi Fearn: Zuckerfisch – auf die Hand (#5)
Naomi Fearn: Zuckerfisch – auf die Hand (#5)
Zwerchfell 2009, 82 Seiten, 12 EURO
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Aktuelles aus dem
Hause Zwerchfell

Man könnte meinen, die „Zuckerfisch“-Comics von Naomi Fearn wären eine Symbiose zwischen den Karnickelcomics von Mawil, dessen autobiographischen Geschichten und eines beliebigen Comictagebuchs, also am besten dem von James Kochalka. Naomi Fearn zeichnet bereits seit zehn Jahren einmal wöchentlich ihren „Zuckerfisch“-Strip für die Stuttgarter Zeitung. Aber obwohl es dort zwei Hasen (die übrigens, ganz im Gegensatz zu Mawils Hasen, ziemlich schwul sind) gibt und obwohl dort die Problemchen der Twenty- bzw. Thirtysomethings verhandelt werden, ist der Strip nicht einfach nur eine Aneinanderreihung genannter Zutaten. Fearn schafft es ganz ausgezeichnet, dass alltäglich Leben abzubilden und trifft dabei einen ganz wundervollen Ton, irgendwo zwischen immer schön süffisant und leicht hysterisch. Gerade ist der fünfte Sammelband mit den Strips eines Jahres ab Herbst 2005 erschienen. Der erste Band erschien ehemals bei Ehapa, aber man traute dem Projekt dort nicht so recht, seither hat Fearn bei Zwerchfell eine vertrauensvolle Heimat gefunden. Und eigentlich hätte sie für „Zuckerfisch“ mal den Comic-Strip-Preis der Max-und-Moritz-Jury verdient.

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  Veronika Mischitz und Christopher Bünte: kleiner vogel rot
Veronika Mischitz
und Christopher Bünte:
kleiner vogel rot

Zwerchfell 2009
88 Seiten, 14 EURO
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„Was wäre wenn ...“, so heißt nicht nur eine (früher mal ziemlich gute) Comicserie bei Marvel Comics, sondern in diesen drei Wörtern offenbart sich auch immer wieder der zutiefst menschliche Selbstzweifel, das ‚kritisch-sich-selbst-gegenüber-sein’. (Längst haben solche Überlegungen im Zuge der possible worlds theory Einzug in die Wissenschaften gefunden, und die Frage „Was wäre, wenn es wirklich Zeitmaschinen gäbe“ ist nun nicht mehr nur Nerds vorbehalten.) Aber gemeint ist damit auch der immer leicht revoluzerhafte Ruf nach Veränderung: „Was wäre wenn ...“ wird somit zum Aufruf, zum Weckruf, wenn man so will, für die lethargischen Massen.

So auch für die junge Mari, die in einem namentlich nicht näher genannten grauen Land lebt; auch wenn hier das Grau sehr nach ‚Ostblock’ ausschaut. Ein „Was wäre wenn ...“-Graffiti löst bei ihr den erhofften Relfexionsprozess aus. Sie erinnert sich, besonders an den Großvater, der nun verschwunden ist, und an dessen folkloristischen Lebensweisheiten. Als dann der Onkel ihres Freundes verschwindet, sucht sie im Schreiben ein Ventil, über einen ehemaligen Freund findet sie eine illegale Druckerei. – Es folgt der Gang in den Untergrund, die Ablösung vom Umfeld, bald dann auch schon die Festnahme.

Christoph Bönte lässt in seinem Szenario sofort erkennen, dass Einmischen immer auch gefährlich ist. Die Handlung von „kleiner vogel rot“ beginnt mit dem Erinnerungsprozess Maris in einer Gefängniszelle, sie endet mit ihrer Hinrichtung. Doch so fatalistisch dies Geschehen auch anmuten mag, umso poetisch-naiver gelingt gerade auch die graphische Gestaltung durch Veronika Mischitz. Zwar kann man gerade bei diesem Thema bei einem schwarz-weiß gehaltenen Comic eine düstere Umsetzung erwarten, aber davon sind Mischitz’ Zeichnungen weit entfernt. So naiv und blauäugig wie sich Mari gegen die Machthaber auflehnt, wird sie auch abgebildet, mit großen Kulleraugen und einem freundlichen Wesen. Dabei setzt die Zeichnerin gekonnt auf Hell-Dunkel-Kontraste, welche die jeweilige Situation der Figuren dramaturgisch hervorheben. Daher ist es auch ärgerlich, dass man auf den letzten Seiten des Buches Verlagswerbung untergebracht hat; was generell legitim sein soll, allerdings in dieser knallbunten Ausführung ein echter Stilbruch gegenüber einem solch ruhigen und poetischen Bändchen ist.

Was es übrigens mit dem kleinen roten Vogel auf sich hat? Nun, das ist „vielleicht das letzte Geheimnis der Welt.“

Seit nun gut zwanzig Jahren kommen aus dem Hause Zwerchfell gute Comics, fast immer fördert man dort heimische Zeichnerinnen und Zeichner, viele von denen gehören heute zu dem, was man wohl die ‚zeichnerische Elite’ nennen kann. Das beweist vor allem, dass man dort ein Gespür für die richtigen Leute hat. Als Leser kann man sich darauf getrost verlassen.