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Die Box





13. März 2010
Felix Giesa
für satt.org

  Geoff Johns und James Robinson: Superman Sonderband 35: New Krypton 1
Geoff Johns und
James Robinson:
Superman Sonderband 35:
New Krypton 1

Panini 2010
164 Seiten, 16,95 Euro
» Panini


Brian Michael Bendis und Oliver Coipel: Siege # 1 (von 4)
Brian Michael Bendis
und Oliver Coipel:
Siege # 1 (von 4)

Marvel 2010
40 Seiten, $ 3,99
» Marvel


100.000
Supermenschen
und die Stadt

Seit jeher ist die Stadt als Handlungsraum im Comic präsent, man vergegenwärtige sich nur Outcault’s Yellow Kid, wie es sich in der Hogan’s Alley zum Ende des 19. Jahrhunderts herumtreibt. Seither sind eine Vielzahl an urbanen Stadtbildern hinzugekommen, neben den realen Abbildungen von Städten, wie etwa die Berlins in Jason Lutes gleichnamigen Comics oder die Paris’ bei Tardi, sind es natürlich die Fiktionalisierungen dieser Metropolen oder anderer und die fiktiven Orte wie Gotham City und Metropolis. In einer spannenden Tagung wurden diese Traditionslinien erst kürzlich näher analysiert, was teilweise zu überraschenden Erkenntnissen führte.

Gerade auch der urbane Raum in den Superheldencomics ist derzeit in einem spannenden Stadium. Die beiden amerikanischen Großverlage DC und Marvel loten derzeit in ihren Heften die Auseinandersetzung mit dem Fremden als urbane Irritation aus. Bei Marvel ist es die Götterstadt Asgard, die Thor im Post-Ragnarök-Zustand mitten im Nirgendwo von Oklahoma erneut erschaffen hat. Dort schwebt sie nun knapp über der Erdoberfläche und versinnbildlicht so den unüberwindbaren Unterschied zwischen ihren göttlichen Bewohnern und der irdischen Restbevölkerung. Die Angst einer Überfremdung durch zuwandernde Volksgruppen und die vermeintliche Bedrohung des eigenen Lebensraumes durch dieselbige wird hier mittlerweile soweit durchgespielt, dass sich Asgard gleich einem Szenario von Hal Fosters Prinz Eisenherz’, in einem Belagerungszustand befindet. Doch egal, wie die Story ausgehen wird, das zugrunde liegende Misstrauen ist zu groß und wird sich als unüberwindbar erweisen.

Denn, und das sieht man in der gerade auf Deutsch erschienen Superman-Geschichte „New Krypton“ ganz wunderbar, die Angst vor potenten Migranten sitzt tief. Das dies im Fall von 100.000 latent faschistoiden Kryptoniern, die alle nach und nach ähnliche Kräfte wie der Mann aus Stahl entwickeln, auch begründet zu sein scheint, darf man wohl getrost als der amerikanischen Xenophobie geschuldet betrachten. Doch der Reihe nach: Bevor Supermans Heimat Krypton unterging, gelang es dem intergalaktischen Bösewicht Brainiac die Hauptstadt Kandor der Oberfläche zu entreißen. Er verkleinerte sie und steckte sie in eine Flasche; soviel zum historischen Nerdwissen. In seiner letzten Auseinandersetzung mit Brainic, gelang es Superman nun endlich, Kandor wiederherzustellen und die Stadt am Nordpol anzusiedeln. Dies ist für Autor Geoff Johns der Ausgangspunkt für den aktuellen Abschnitt in Supermans Leben. Ohne sich hier nun in nerdige Details zu verlieren, ist das spannende an der Geschichte, zu sehen, wie auch im Comic die Reflexmechanismen funktionieren: Während die amerikanische Regierung offiziell um freundschaftliche Beziehungen bemüht ist, die Gerechtigkeitsliga zumindest Superman gegenüber ernsthaft besorgt ist, bereitet das Militär schon mal vorsichtshalber eine Waffe zur massenhaften Vernichtung von Kryptoniern vor.

Wie bereits angedeutet stellen sich die Neuankömmlinge nach kurzer Zeit als überheblich und überpotent dar. In ihrem Übereifer, alle für Superman, und somit für sie selber, gefährlichen Gegner auszuschalten, übertreten sie irdisches Recht und werden schnell zur potentiellen Gefahr. Ausgehend von der Großstadt, schon immer Symbol für die Verruchtheit der modernen Welt, und der Angst vor Überfremdung, gerade in den Städten, offenbart sich in „New Krypton“ eine überraschend klare Sicht auf Probleme, die sich nicht erst ergeben haben, seit mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebt. Bedenkt man die Anspielung der vom Himmel herabgekommenen Städte an das Neue Jerusalem der „Offenbarung des Johannes“, drängt sich eine Wahrnehmung von Superheldencomics als moderne Heilsmythen regelrecht auf, und man erkennt schnell den Spiegel, den sie uns vorhalten können.