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Die Box





4. Februar 2010
Felix Giesa
für satt.org

  Peter Newell: Pollys Traumabenteuer
Peter Newell:
Pollys Traumabenteuer

Verlagshaus Jacoby & Stuart
HC, 288 S., € 14,90
» Jacoby & Stuart
» amazon

Peter Newell: Das schiefe Buch
Peter Newell:
Das schiefe Buch

Bajazzo Verlag
HC, 48 S., € 14,90
» Bajazzo
» amazon

Peter Newell: Selbstportrait
Selbstportrait:
Der Künstler wie er sich selber sah.

Peter Newell: Alice
Alice: Vorbild für Newells Alice war seine Tochter. Der dunklen Haarfarbe wegen kam es zu Beschwerden. Die Menschen des viktorianischen Zeitalters hatten sich an eine blonde Alice gewöhnt.


Peter Newells Bildwelten

Über die Anfangszeit des Comicstrips ist nach wie vor wenig bekannt, über die Zeichner dieser Jahre ebenfalls. Lediglich Größen wie Winsor McCay oder Richard Felton Outcault sind auch jenseits von Sammlerkreisen ein Begriff. Umso mehr musste es überraschen, als der Verlag Jacoby & Stuart die Comicstrips Peter Newells aus den Jahren 1905 und 1906 mit den Worten ankündigte, es handele sich um Geschichten, welche „den Vergleich mit McCay nicht zu scheuen“ bräuchten. Kennen konnte man Newell hierzulande eventuell durch sein 2007 erstmals auf Deutsch im Bajazzo Verlag erschienenes „Schiefe Buch“, im Original aus dem Jahr 1910. Noch überraschter musste man dann sein, als man nach Erscheinen ein kleines quadratisches, beinahe ziegelsteindickes Büchlein in Händen hielt: Man hatte das drei Mal drei-Panel Seitenlayout aufgebrochen und den Text, der im Zeitungsabdruck unter den Panels stand, auf die linke Seite gestellt, während rechts je ein Panel abgebruckt wurde. Das erklärt, warum das Bändchen so dick geraten ist und das kurze Nachwort des Übersetzers der italienischen Ausgabe begründet den unkonventionellen Schritt der Umgestaltung damit, dass Newell zwar ein talentierter Illustrator war, aber seine Comics eher nicht funktionieren. Dass scheint recht widersprüchlich und wenig befriedigend, denn so viel ist nach der Lektüre von „Pollys Traumabenteuern“ sicher: Peter Newell war tatsächlich ein herausragender Zeichner seiner Zeit, dessen Arbeiten bis heute nachwirken. Auch wenn sie teils vergessen sein mögen. Grund genug, sich Peter Newells Arbeiten einmal genauer zu betrachten.

Bereits seit den 1880er Jahren veröffentlichte Newell regelmäßig Illustrationen und kürzere Comicstrips in Wochen- und Monatszeitschriften des Verlagshauses Harper. Machte er sich mit diesen Arbeiten bereits einen Namen als herausragender humoristischer Zeichner, so befestigte er seinen Status 1901 mit dem Erscheinen einer Alice-Edition mit komplett neuen Illustrationen. Kurz nach Abschluss dieser Ausgabe muss die Entstehungszeit des Comicstrips „The Naps of Polly Sleepyhead“ liegen und man kann nur vermuten, wie der arrivierte Zeichner Newell versuchte, an den beinahe sofortigen Erfolg solcher Serien wie „The Yellow Kid“ und „Little Nemo in Slumberland“ anzuschließen. Betrachtet man eine der Originalseiten, so erkennt man die klassische Struktur eines One-Pagers, eines einseitigen, in sich geschlossenen Comicstrips. Dabei ist die Handlung immer die gleiche: Polly schläft bei einer beliebigen Tätigkeit ein und wird von den Gerätschaften ihrer Tätigkeit in der Traumwelt übertölpelt. Die Parallelen zu Lewis Carroll‘s Alice sind offensichtlich, die Pointen, die oft genug schlichten Erklärungen gleichen, ähneln sich nach einer gewissen Zeit jedoch sehr. Das der Witz dabei stets aus der Unzulänglichkeit des immermüden Mädchens erwächst, ist dabei sogar eher unterhaltsam, und die didaktische Note der Zeit geschuldet. Da Newell sich aber streng an das einmal gewählte drei Mal drei-Panel-Format hält, erwächst aus dem Seitenlayout keinerlei zusätzliche Spannung. Ist ein festes Panel-Layout bei heutigen Comiczeichnern vielfach üblich, experimentierte doch gerade Winsor McCay auf dieser Ebene und ist hierin bis heute ungeschlagen. Newell kann dem nicht folgen und so ist tatsächlich interessant zu sehen, wie die einzelnen Zeichnungen ihre Wirkung entfalten. Gleich einem sehr dicken Daumenkino kann man durch die Geschichtchen blättern. Und wie bei einem Stummfilm werden die Texttafeln dazwischen geblendet.

Doch nach 50 Folgen für die Sonntagsbeilage des „New York Herald“ war bereits wieder Schluss mit Polly. Über die Ursachen mag man spekulieren, jedoch sollten ihm seine folgenden Projekte mit ihrem Erfolg für diese Entscheidung Recht geben. Bereits 1893 versuchte Newell sich äußerst erfolgreich an einem Bilderbuch und schuf mit „Topsys and Turveys“ ein Wendebuch, welches in den USA zu einem Klassiker wurde. Was von französischen Comicavantgardisten der Oubapo ab den frühen 1990er Jahren teilweise versucht wurde, Geschichten richtig herum und auf dem Kopf lesbar zu gestalten, hat Newell hier bereits umgesetzt. Nach den Illustrationen für die Lewis Carroll Bücher und den Polly-Comicstrip schien er sich auf das Gestalten von Bilderbüchern und das Ausloten der Buchform zurückzubesinnen und schuf in der Folge drei zeitlose Bilderbücher, für deren besondere Formate er sogar Patente anmeldete. „The Hole Book“ erschien 1908. Ein Loch zieht sich durch die Umschlagblätter und alle Seiten und verfolgt – und visualisiert somit – den Weg einer Pistolenkugel. Zwei Jahre später folgte dann „Das schiefe Buch“, von Newells Büchern neben den Comicstrips das einzige, welches auf Deutsch vorliegt. Erzählt wird von Klein Bobby, der in seinem Kinderwagen immer weiter einen steilen Berg hinunter rast. Dem Gefälle die Form geschuldet, neigte Newell das Buch und heraus kam ein Rhomboid. So ist die rechte Buchseite immer in die Buchmitte geneigt und die Fahrt des Kindes geht immer weiter und weiter. Der Zeichner erweist sich dabei in den Illustrationen und in seinem Einfallsreichtum auf der Höhe seines Schaffens. Da werden Hydranten umgefahren und Wasser schießt aus den offenen Leitungen in die Höhe, Männer werden von Leitern gestoßen und Glasern die Scheibe in der Hand zertrümmert. Das klingt alles wohlbekannt, sollte es doch bald zum humoristischen Inventar eines jeden Slapstick-Films gehören. Das alles taucht Newell abwechselnd mal in grelle Farben, mal in mitternachtsblaue Töne oder in ein burleskes Grün. Unverkennbar sind dabei immer die Gesichter seiner Figuren. Dort erkennt man die karikatureske Schulung seiner frühen Jahre, hier nun zur Vollendung gebracht, wenn Ausdrücke wie Erstaunen und blanker Schreck dem Betrachter von der Seite aus anglotzen.

Mit „Pollys Traumabenteuer“ und dem „Schiefen Buch“ liegen gerade einmal zwei der gut vierzig Bücher und hunderten Zeichnungen Newells in deutscher Sprache vor. Ein Anfang seiner Entdeckung ist hiermit getan, es steht zu hoffen, dass die etwas ausgefallenen Formate nicht dazu führen, dass man die Titel nicht in den Buchhandlungen finden wird. Peter Newell wird sonst in einigen Jahren vollends vergessen sein.