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1. November 2009
Christopher Pramstaller
für satt.org

  Ben Katchor: Der Jude von New York
Ben Katchor:
Der Jude von New York

Avant-Verlag 2009
112 Seiten, s/w, 19,95 €
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Aus der Neuen Welt

Nach der hebräischen Bibel, dem „Tanach“, bilden die zwölf Söhne Jakobs mit ihren zwölf Stämmen, das von Jahwe auserwählte Volk Israel. Zwar hatten die zwölf Stämme zunächst keinen gemeinsamen politischen Führer, doch eines hielt sie stets zusammen: der Glaube an den einen Gott, der sie durch die Geschichte führt. Die Juden waren in dieser frühen Phase ihrer Geschichte ein Volk auf Wanderschaft. Moses Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft und sein langer Marsch durch die Wüste, zurück in das gelobte Land, ist wohl die bekannteste dieser Geschichten, um die Suche nach einem Ort der Entfaltung und Heimat.

Mordechai Noah, der ehemalige Konsul der USA in Tunis, war wie besessen von der Idee, alle zwölf Stämme auf einer Insel im Niagara-River zusammenzuführen und rief sie 1825 auf, sich dort zu versammeln. Sein Plan, der kläglich scheiterte und ihm mehr Hohn und Spott, als Erfolg einbrachte, ist nur eine kleine Fußnote der jüdisch-amerikanischen Geschichte. Doch sie bildet den Ausgangspunkt des vielschichtigen und brillanten Epos „Der Jude von New York“, welches Ben Katchor – 1951 in Brooklyn geboren und selbst Jude, der in einem Viertel aufwuchs in dem das Jiddische noch Umgangsprache war – in der Zeit um 1830 in New York in seinem Comic entfaltet.

Diese Zeit des ökonomischen Aufbruchs unter Präsident Andrew Jackson, in den USA die „jacksonian years“ genannt, war von einem Wandel von ländlichem Leben hin zur Marktwirtschaft geprägt. Vor den unzähligen Neuankömmlingen in der Neuen Welt lag ein weites, leeres Land. Ein Land, das es zu entdecken, zu verändern und zu formen galt. Ein Land, das eine einmalige Einladung aussprach, sein Glück zu suchen und seinen Platz zu finden. Für die Juden des alten Europas bot sich hier die Chance, ihre jüdische Identität neu zu definieren und nach Jahrhunderten am sozialen Rand, ein gleichwertiger Teil einer neuen Gesellschaft zu werden.

New York war in diesen Jahren zwar schon eine Stadt beachtlichen Ausmaßes, im Vergleich zur heutigen „Stadt, die niemals schläft“ mutete sie aber eher ländlich an. Gerade einmal 200 000 Bewohner tummelten sich hier, Schweine liefen noch auf der Straße herum und alles schien eher improvisiert, als für die Ewigkeit erbaut zu sein. Unter diesen 200 000 Einwohnern fand sich eine kleine jüdische Gemeinde. Nur 1 000 Personen zählte sie, doch zeichnet sie Ben Katchor so bunt und vielschichtig, dass ein beinahe obskures Soziotop entsteht. Zunächst wirkt alles surreal, unglaublich und fantastisch. Katchor lässt ein gutes halbes Dutzend illustre Figuren auftreten, die alle gleichwertig prominent in den Mittelpunkt gerückt werden, wenn sich Katchors Erzählung dezentral und collagierend aufbaut. Immer wieder springt sie hin und her und schafft es dennoch auf faszinierende Art, nicht ihre Mitte zu verlieren. Feinsinnig baut Ben Katchor seine Erzählung auf und gestaltet sie durchgehend am Rande des Zerbrechens. Nicht nur, was seine Figuren betrifft, sondern ebenso im Zusammenspiel von Wort und Bild. Fragil hängen sie zusammen, kämpfen um den oft allzu engen Platz in den einzelnen Panels und bilden dabei doch eine bestechende Symbiose. Auch in den Zeichnungen setzt sich diese Spannung weiter fort, den mit ihren feinen und skizzenhaften Konturlinien und den lavierten Tuscheflächen in jedem einzelnen Bild ein Kontrast innewohnt.

Die thematische Mitte, die den Comic davor bewahrt, in einzelne Teile zu zerfallen, ist die Auseinandersetzung mit den Juden New Yorks, ihrer Suche nach Identität und den Menschen, die ihnen und ihrer Religion nur allzu skeptisch gegenüber stehen. So stehen stereotypes Denken, Unwissenheit und mitunter auch ganz offener Antisemitismus auf der einen Seite, den vielfältigsten Lebensentwürfe der Mitglieder der jüdischen Gemeinde, von streng praktizierenden Juden, bis zu schon seit Generationen dort wohnenden jüdischen Geschäftsmännern auf der anderen Seite, gegenüber.

Was Ben Katchor mit „Der Jude von New York“ geschaffen hat, ist ohne Zweifel als ein Meisterwerk des Comic zu bezeichnen. Es ist eine virtuose Erzählleistung um eine fast surreale Welt, die zu unglaublich erscheint, um wahr zu, jedoch von solch plastischen Protagonisten bevölkert wird, dass alles was dort geschieht, einfach wahr sein muss.

Ben Katchor: Der Jude von New York