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23. juli 2009
Christopher Pramstaller
für satt.org

  Jiro Taniguchi: Bis in den Himmel
Jiro Taniguchi:
Bis in den Himmel

Schreiber & Leser 2009
304 Seiten, € 16,95


Seelenwanderung

Jiro Taniguchi wurde im letzten Jahr wie kaum ein Mangaka vor ihm von der Kritik gelobt. Nach dem großen Manga-Boom in Deutschland Mitte der 1990er Jahre, in dem viele, speziell bei Jugendlichen in Japan populäre Serien auch hierzulande ein breites Interesse fanden, ist es nicht zuletzt Jiro Tanugichis Arbeiten zu verdanken, dass der Manga ein vielfältigeres Gesicht bekommen und viel an Renommee gewonnen hat. Denn seine Geschichten sind langsamer und intimer als jene, die sich das breite Publikum im Allgemeinen unter einem typischen Manga vorstellt. Oft beschreibt er in langen Zügen den japanischen Alltag, konzentriert sich auf Details und lässt nur selten eine hektische Bildsprache aufkommen. Ohne Frage trägt der Einfluss europäischer Zeichner wie Moebius oder François Schuiten entscheidend dazu bei, dass Taniguchis Mangas unseren Lesegewohneiten entgegenkommen und ihm in Frankreich schon vor Jahren große Aufmerksamkeit schenkten. Denn seine Comics sind auch für jene Leser geeignet, die von Mangas eigentlich gar nichts wissen wollen.

Nachdem jüngst eine ganze Reihe von Jiro Taniguchis Titeln mit großem Erfolg auf dem deutschen Markt veröffentlicht wurde, war es Zeit für die Verlage mit neuen Titeln nachzulegen. Bei Schreiber & Leser erschien jüngst „Bis in den Himmel“. Eine Geschichte um die Wanderung der Seele eines Erwachsenen in den Körper eines Jugendlichen.

Mit ungewöhnlich viel Hektik und einer sehr viel mangaeskeren Bildsprache, als sie sonst in Taniguchis Werken zu finden ist, beginnt die Erzählung. Im nächtlichen Tokio rast der 17-jährige Takuya Onodera auf seinem Motorrad eine Straße entlang. Es dauert nur eine Seite bis ihm der 42-jährige, von der Arbeit gestresste und völlig übernächtigte Kazuhiro Kubota in seinem Auto entgegenkommt. In wilder Panelanordnung und in mit unzähligen Speedlines gestalteten Bildern prallen die beiden gegeneinander. Der junge Takuya wird wie ein Spielball durch die Luft gewirbelt, Kazuhiro verliert die Kontrolle über seinen Wagen und prallt frontal gegen einen Betonpfeiler. Der Unfall ist so heftig, dass beide ins Koma fallen und mit dem Tod ringen.

Schließlich stirbt Kazuhiro an seinen schweren Verletzungen und hinterlässt Ehefrau und Tochter. Als der ungestüme Takuya etwas später aus dem Koma aufwacht, finden sich jedoch plötzlich zwei Seelen in seinem Körper. Seine eigene und jene von Kazuhiro. Kazuhiro hat von nun an nur noch einen Wunsch: Bevor seine Seele aus Takuyas Körper verschwinden muss, will er sich von seiner Familie verabschieden. Doch wer wird ihm diese unglaubliche Geschichte glauben ...

Nach dem ungewohnt hektischen Anfang findet Taniguchi schnell zu seiner gewohnten, beinahe europäischen Bildsprache zurück, auch wenn sich Manga-Elemente mit vielen angeschnittenen Panels und Nahaufnahmen weiter wie ein roter Faden durch die Seiten ziehen. Für Schreiber & Leser ungewöhnlich, hat man den Manga diesmal gespiegelt, also in einer westlichen Leserichtung abgedruckt. Für Puristen sicherlich ein No-Go, wohl aber ein Entgegenkommen an Leser, die von der japanischen Leserichtung sonst eher abgeschreckt werden. Bei den von Carlsen veröffentlichten Taniguchi Geschichten war dies vorher schon üblich und so findet hiermit auch eine Angleichung der deutschsprachigen Edition statt.

Wie in vielen seiner Werke setzt sich Jiro Taniguchi auch in „Bis in den Himmel“ mit dem japanischen Alltag auseinander, wenn er die Frage thematisiert, wieso es zu diesem Unfall kommen musste, und ob nicht der übergroße Arbeitseifer eine große Mitschuld an der Tragödie trägt. „Bis in den Himmel“ ist nach den vielen erfolgreichen Mangas des letzten Jahres ein nicht ganz so überzeugendes Werk Taniguchis. Denn nicht jede Szene gelingt und nicht jeder Dialog scheint schlüssig. Jedoch ist auch eines der schwächeren Werke Taniguchis immer noch sehr lesenswert und „Bis in den Himmel“ zeigt uns nicht zuletzt einen etwas japanischeren Autor, als er bisher zu sehen war.

Jiro Taniguchi: Bis in den Himmel
Ungewohnt hektisch ist Taniguchis Bildsprache zu Beginn ...

Jiro Taniguchi: Bis in den Himmel
... schnell lässt er jedoch wieder Ruhe einkehren und konzentriert sich auf feine Details.