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Die Box





9. Juli 2009
 

satt.org-Sommerleseliste 20092

Teil 4 | Teil 3 | Teil 2 | Teil 1

Schnell vor dem Urlaub noch in den Buch- oder Comicladen. Schnell noch etwas Lektüre für die schönen Stunden des Müßiggangs. Denn es ist zumindest ein Ideal, eine romantische Vorstellung: Im Urlaub, am Strand, abends vor dem Zelt oder auf der Terrasse sitzend findet man endlich die Ruhe, zu lesen, wofür in der stressigen Zeit vor dem Urlaub die Ruhe fehlte. Oder als Daheimgebliebener, die Ruhe der Stadt genießend, begibt man sich mit seiner Wunschlektüre in den Park ...

Was möchten eigentlich die Comic-Schaffenden, die Zeichner, Kritiker, Herausgeber im Sommer lesen? Welche Lektüre – ob Comics oder andersweitige Literatur - haben sie sich zurechtgelegt und worauf freuen sie sich? Klaus Schikowski und Felix Giesa haben nachgefragt und bedanken sich bei allen, die freigiebig Auskunft über ihre Wunschlektüre gegeben haben.

Den zweiten Teil der „satt.org Sommerleseliste 2009“ bestreiten Sven Jachmann, Sascha Hommer, Sebastian Oehler, Marc Degens und Kati Rickenbach.

  Ulli Lust – Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens
Joe Sacco – Palästina (Edition Moderne)
Robert Kirkman/ Charlie Adlard – The Walking Dead
Geheimnsivolle Städte: Der Archivar
Kerascoët/Vehlmann: Jenseits
Ole Frahm: Die Sprache der Comics
Peter Bagge: Buddy Does Seattle/Buddy does Jersey
Mark Kalesniko: Why did Pete Duel kill himself
Heike Faller: Wie ich einmal versuchte, reich zu werden. Mein Jahr unter Spekulanten
Text + Kritik: Comics, Mangas, Graphic Novels
little things von jeffrey brown
le bonheur inquiet


Sven Jachmann

  • Francois Bourgeon – Reisende im Wind: Das Mädchen vom Bois-Caiman (Splitter Verlag)
    Mit seinem Historien-Abenteuer-Epos hat Bourgeon ohne wenn und aber das Erzählen mittels Comics in neue Sphären befördert und dabei noch eine epochale Kolonialgeschichte entwickelt. Wenn er dieser also quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit, still und heimlich in seinem Kämmerlein einen gut 200 Seiten umfassenden Zyklus hinzufügt und selbigen einige Jahrzehnte später ansetzt, dann muss man doch einfach wissen wollen, ob er damit das Richtige getan hat ...

  • Ulli Lust – Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens (Avant Verlag)
    Fast alles, was es bislang an erzählter deutschsprachiger autobiographischer Punkaufarbeitung so zahlreich zu lesen gab, war mit männlicher Hand geschrieben. Es gab Tragik, Depressionen, Selbstzerstörung, natürlich stets die nötige Selbstironie, aber in der Summe der geschilderten unerfüllten Bedürfnisse auch immer die Erkenntnis, dass Punk nicht im gesellschaftlichen Vakuum lebte – offensichtlich erst recht nicht, wenn die Pubertät schlagartig die Samenproduktion reguliert und vieles wünschen lässt, was sich viele wünschen. Da ist es nicht nur großartig, dass in diesem Diskurs endlich eine weibliche Perspektive einkehrt, es ist ganz exzellent, dass dies in Form eines 450-seitigen Comicmonstrums geschieht.

  • Joe Sacco – Palästina (Edition Moderne)
    Die Comicreportage besitzt als individualistische Bildmaschine fraglos einen ästhetischen Reiz. Ob sie aber diesem politischen Konflikt aufklärerisch Facetten abtrotzen kann, ohne schizophren-historisch die Shoah nach Gusto mal ein-, mal auszublenden, ob sie also in der Lage ist, Widersprüche zu ertragen und zu bebildern, ohne völkische Blut und Boden-Pädagogik zu predigen, ob sie also die Komplexität räumlich ästhetisiert oder nur schlichte und schlechte Appelle ein weiteres Mal ikonisiert, darauf bin ich ( da mir die Erstveröffentlichung bei Zweitausendeins entgangen ist, mir das dortige Umfeld widerwärtigster 9/11-Verschwörungstheorie-Literatur aber andererseits in Bezug auf „Palästina“ Sorge bereitet) im doppelten Sinne gespannt.

  • Robert Kirkman/ Charlie Adlard – The Walking Dead #9 (Cross Cult)
    Zum einen ist die Reihe nicht nur eine wunderbar abgründige Soap, die es schafft, ein Gespür für die Brüchigkeit wie Notwendigkeit von Lebensentwürfen, Paarbildungsstrategien und humanistischer Selbstbestimmung inmitten der Postapokalypse zu vermitteln: Wie lässt es sich in einer zombiefizierten Welt überhaupt gut leben, wenn man es nun mal muss? Das hat ihre Konzeption als Endlosserie allen anderen Zombierzählungen voraus, die vornehmlich mit dem Schock des Einbruchs hantieren, die Zeit danach jedoch notgedrungen ausblenden müssen oder nur ein Schlaglicht auf sie werfen können. Außerdem ist jeder neue Sammelband Anlass genug, die vorherigen ebenfalls zu lesen – und das kann dauern und sollte alleine, bei kargem Licht und am besten auf dem Land passieren.

  • Francois Schuiten/ Benoît Peeters – Geheimnsivolle Städte: Der Archivar (Egmont Ehapa)
    Weil mein Ebay-1-Euro-Schnäppchen bereits seit zwei Monaten auf dem postalischen Weg zu mir ist und der frisch eingezogene Optimist in mir sagt, dass es sich nur noch um eine Frage der Zeit handeln dürfte, sind doch schließlich nicht nur Städte geheimnisvoll: Das Vertrauen in den Postboten unterscheidet offensichtlich den Mensch vom Hund.

Sven Jachmann ist freier Kulturjournalist und schreibt schwerpunktmäßig zu Comic und Film. Seine Comickritiken erscheinen unter anderen auf satt.org.

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Sascha Hommer

  • Kerascoët/Vehlmann: Jenseits (Reprodukt)
    „Jenseits" ist nicht nur ein herausragend gestaltetes Märchen. Auch ein gespenstisches Modell des menschlichen Geistes wird hier in Szene gesetzt.
    Auf Französisch habe ich das Buch bereits gelesen, freue mich nun auf die deutsche Ausgabe.

  • Ole Frahm: Die Sprache der Comics (Philo Fine Arts)
    Das Vokabular der Comicfachliteratur ist primitiv, abgesehen von Bezeichnungen für Oberflächenphänomene des grafischen Erzählens arbeitet man meist mit Begriffen aus der Literatur- oder Kunstwissenschaft (meist nicht mal das).
    Von Ole Frahm ist nun ganz sicher keine neue Systematik zu erwarten, zumindest aber eine Intervention, die die Eigengesetzlichkeit der graphischen Erzählung herausstreicht und Vorschläge für ästhetische Kategorien macht.

  • Hayao Miyazaki: Nausicaä 1 bis 6 (Carlsen)
    Endlich eine Neuauflage dieses Meisterwerks in sechs Bänden, hoffentlich nicht mit so hässlichem Cover wie in der momentanen Verlagsvorschau.
    Die europäischen Fantasycomics der 70er und 80er Jahre kann man komplett auf den Müll werfen, „Nausicaä" ist viel besser. Glaubt mir.

Sascha Hommer ist Comiczeichner und Illustrator. Zusammen mit Jan Frederik Bandel zeichnet er den Comicstrip „Im Museum“ für die Frankfurter Rundschau. Bei Reprodukt soll noch in diesem Jahr sein Comic „Vier Augen“ erscheinen.

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Sebastian Oehler

  • Glass/Samuelson/Ware: Lost Buildings
    Ein kleines Buch mit Fotos von alten, mittlerweile abgerissenen Chicagoer Gebäuden von Architekt Louis Sullivan mit einer beigelegten DVD eines eigentlich für das Radio gedachten (Dia-) Vortrages mit Geschichten von Tim Samuelson über eben jenes Thema. Die Illustrationen von Chris Ware tun ihr übriges und die Geschichten von Tim Samuelson würden sich ohne Anpassungsschwierigkeiten in die ACME-Novelty-Library einfügen. Genau genommen eher Seh- als Leseempfehlung, des kleinen, schmucken Buches wegen aber trotzdem auf der Liste.

  • Peter Bagge: Buddy Does Seattle/Buddy does Jersey
    In den 90ern komplett an mir vorbeigegangen, sowohl die amerikanischen Hefte als auch die deutsche Übersetzung bei Jochen Enterprises. Wahrscheinlich habe ich deshalb nie verstanden, was an Peter Bagge so toll sein soll. Obwohl oder auch gerade weil nach Grunge mittlerweile kein Hahn mehr kräht, machen die beiden Bücher einfach Spaß. Erstaunlich gut gealtert, sehr lustig und toll erzählt.

  • Mark Kalesniko: Why did Pete Duel kill himself und Alex
    Ähnlich wie Todd Solondz´ Filme „Willkommen im Tollhaus“ und „Happiness“ lassen sich diese beiden Bücher einordnen. „Why did Pete Duell kill himself“ zeigt in einfachsten Strichen, wie furchtbar und herzzerreißend eine Kindheit verlaufen kann. Die Vorstellung, dass es sich mit fortschreitendem Alter bessert, zerstört Mark Kalesniko dann mit „Alex“. Das Leben bleibt eine Abfolge von Grausamkeiten, unterbrochen von wenigen Momenten vermeintlichen Glücks, die nur zu weiteren Abstürzen führen. Auch nach mehrmaligem Lesen immer wieder gut aber eben auch deprimierend, deshalb findet es sich auf meiner Sommer- und nicht auf der Winterleseliste.

Sebastian Oehler ist beim deutschen Indie-Comic-Flagschiff Reprodukt zuständig für Marketing und Lizenzen.

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Marc Degens

  • Heike Faller: Wie ich einmal versuchte, reich zu werden. Mein Jahr unter Spekulanten. DVA [München] 2009.
    Ich bin schon seit langem ein Fan von Heike Fallers Texten und freue mich riesig, das Protokoll Ihres Selbstversuchs zu lesen. Das Buch ist bestimmt witzig und lehrreich zugleich.

  • Text + Kritik: Comics, Mangas, Graphic Novels Richard Boorberg Verlag [München] 2009.
    Die von Heinz Ludwig Arnold herausgegebene Reihe begeistert mich schon seit vielen Jahren, jetzt endlich ist auch ein Band über Comics erschienen, mit vielen interessant klingenden Aufsätzen von namhaften Experten.

  • Glanz & Elend: No. 7. Glanz & Elend [München] 2008.
    glanzundelend.de ist ein spannendes Online-Magazin für Literatur und Zeitkritik, der 176 Seiten umfassende Broschurband ist gleichzeitig ein Geschenk von und für die Herausgeber.

  • Caesar: Sämtliche Werke. Phaidon [Essen] 1990.
    Den gallischen Krieg habe ich vor 3 Jahren auf deutsch mit Freude verschlungen, jetzt habe ich mir die preiswerte Phaidon-Ausgabe besorgt und freue mich auf den Rest.

  • Karl Corino (Hrsg.): Genie und Geld. Vom Auskommen deutscher Schriftsteller. Greno [Nördlingen] 1987.
    Ein Lektüretip von Thomas Kapielski, entdeckt in seinem großartigen "Mischwald".

  • Kurt Hiller: Leben gegen die Zeit. [Logos] Rowohlt [Reinbek] 1969.
    Kurt Hiller habe ich durch meine Frau kennengelernt, er ist ein hinreißender Pamphlet-Schreiber, antiquarisch konnte ich nun den ersten Teil seiner Autobiographie erstehen.

Marc Degens ist Schriftsteller und Mitherausgeber von satt.org.

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Kati Rickenbach

natürlich werde ich mir die neuen bücher meiner deutschen kollegen zu gemüte führen, welche im herbst beim avant verlag erscheinen werden:
„heute ist der letzte tag deines lebens" von ulli lust und „drüben!" von simon schwartz. dann natürlich „little things" von jeffrey brown und „le bonheur inquiet" von lewis trondheim, eine sammlung seiner „les petits riens". alle bücher sind autobiografisch fällt mir gerade auf, das liegt wohl daran, dass ich momentan selber grösstenteils autobiografisch erzähle. sieht man übrigens auch auf meiner neuen homepage.
und wenn ich zurück nach zürich komme nächste woche (ich war grad für ein paar monate in hamburg), dann wartet da das buch „bis ans ende der meere" von lukas hartmann auf mich ...

Kati Rickenbach ist Comiczeichnerin und Illustratorin. Sie arbeitet in der Ateliergemeinschaft STRAPAZIN, in deren Magazin sie auch regelmäßig publiziert. Zuletzt erschien von Kati Rickenbach die Kurzgeschichte „No Water in O-Block“ in der deutsch-indischen Anthologie „Kulbhushan trifft Stöckli“ (Edition Moderne).

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