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5. Juni 2009
Thomas Vorwerk
für satt.org

  Micky Maus 23/2009 – Gesucht: Donald Duck
Micky Maus 23/2009
Stefan Printz-Påhlson,
Terry LaBan, Rodrigues,
Ferioli, Vicar, Maximino,
Miguel, Angel u. a.

Abbildungen © Disney
Enterprises, Inc.


Alarm in Entenhausen!
Wo ist Donald Duck?

Bei US-Superhelden-Comics ist es ein alter Hut: Um die teilweise diversen sich um einen Held drehenden Hefte zu pushen, gibt es besondere Ereignisse: Superman stirbt, Batman bekommt das Rückgrat gebrochen, Spider-Man heiratet und Wonder Woman outet sich als Lesbe (na gut, den letzten Fall habe ich mir ausgedacht). Wenn dann in Gotham City Kriegszustand herrscht oder alle Welt auf den Nachfolger von Superman lauert, werden neue Hefte aus dem Boden gestampft und der geneigte Leser soll am besten alles kaufen, sonst könnte er die entscheidende Wendung, den Tod des einen Helden oder das erste Auftauchen eines anderen (und somit ein vermeintliches Sammlerstück verpassen).

Was natürlich größtenteils ein Riesenschmarrn ist, denn nach drei oder sechs, 12 oder 18 Monaten ist der Status Quo fast immer wiederhergestellt und der nächste Hype, Event oder Crossover folgt, wobei die Qualität trotz manchmal erstaunlich gut organisierter Zusammenarbeit der Autoren meistens auf der Strecke bleibt.

In der aktuellen Micky Maus ist nun ein ähnliches Phänomen zu beobachten. Auf dem wie üblich durch ein Gimmick entstellten Cover sieht man eine Art Steckbrief mit dem Text "Gesucht: Donald Duck", weitere Textzeilen verkünden "Alarm in Entenhausen!" und "Wo ist Donald Duck?" und auf der Rückseite des Heftes (meines Wissens ein völliges Novum) steht "Der Comic-Kracher des Jahres!", "Katastrophe in Entenhausen: Strom weg, Donald weg!" und ganz unten "Kommt Donald zurück? Mehr in Ausgabe 24".

Aber betrachten wir mal die Comics selbst. Es beginnt mit einem Sechs-Seiter von Terry LaBan (Story) und Vicar (Zeichnungen), bei dem der Titelheld schon mal uncharakteristischer Weise Donalds Nachbar Zorngiebel ist, auf einem Panel sieht man Donald aber noch beim Rasenmähen. Die Geschichte dreht sich um Zorngiebels Bemühungen, ein spektakuläres Video für eine Fernsehsendung aufzunehmen, wobei seine illegalen Bemühungen damit enden, dass er in schwer angeschlagenem Zustand im TV einen Film sieht, bei dem er nicht der Kameramann, sondern das Opfer ist, was die Moderatorin "die Rettung eines übergewichtigen Mannes aus der Entenhausener Kanalisation" nennt. Diese Geschichte hat nicht direkt etwas mit dem Rest des Heftes zu tun, aber immerhin hat man sie geschickt eingebunden, denn im (mittlerweile obligatorischen) Rätselcomic zum Schluss taucht Zorngiebel in exakt derselben Aufmachung wieder auf, und ausnahmsweise geht es in den zwei Seiten trotz üblicher Zeugenbefragung nicht um Hinweise zur Aufdeckung eines Verbrechens, sondern die jugendlichen Leser werden gefragt, in welcher Geschichte des Heftes Donald "doch noch zu sehen" war. Was aber auch ein wenig witzlos ist, dadurch, dass das Auftauchen im dritten Panel des Heftes schon sehr auffällig war, insbesondere, wenn die auffällige Aufmachung des Covers nicht völlig am Leser vorbeigegangen ist.

Aber zurück zur zweiten Geschichte um "Tick, Trick und Track". Diese wurde wie alle Geschichten im Mittelteil von Stefan Printz-Påhlson geschrieben, offensichtlich einem Skandinavier, der mithilfe prominenter Zeichner wie Rodrigues oder Ferioli dieses Comic-Event erdacht hat. Nun werden wir erstmals Zeuge davon, wie Düsentriebs Werkstatt explodiert und dieser davon erzählt, dass Donald irgendwie im Zusammenhang mit dieser Explosion verschwunden sein muss. Es folgt dann ein Stromausfall, der nicht nur Entenhausen betrifft, sondern in kleinen Vignetten auch in den USA oder Paris ("Par bleu! Kein Lischt!") beobachtet wird. Dann macht sich Chaos und Plünderstimmung in Entenhausen breit und gefährliche Zootiere durchstreifen die nächtlichen Strassen. Alles sowohl an Batman-Szenarien, reale Kriegsstimmung à la 9/11 und Roland Emmerichs Independent Day erinnernd, und erstaunlich düster in der Atmosphäre. Dass sich die Neffen und Daisy im Kerzenschein bei Onkel Gustav verschanzen, zeugt davon, wie außergewöhnlich alles erscheint (auch wenn ich mir nicht die geringsten Sorgen um Donalds Verbleiben mache). Geschichte drei zeigt Goofy, der mit seinem MP3-Player voller Walgesänge von Explosion, Chaos, ausufernder Kriminalität und einer Giraffenstampede nichts mitbekommt, dann sieht man in der nächsten Geschichte, wie Oma Duck und Franz vergleichsweise harmlose Probleme auf dem Land haben, die aber ebenfalls mit dem Stromausfall zu tun haben. Wie nur in ganz wenigen Lustigen Taschenbüchern werden dann auch noch das Barks'sche Entenhausen und der Mausbereich gemischt, wenn sich auch Micky Maus auf die Suche nach Donald macht und (ganz wie in einigen Batman-Comics) die gesammelte Unterwelt gemeinsame Sache macht. Kater Karlo, die Panzerknacker, das schwarze Phantom und andere finstere Gestalten teilen Entenhausen sozusagen schon untereinander auf, und Micky, der eigentlich Suchplakate aufhängen wollte, gerät mit allen außer den Panzerknackern (ich erwarte eine Auseinandersetzung mit Dagobert im nächsten Heft) aneinander und sieht dabei kurzzeitig gar nicht gut aus. Zwar verhindert er den Diebstahl eines Riesendiamanten, aber die Geschichte hat kein wirkliches Ende, sondern schließt mit einem Splash Panel voller nächtlichem Chaos ab, mit dem verglichen der diesjährige erste Mai in Berlin ein Kindergeburtstag war.

Micky Maus 23/2009 – Gesucht: Donald Duck

Auch wenn ich generell nichts von MP3-Playern und Handys in Donald-Comics halte, ist dies in der Tat mal ein sehr interessantes Heft, gerade, weil es so gänzlich anders ist als die Einzelgeschichten eines herkömmlichen Micky-Maus-Heftes, die allenfalls mal eine vage Verbindung dadurch haben, dass Weihnachten, Halloween oder ähnliche Feiertage (oder auch mal eine Fußballweltmeisterschaft) ihren Einfluss auf die Geschichten haben. Wenn es sowas aber in Zukunft öfter gibt, könnten die Verantwortlichen bei Disney den Fehler machen, dass sie ihre Leser durch solche Aktionen nur noch früher an die Superhelden verlieren, die man hier ja sozusagen nachahmt.