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29. Mai 2009
Felix Giesa
für satt.org

  Blutch: Der kleine Christian



Blutch: Der kleine Christian
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Blutch: Der kleine Christian
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Das sich Christian ausgerechnet Marlon Brando in „Der letzte Tango von Paris“ als Berater in Liebesfragen aussucht, mag fraglich erscheinen. Allerdings kann man das einem zwölfjährigen auch nicht verübeln ...




Leben und Lieben im Elsass

Schon bevor der eigentliche Comic beginnt, macht Blutch eindeutig klar, um was es in seinem „Kleinen Christian“ gehen wird: Auf der ersten und dritten Seite findet sich je eine kleine Vignette mit einer Sequenz von drei Bildern. Dort sieht man jemand getroffen zu Boden gehen. Beim ersten Mal ist Lucky Luke, beim zweiten Mal ist es ein kleiner Junge, vermutlich Christian, der seinem großen Cowboy-Idol nacheifert. Luke durchschreitet eine Saloontür, seine Sporen klirren, er packt sich an die Brust und fällt vorn über. Christian hat keine Sporen, aber die Posen imitiert er perfekt und das Klirren kann man sich ja auch vorsagen: „klang, klang, kling“. Christian ist also ein Comicfan, aber auch ein Cowboyfan und „Kaubeu“ sein, ist das Größte für ihn. Als jemand, der in den 1970er Jahren aufwächst, ist man dann aber auch Westernfan. Und als solcher behauptet man sich als „einsamer Rächer“ auch gerne „Fern des Rio Grande“ in der Grundschule.

Blutch alias Christian Hincker schildert in „Der kleine Christian“ in kurzen, autobiographisch geprägten Episoden vom Leben und Leiden eines Jungen in der Zeit der Grund- und Mittelschule im Elsass der 1970er Jahre. Bereits im Dezember 2006 konnte man sich hierzulande im Strapazin (Nr. 85) einen ersten Eindruck vom kleinen Christian machen, als dort im Themenheft „Kindheit“ die Episode „Ein Mädchen“ erschien. Dieses Jahr nun erhielt Blutch den Großen Preis der Stadt Angoulême und so lag wohl für den Berliner Reprodukt Verlag nichts näher, als gleich die beiden autobiographischen Erfolgstitel von Blutch in einem Band auf Deutsch zu veröffentlichen. Und warum auch nicht? Wie der Zeichner seine kindliche Begeisterung für Comic- und Filmhelden immer wieder in die Handlung einbaut, Christian wahrhaft die Rollen seiner Idole einnimmt – immer eingedenk der ersten beiden Sequenzen – , das ist so ungeheuer komisch und pointiert, wie man es selten liest oder sieht. Eines von vielen Beispielen zeigt Christian, der mal wieder sein Abendessen nicht zu Ende essen will, als Bruce Lee am Esstisch sitzen. Neuerdings ist er begeistert von diesem und hofft, mit der „Faust des Drachen“ endlich zu erwirken, den Teller doch nicht komplett leer essen zu müssen ... Doch sein energisches „Nein!“ bewirkt nur ein schmerzendes Hinterteil.

Das alles zeichnet Blutch mit kräftigem, schnellem Strich. Dabei zeigt er die Figuren des Alltagslebens karikaturhaft, häufig nur durch Umrandungen dargestellt. Doch wenn die fiktive Welt von Comic oder Film wieder einmal Christians Gedanken überschwappen, dann bedient sich Blutch kräftiger Schraffuren und realistischer Zeichnungen, als wolle er uns zu verstehen geben, dass für den kleinen Jungen die Welt der „Kaubeus“ und anderer Helden das echte Leben ist. Wie Recht er doch hat! Später dann, im zweiten Teil des Comics, der zehn Jahre nach dem ersten erschien, treten die Helden der Kindheit in den Hintergrund. Christian geht auf die Mittelschule und entdeckt ein neues Abenteuer: die Liebe. Doch liebt ihn die angebetete Catie tatsächlich? Es scheint, als könne diese Frage nur einer beantworten: Marlon Brando als Paul in „Der letzte Tango von Paris“. Die naive Liebe Christians, sein Erhöhen selbst der belanglosesten Notiz Caties ist wunderbar so berührend und wie er im Gespräch mit dem alternden Brando alle Selbstzweifel zerstreut ist so komisch, dass man stellenweise laut auflacht.

Zeigt sich in „Der kleine Christian“ bereits die große Spannbreite Blutch’s künstlerischer Vielfalt, so kann man sich davon in seinem ebenfalls gerade erschienen Band „Blotch – Der König von Paris“ (Avant Verlag) ein weiteres Mal überzeugen. Wie andere französische Comickünstler seiner Generation, so ist auch Blutch unsagbar produktiv. Für den deutschsprachigen Markt sind also noch einige Titel zu entdecken.



Blutch: Der kleine Christian
Reprodukt 2009
120 Seiten, € 18,00
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Blutch: Der kleine Christian


Blutch: Der kleine Christian

Das sich Christian ausgerechnet Marlon Brando in „Der letzte Tango von Paris“ als Berater in Liebesfragen aussucht, mag fraglich erscheinen. Allerdings kann man das einem zwölfjährigen auch nicht verübeln ...