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20. Februar 2009
Sven Jachmann
für satt.org

Marc-Antoine Mathieu: Der Wirbel

Zeitsprünge und Figurenautonomie

Marc-Antoine Mathieu: Der Wirbel

Wenn man die Anatomie des Comics studieren möchte, dann sind Marc-Antoine Mathieus Geschichten des Helden Julius Corentin Acquefacques, dem Gefangenen der Träume, einfach unumgänglich. In fünf (in Frankreich bereits sechs) jeweils in sich abgeschlossenen Bänden transzendiert dieser gezeichnete Verwandte von Kafkas Herrn K unwillentlich immer wieder aufs Neue die Grenzen jener Gattung, der er selbst angehört. Das Spiel mit der Form selbst ist natürlich keine Seltenheit mehr, aber bei „Der Wirbel“ handelt es sich ja auch um die Neuauflage des dritten Teils dieser Reihe. Aber Acquefacques dürfte vermutlich die einzige Figur im Comic sein, der die Medienreflexivität so stark eingeschrieben ist, dass sie durch ihn den Motor des Plots bildet und so folglich zum Motor der gesamten Narration wird. Er bemerkt zwar, dass er zum Spielball einer höheren, eben comicmedialen Gewalt wird, aber deren Logik erschließt sich ihm meist nicht. Und so taumelt er erkenntnissuchend durch eine für ihn kafkaeske Welt, die sich hingegen uns, den Lesern, als eine Erosion des Strukturprinzips des Mediums offenbart: Acquefacques muss seine beständige Odyssee durch eine schwarzweiße, skurril verbürokratisierte Welt deswegen antreten, weil irgendwo irgendwann etwas passieren wird (oder bereits passiert ist), was der Comic normalerweise nicht zulässt. „Der richtige Lauf der Welt hängt oft von Kleinigkeiten ab. Gleiches gilt für den richtigen Lauf der Zeit“ heißt es im Prolog und formuliert bereits, worum es gehen wird: den Zeitenverlauf. Wir kennen das Prinzip aus Robert Zemeckis Back to the future-Reihe: Dort bewirkt ein Paradoxon in der Vergangenheit Verheerendes für die Zukunft, weswegen man als Zeitreisender jedwede Einflussnahme auf die angesteuerte Epoche tunlichst unterlassen sollte. In „Der Wirbel“ ist dies bereits in der Exposition zu spät: Darin bereitet sich Acquefacques auf seinen Termin zu einer Nachbehandlung in der Traumfabrik vor (denn in dieser vollends verwalteten Welt wird auch der letzte private Lebensraum kontrolliert: der Traum), als urplötzlich ein dubioser Doppelgänger im Schlafanzug auf seinem Bett sitzt. Dieser versucht vergeblich ihm den Besuch des Instituts auszureden. Dort angekommen, wird er aufgrund seiner frühzeitigen Ankunft mit einem sich verspätenden Patienten verwechselt und von einer unnachgiebigen Ärzteschar fälschlicherweise einer Traumkorrektur unterzogen. Er erwacht in einer bzw. erträumt eine dreidimensionale Welt: Auf den Trennlinien stolziert er durch ein unendliches Panellabyrinth, in dessen Räumen sich vergangene und zukünftige Szenen abspielen. Völlig verwirrt erfährt Acquefacques von einem Traumkartographen, dass er sich in einem falschen Traum befände. Doch bevor er den Ort seines eigenen Traums ausfindig machen kann, erfasst ihn der Sog des berüchtigten Wirbels, und er erwacht, nun selbst von zweidimensionaler Gestalt, in einer dreidimensionalen photographischen Wüstenwelt, deren Boden mit den Seiten des erzählten Comics gesäumt ist. Auf denen sucht er nach dem richtigen Panel und betritt wieder die Szenerie just in jenem Moment, in dem die Exposition einsetzte. Allerdings in vertauschten Rollen: Nun ist Acquefacques selbst der Doppelgänger im Schlafanzug, der seinem Gegenüber den Besuch in der Traumfabrik auszureden versucht.

  Marc-Antoine Mathieu: Der Wirbel
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Die leichtfüßige Transzendenz der narrativen Grenzen: Acquefacques begegnet einem Doppelgänger, der unwillentlich durch den Panelrand die Szene betritt und auf gleichem Wege wieder verlässt. So, wie es Acquefacques später selbst widerfahren wird. Denn Mathieu lässt seine Figuren auch den Raum jenseits der Diegese erkunden und sprengt so deren Zeitstruktur. Der Segen des Lesers ist allerdings Fluch der Figuren. Für sie offenbart sich das Strukturspiel als bittere, existenzialistische tour de force.

Dass die Sprache nur ein unzulängliches Mittel zur Beschreibung eines gänzlich anderen Gesetzen folgenden Mediums ist, zeigt bereits die viel zu ausführliche Inhaltsangabe, die trotzdem nicht ausreichend ist, um auch nur annährend die strukturelle Dichte von Mathieus (ja, was eigentlich? Parabel? Dystopie? Satire? Dekonstruktion?) Erzählung gebührend zu beschreiben. Zu elementar wirkt darin jede Erzähleinheit, zu eng ist das Netz geknüpft, auf dem die jeweiligen Elemente in gegenseitiger Wechselwirkung sowohl Handlungsverlauf bestimmen, als auch seine Konstruktion offenlegen und kommentieren: Wo sonst wird der Protagonist von seinem Doppelgänger überrascht, weil dieser, wie sich später zeigt, seiner eigenen Welt, den Grenzen des Comics, entwischt ist und nun verzweifelt versucht, wieder Anschluss an seiner eigenen Geschichte zu finden? Was übrigens ein Trugschluss ist, denn dem „Original“ wird das gleiche Missgeschick widerfahren. Von welchem „Original“ kann überhaupt die Rede sein, wenn die Geschichte wenigstens drei gleiche Figuren auf Reisen schickt, die allesamt dasselbe erleben, wie sich Stück für Stück offenbart? Und wenn die erzählte Zeit so sehr aus den Fugen gerät, dass Acquefacques gleichzeitig und trotzdem chronologisch in zwei Erzählwelten existieren kann? Denn während er vom besagten Traumkartographen über den richtigen Weg durch das Panellabyrinth unterrichtet wird, bricht sein Pendant direkt ins Panel hinein, bringt eine kurze Entschuldigung hervor und zieht sich durch den Panelrand, der normalerweise als erzählerisches Mittel den dargebotenen Zeitverlauf abstrakt rahmt, aus dem Geschehen wieder heraus. Nachdem Acquefacques selbst von dem Wirbel (der übrigens sogar die Materialität des Comic bestimmt: Eine Papierschlaufe verbindet zwei Seiten miteinander und wird beim Umblättern unweigerlich auseinander gezogen) ergriffen und in die photographische Welt seiner eigenen Geschichte transportiert wird – also in eine Entwicklungsstufe jenes kreativen Prozesses, der ihn überhaupt erst entstehen ließ -, wird auch er auf diese Weise seinen Nachfolger überraschen und so herausfinden, dass er die Seiten betreten und darob sein Schicksal selbst bestimmen kann.

So verwirrend dies auch klingen mag, so witzig und zugleich düster, unterhaltsam und abweisend entblättert sich der Handlungsverlauf. Deswegen auch das eingangs gewählte, eigentlich längst überstrapazierte Adjektiv „kafkaesk“: Kafkas Welten illustrieren grimmig, aber mit irritierendem Witz das Unbehagen an der Entindividualisierung in der einbrechenden Moderne; bei Mathieu ist allerdings das Medium selbst zu dieser Bedrohung geworden. Das mag dem armen Acquefacques nicht weiterhelfen, aber eigentlich ist er ein mäandernder Reformer, der indes von seinen grenzüberschreitenden Taten nichts weiß. Man könnte sich schlimmere Schicksale vorstellen.



Marc-Antoine Mathieu - Der Wirbel
50 Seiten, Reprodukt 2008, 12 Euro
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Marc-Antoine Mathieu: Der Wirbel
Die leichtfüßige Transzendenz der narrativen Grenzen: Acquefacques begegnet einem Doppelgänger, der unwillentlich durch den Panelrand die Szene betritt und auf gleichem Wege wieder verlässt. So, wie es Acquefacques später selbst widerfahren wird. Denn Mathieu lässt seine Figuren auch den Raum jenseits der Diegese erkunden und sprengt so deren Zeitstruktur. Der Segen des Lesers ist allerdings Fluch der Figuren. Für sie offenbart sich das Strukturspiel als bittere, existenzialistische tour de force.