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6. November 2008
Stefan Pannor
für satt.org

Hisashi Sakaguchi: Ikkyu

Hisashi Sakaguchi: Ikkyu

Über „Doktor Schiwago“, den Roman, sagte Omar Sharif, der Hauptdarsteller der Verfilmung, einmal, durch die ersten hundert Seiten müsse man sich aufgrund der unzähligen Daten und Namen durchquälen, aber danach sei es eine überaus spannende Lektüre.

„Ikkyu“ ist mit Sicherheit kein Epos vom Format von Pasternaks Roman. Die Geschichte basiert auf dem Leben des in Japan überaus populären Zen-Mönches Ikkyu, eine Mischung aus Till Eulenspiegel und Martin Luther. Im 15. Jahrhundert wanderte er als Bettelpriester durch das Land, entschieden, sich der damals vorherrschenden Ausrichtung des Buddhismus auf materielle Dinge und der Verbindung von Religion und Geldwirtschaft entgegen zu stellen. Der exzentrische, zu Streichen aufgelegte und absolut nicht in Askese lebende Ikkyu gilt zugleich als einer der bedeutendsten Dichter Japans jener Epoche und als religiöser Erneuerer.

Auf 1.200 Seiten hat Sakaguchi die Lebensgeschichte des Mönches dargestellt. Sakaguchi ist ein Schüler Osamu Tezukas, daher liegt die Beschäftigung mit dem Buddhismus nahe: bereits in den siebziger Jahren hatte Tezuka eine umfangreiche Manga-Version von Buddhas Leben geschaffen. Anders als Tezuka, der sich auf recht viele Quellen zu seiner Figur stützen konnte (sich aber dennoch unzählige Freiheiten in seiner Geschichte nahm), musste Sakaguchi allerdings improvisieren. Vieles, was aus Ikkyus Leben überliefert ist, ist Legende und Anekdote.

Sakaguchi greift diese Dinge mit Freuden auf. Und so wird der Mönch bereits in frühen Jahren zur absurden Lichtgestalt, einerseits permanent zu Schabernack aufgelegt, andererseits schon als Jugendlicher mit tiefem Einblick in die Lehren des Zen versehen. Ist das wahr? Man weiss es nicht.

Drumherum schildert Sakaguchi Ikkyus Japan, die Sengoku-Ära, mit ausufernder Detailverliebtheit. Und das wiederum ist wahr. Innenpolitik, Kunst, Kultur, Religion, die Verarmung der Landbevölkerung und der Aufstieg der Regionalherren, die daraus folgenden Konflikte und Kriege sind gleichfalls Thema dieser Erzählung. Hier stellt sich ein Lesegefühl ein, wie es Sharif bei der Lektüre des „Schiwago“ gehabt haben dürfte. Insbesondere die ersten hundert Seiten von „Ikkyu“ erschlagen den Lesern mit historischen Erläuterungen, Namen bedeutender Personen und einer Vielzahl erklärender Fußnoten.

Sakaguchi macht es seinen Lesern nicht einfach. „Ikkyu“ will als historischer Roman ernst genommen werden, manchmal mit zu viel Macht. Gerade weil die Lebensgeschichte der Titelfigur nur unzureichend überliefert ist, wird das Umfeld um so genauer herausgearbeitet - die Beinahe-Legende Ikkyu bildet den Kontrast zur Realität der Sengoku-Ära. Über viele Seiten verlässt Sakaguchi den Lebensweg seiner Figur, um sich dem Umfeld und Randereignissen zu widmen.

Das Ergebnis ist, leider auf Kosten der Stringenz der Erzählung, ein überaus genaues, wenn auch den Leser forderndes Sittenbild einer der härtesten Epochen der japanischen Geschichte. Ohne all zu große Romantisierung, wie sie sonst oft in Samurai- und Mönchs-Epen zu finden ist. Sakaguchi hat auch nichts vom verniedlichenden Stil seines Lehrmeisters Tezuka. Seine Bildsprache ist hart, realistisch, die Bildfolgen gelegentlich beinahe expressionistisch. Im Reigen der ähnlich erstellten großen Historiencomics wie Alan Moores „From Hell“ oder Jason Lutes' „Berlin“vermag das Werk aufgrund der häufig etwas zerfaserten Erzählweise allerdings nicht mitzuspielen.



Hisashi Sakaguchi: Ikkyu
Carlsen Manga, 300 S.; € 12,90
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