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21. August 2008
Stefan Pannor
für satt.org

Cyril Pedrosa: Drei Schatten

Cyril Pedrosa:
Drei Schatten

Das Kunstmärchen ist der meist dunkle Bruder des Volksmärchens; eine eigenständige Gattung, die nicht nur für sich in Anspruch nehmen kann, meist literarisch gehaltvoller zu sein. Anders als das harmoniesüchtige Volksmärchen verzichtet das Kunstmärchen auch häufig auf ein Happy-end: das Mädchen mit den Schwefelhölzern erfriert am Schluss, die kleine Seejungfrau stirbt in den Wellen, und Alice im Wunderland entkommt ihrer Hinrichtung nur, wiel sie im letzten Moment aus ihrem bizarren Traum erwacht. Glück sieht anders aus. In den letzten Jahrzehnten wurde das Kunstmärchen weitgehend von der Fantasy abgelöst, die zwar ähnlich düster ist, aber wieder deutlich mehr zum Happy-end neigt.

Und wegen seines Settings könnte man auch „Drei Schatten“ auf den ersten Blick für Fantasy halten. Dunkle Wälder, mittelalterliche Städte, die knarzenden Planken eines schweren Seglers und ein Schloss bilden die Settings jener Odyssee, auf die der kleine Joachim und sein Vater gehen, auf der Flucht vor den ominösen drei Schatten - dunkle, unkenntliche Wesenheiten, die offenbar nichts Gutes von Joachim wollen.

Das ist bedrückend, zumal Pedrosa ein Meister des Symbolismus ist: wie Schlangen ranken sich die finsteren Wälder um die zwei unfreiwillig Reisenden, wie eine Hand greift das Meer nach ihnen ... nein, den beiden wird nichts geschenkt. Fast niemand will ihnen etwas Gutes, und das sieht man auf jedem Bild. Aber es ist eben auch farbig, abwechslungsreich, lebendig geschildert. Eine spannende Sage, eine mitreißende Flucht, auf fast dreihundert Seiten beständig vorwärts erzählt. Fantasy also, nicht wahr?

Pedrosa allerdings ist sich der viel weiteren Tradition bewusst, in der er arbeitet. Vom ersten Satz, „Zu jener Zeit war das Leben heiter und unbeschwert“, bis zum beinahe letzten Wort, das „Standhalten“ heisst, macht er klar, dass er nicht nur eine unterhaltsam-düstere Abenteuergeschichte erzählen will. Pedrosa nutzt das zeitliche und räumliche Niemalsland der Phantastik für eine Abhandlung über Sinn und Wert des Lebens, für die Frage, was ein Leben wert ist, wenn man vor allem davon rennt.

Das, vor allem aber der bittersüße Schluss, bringt ihn in die literarische Nähe insbesondere von Hans-Christian Andersen, dessen Märchen ebenfalls oft bedrückend realistisch waren und sich um den Wert des Lebens drehten. Natürlich kann Pedrosa mit diesem Meister nicht mithalten - ist doch die düstere Poesie seiner Erzählung stellenweise oberflächlich und scheinbar nur der Form halber gewählt und die Moral der Geschichte am Ende überaus banal - so ist doch „Drei Schatten“ ein gelungenes Beispiel für ein modernes Kunstmärchen und für die Stärken dieses fast vergessenen Genres.

Cyril Pedrosa: Drei Schatten


Cyril Pedrosa: Drei Schatten
Reprodukt, 268 S, € 20,-
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