Anzeige:
Die Box





10. Juli 2008
Stefan Pannor
für satt.org

Ulrich Scheel:  Die sechs Schüsse von Philadelphia

Ulrich Scheel:
Die sechs Schüsse
von Philadelphia

Trotz einer wachsenden Zahl von ernstzunehmenden deutschen Comic-Eigenproduktionen gibt es nicht viele Comics über die DDR. Was in der Literatur bereits seit Jahren auf vielen Ebenen stattfindet, ist im Comic weitgehend brachland, sieht man vielleicht einmal von dem unsäglichen Lehrcomic „Geht doch rüber!“ ab, den Ehapa dereinst produzierte.

„Die sechs Schüsse“ ist nun so ein DDR-Comic. Spielt er doch im Jahr 1980 im kleinen Kaff Philadelphia im damaligen Bezirk Frankfurt (Oder), heute Brandenburg. Da verbringen Uwe und seine Kumpels die Pubertät und schlagen die Zeit tot in einer Gegend, in der es zwar viel Landschaft, aber wenig Frauen gibt. Bei Uwes Oma im Schrank finden die drei Gelangweilten einen alten Revolver inklusive Munition. In einem Anfall von Langeweile schwören sich die drei, die Waffe erst wieder an ihren Platz zurück zu tun, wenn sie alle sechs Schuß verfeuert haben.

Die dramatischen bis tragischen Umstände, die dem folgen, sind natürlich vorhersehbar. Glücklicherweise legt Ulrich Scheel, der mit diesem Band seinen ersten längeren Comic vorlegt, das Hauptaugenmerk weniger auf die Waffe und die Taten. In großen, offenen Bildern portraitiert er das Flachland Brandenburgs, skizziert die Atmosphäre eines Sommertags. Daß er dabei auf Panelumrandungen und klar begrenzte Sprechblasen verzichtet, erzeugt eine Atmosphäre von Freiheit und Losgelöstsein. Diese Darstellung ist gefühlvoll und authentisch.

Leider kann das Storytelling hier nicht mithalten. Scheels Dialoge und Erzähltexte sind von einer oft haarsträubenden Naivität. Die Darstellung der Figuren bleibt oberflächlich und die Liebesgeschichte zwischen Uwe und dem einzigen Mädchen am Ort, Sabine, ist unmotiviert und für den Leser kaum nachvollziehbar. Nicht zuletzt bleibt die Frage, weshalb die Geschichte unbedingt in der DDR des Jahres 1980 spielen muß - nicht nur, daß sich kleinere Ungereimtheiten einschleichen (der Ausdruck „sexuelle Belästigung“ etwa existierte zu jenem Zeitpunkt an diesem Ort gar nicht), die anderenfalls hätten vermieden werden können. Es spielt auch schlicht keine Rolle für die Erzählung, es ist nicht einmal als Hintergrundrauschen der Geschichte wahrnehmbar.

Damit verspielt Scheel leider ein Gutteil des Kredits beim Leser. „Die sechs Schüsse von Philadelphia“ ist ein von der Idee und grafischen Umsetzung her sympathisches Buch mit deutlichen erzählerischen Schwächen.



Ulrich Scheel:
Die sechs Schüsse
von Philadelphia

Avant-Verlag
240 S., € 19,95
» Avant
» amazon