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18. Juli 2008
Christopher Pramstaller
für satt.org

Michel Rabagliati: Pauls Ferienjob

Michel Rabagliati:
Pauls Ferienjob

Wir alle kennen diesen Sommer. Diese wenigen Wochen, in denen sich so viel verändert. In denen man das Gefühl hat, nun endlich dazu zu gehören, nicht mehr Kind ist, sondern sich in der Welt der Erwachsenen angekommen wähnt. Dieser eine Sommer, in dem man sich ständig mit den besten Freunden trifft, das Abenteuer sucht und den Schritt ins Unbekannte wagt. Auf eine ganz spezielle Art sind dann alle gleich, denken und fühlen dasselbe, finden alles einfach unglaublich spannend und nehmen das Leben intensiver wahr als je zuvor. Man ist sich sicher, dass man die Welt verstanden hat und nun nichts anderes mehr tun muss, als sie einfach zu verändern – le monde est à nous!

Dem semi-autobiographischen Coming-of-Age-Comic „Pauls Ferienjob“ von Michel Rabagliati steht das Motto „Für die ,Gang’ aus dem Sommer ’79“ voran. Es ist Pauls Sommer. Sein Sommer, in dem er nichts verpassen will, in dem er Erfahrungen macht, die ihn prägen und sein Leben verändern werden – der Sommer 1979 in Montreal.

Die Geschichte beginnt in einer Druckerei. Durch die ersten Panels des Comics begleitet den Leser ein onomatopoetisches, überaus schweres ,Klonk'. Stetig und monoton kehrt es wieder und wieder. Es stammt von einer Handpresse für Lotterielose, die Paul bedienen muss, nachdem er die Schule enttäuscht verlassen und eine Lehre begonnen hat. Er ist der Neue in der Druckerei und so wird er auch behandelt. Der deprimierender Trott des Alltags, der sich allmählich in seinem Leben zwischen seelenlosem Vorort, unerträglichen Eltern und Druckerei breit macht, lässt Paul ahnen, wie sich das Leben als Arbeiter anfühlen wird.

Nichts kommt ihm in diesem Moment gelegener, als der Anruf eines Freundes, der ihm für den Sommer einen Job als Betreuer in einem Ferienlager für sozial benachteiligte Kinder anbietet. Im Grunde genommen ein verlockendes Angebot – wäre da nicht Pauls Abneigung gegen Kinder und die Angst vor dem Zelten im dunklen Wald. Doch der Gedanke an ein Leben in Mitten von nervenden Kollegen, Lotteriemaschinen und Druckerschwärze zerstreut all diese Bedenken schnell, und ehe er sich versieht, befindet sich Paul mit einem verrückten Haufen idealistischer Stadtflüchtlinge am Lake Morin, irgendwo nördlich von Montreal. Dort beginnt für ihn eine intensive Zeit der Selbstfindung. Zwischen Ausflügen mit den Kindern und Abenteuern mit der Gruppe der Erwachsenen muss sich Paul die Frage stellen, ob er sich weiter als ungerecht behandelter Teenager fühlen und in Selbstmitleid schwelgen will, oder ob er sein Leben in die eigenen Hände nehmen soll, um das Beste daraus zu machen.

Michel Rabagliati: Pauls Ferienjob
Lupe

Paul fällt es zunächst sichtlich schwer sich mit dem Lageralltag zu arrangieren ...
Michel Rabagliati: Pauls Ferienjob
Lupe

... doch mit jedem neuen Abenteuer wächst er an seinen Erfahrungen.
Abbildungen aus „Pauls Ferienjob“ © Michel Rabagliati | Edition 52

Michel Rabagliati wuchs wie so viele Jugendliche in Nordamerika fast wie selbstverständlich mit Comics auf. Doch da er im französischsprachigen Montreal geboren wurde, kam er statt mit den Superhelden-Comics aus den großen Verlagen Marvel und DC mit den frankophonen bande dessinéeswie „Tim und Struppi“ oder „Gaston“ in Berührung. Dieser Einfluss spiegelt sich so auch in seinem Zeichenstil wider. Runde, geschwungene Linien bestimmen die Darstellung und verleihen den Bildern einen harmonischen Aufbau und Atmosphäre. Bei Drawn & Quarterly, seinem in Montreal beheimateten Hausverlag, den im Allgemeinen eine äußert große Diversivität der Zeichenstile seiner Künstler auszeichnet, steht er mit diesem Stil jedoch nicht ganz allein, veröffentlichte dort doch auch schon Seth („Eigentlich ist das Leben schön“).

Mit „Pauls Ferienjob“ hat Michel Rabagliati nun die Anthologie um die Lebensgeschichte von Paul weitergeschrieben und setzt in diesem Comic ganz auf die Atmosphäre, die sich durch den „back-to-nature“-Trip fast wie von selbst einstellt. Romantisch verträumt erscheint das Leben abseits der Zivilisation zur Selbstfindung geradezu einzuladen.

Dank der Atmosphäre, die bei der Lektüre der amüsant und liebenswürdig erzählten Geschichte ensteht, rettet sich Michel Rabagliati auch vor einer Beliebigkeit, die droht, wenn sich der dramaturgisch teilweise etwas dünne Comic episodenhaft von Ausflug zu Ausflug hangelt. Doch der Coming-of-Age-Comic um Pauls Ferienjob ist dann doch auch stets jene Geschichte, die wir alle schon selbst einmal in irgendeiner Form erlebt haben. Und genau das macht sie so sympathisch.



Michel Rabagliati: Pauls Ferienjob
Edition 52, 152 S., € 17,00
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