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Die Box





5. Juni 2008
Stefan Pannor
für satt.org


Jason Lutes, Nick Bertozi:
Houdini - König der Handschellen

Jason Lutes, Nick Bertozi: Houdini - König der Handschellen

Der Titel des Comics klingt reisserisch, und sicher ist das auch Absicht. „Houdini - The handcuff King“, wie das schmale Bändchen im Original heisst, beschäftigt sich mit einem Meister der Selbstvermarktung zu Zeiten, als Werbung tatsächlich noch Erfolg hatte, sofern sie nur möglicht schrill ist. Gleich zu Beginn sieht man sieben Herren den Hut lüpfen - auf ihre Glatzen sind die sieben Buchstaben des Namens des Magiers gemalt: Houdinis wandelnde PR-Truppe.

Werbung die wirkt. Den Namen des Magiers, der zeitlebens die Existenz von Magie bestritten hat, kennt man heute noch. Der vorliegende Comic erzählt nicht die vollständige Biografie des vor allem für seine Entfesselungsakte berühmten Künstlers, sondern beschränkt sich auf ein einzelnes Ereignis: Houdinis Sprung, fast nackt und mit Hand- und Fußschellen gefesselt, von der Harvard Bridge im Jahr 1908. Minutiös beschreibt er die Vorarbeiten für den gewagten Stunt, auch die heimlichen und weniger heimlichen Sicherheitsmaßnahmen, die Houdini traf.

Die Konzentration der Erzählung und die Vielfalt der Details führt zu einem inhaltlichen Drive, den man von Jason Lutes so eigentlich nicht kennt. Ist doch der Zeichner, der hier nur für das Skript verantwortlich zeichnet, bekannt als einer der großen Meister des ruhigen Erzählens. Wie man vor allem in seinem preisgekrönten, leider immer noch unvollständigem Historien-Comic „Berlin“ nachlesen kann.

Aber zu viel Ruhe passt auch nicht zum Marktschreierischen des Ereignisses. Und so ist „Houdini“ eine flotte Lektüre, und trotz seiner graphischen Spielereien - immer wieder nimmt der senkrechte Aufbau der Bilder Houdinis Sprung am Ende des Bandes grafisch vorweg - eine ausgesprochen gerade Erzählung. Sicher nicht auf einem Level mit „Berlin“ oder Lutes langem Erstling „Narren“, aber mit seinem unerwarteten Tempo und der Dichte der Erzählung ein Beweis dafür, dass Lutes neben anderem auch ein brillanter, vielseitiger Szenarist ist.



Jason Lutes, Nick Bertozi:
Houdini - König der Handschellen

Carlsen Comics, 100 S., € 12,00
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