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19. Juni 2008
Stefan Pannor
für satt.org

Alberto & Enrique Breccia, Héctor Oesterheld: Che – Eine Comic-Biografie

Che
Eine Comic-Biografie

Nicht jeder Historien-Comic hat den Vorteil der historischen Distanz. „Che“ erschien 1968, also nur ein Jahr nach Guevaras Ermordung. Es sei „ein Auftrag, den wir erfüllen mußten“ gewesen, schildert Enrique Breccia, der einzige noch lebende der drei beteiligten Künstler, die Intention des Werkes, aber auch den Geist, in dem es damals entstand.

Der Geist der Mission durchdringt das gesamte Buch. Darum prangt bereits auf dem Cover eine Holzschnitt-Version des berühmten Guevara-Fotos von Albert Korda : der Che als Revolutionär mit stählernem Blick. Osterheld, der heute als Argentinies genialster Comicszenarist gilt, schreibt die Lebensgeschichte des Mannes in Schlaglichtern, mit besonderem Augenmerk auf Che, den Kämpfer, und Che, den mitfühlenden Arzt. Die Geschichte eines Kämpfers, nicht die eines Menschen. Für Privatleben ist nur wenig Raum, für Zweifel gar nicht. „Che“ will ein Heldenbild schaffen. Insbesondere Alberto Breccia unterstützt das mit seinen Zeichnungen. Sein realistischer Strich, direkt inspiriert von den klassischen Abenteuercomics der 40er Jahre und unter Verwendung fotografischer Vorlagen, fördert den Eindruck vom unfehlbaren Kämpfer Che, der mit Geist und Willen eine Diktatur zu Fall bringt. Lediglich auf den von Breccias Sohn Alberto gestalteten Seiten gibt es Nuancen der Glorifizierung. Da geht Guevara durch einem wuchernden schwarz-weißen Dschungel, der direkt einem Horror-Comic entsprungen sein könnte, in dem die Toten und das Gestrüpp ineinander übergehen. Das Grauen der Revolution.

Es wäre leicht, dieses Buch ob seiner größtenteils idealisierten Darstellung zu verreissen. Der historische Che hatte fraglos mehr Aspekte, als hier gezeigt werden. Aber „Che“ ist ein Kind seiner Zeit und sollte auch so gelesen werden. Als es 1968 erschien, zählte es sofort zu den bestverkauften Comics in Argentinien, das je nach Regierung mal verboten und mal erlaubt war, mal als Schwarzdruck und mal legal verkauft wurde. Den Szenaristen Oesterheld kostete es das Leben: 1976 verschleppten die Truppen der Militärjunta ihn an einen unbekannten Ort, wo er später heimlich hingerichtet wurde. Als sein Kollege Alberto Ongaro 1979 nach dem Verbleib Oesterhelds forschte, soll er folgende kryptische Äußerung von einem Junta-Soldaten als Antwort erhalten haben: „Wir haben ihn geholt, weil er das schönste Buch über Che Guevara überhaupt geschrieben hat.“



Héctor Oesterheld (Autor),
Alberto & Enrique Breccia (Zeichner):
Che – Eine Comic-Biografie
Carlsen Comics, 96 Seiten, 16,90 € [D]
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