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März 2008
Felix Giesa
für satt.org

Alex Robinson: Ausgetrickst

Alex Robinson:
Ausgetrickst


It's Tricky

Es gibt diese Situationen: Da erscheint ein neuer Comic; man hat vor dem Erscheinen die Verlagsvorschau gelesen und dachte sich: „Das ist nichts für mich.“ Dann steht der Band endlich im Laden, und weil man ja schon negativ voreingenommen ist, will der Funke nicht so richtig überspringen. Und irgendwann ist der Band aus dem Neuheitenregal, und somit aus dem Gedächtnis, verschwunden. Doch nach einigen Monaten wird einem der Titel dann dringend empfohlen und man versucht es doch einmal. Und wenn auch nur, um hinterher sagen zu können: „Wusste ich doch, gefällt mir nicht!“ Schön, wenn man dann doch begeistert ist. Mit „Ausgetrickst“ von Alex Robinson ist es mir genauso gegangen. Was folgt, ist eine Begründung, warum der Band absolut lesenswert ist.

Der erste beeindruckende Moment findet sich bereits direkt am Anfang. Ähnlich wie bei einem Theaterstück stellt Robinson seine Figuren vor. Allerdings nicht in einer schlichten Auflistung, sondern der Leser wird direkt auf knapp zwei, drei Seiten in die Situation der jeweiligen Figur eingeführt. Dabei gelingt es ihm, die Vorstellung der ersten Figur, den erschlafften Rockstar Ray Beam, mit der letzten Figur, der Bürohilfe Lily, erzählerisch zu verknüpfen und so sofort in die Handlung einzusteigen. Vier weitere Figuren wirft Robinson ins Geschehen und lässt diese teilweise in Beziehung treten. So zum Beispiel die junge Phoebe, die auf der Suche nach ihrem Vater ist. Sie trifft auf Caprice, die im Lokal von Phoebes Vater kellnert und später ein Verhältnis mit Nick haben wird. Nick fälscht Unterschriften auf Fanartikeln. Doch der bei weitem aufregendste Charakter ist derjenige, der keinerlei Beziehung einzugehen imstande ist. Steve ist der typische Loser, ein kleiner Büroangestellter, den keiner richtig ernst nimmt. Sein einziges Interesse gilt Ray Beam und dessen ehemaliger Band „The Tricks“.

Alex Robinson: Ausgetrickst
Lupe


Im ,Auge des Betrachters’ fließen frühere Situationen und beteiligte Personen zu einem Wirbel zusammen.
  Alex Robinson: Ausgetrickst
Lupe


Bereits nach 20 Seiten wird der Grundstein für Steves Wahnsinn gelegt, wenn Ray Beam eine Autogrammkarte recht eigenwillig unterschrieben. Dies wird 100 Seiten später dazu führen, ...

Während nun alle Figuren damit beschäftigt sind in ihrem Leben weiter zu kommen, läuft es bei Steve ziemlich schlecht. Er leidet an Wahnvorstellungen gegen die er Medikamente einnehmen muss. Er setzt diese eigenmächtig ab und das ist genau der Moment, wo so richtig Schwung aufkommt. Robinson zählt die jeweiligen Kapitel, die immer aus der Perspektive einer Figur erzählen, von 49 runter. Wenn bei „Eins“ alle Figuren versammelt sein werden, hat Robinson es geschafft, ein dermaßen dichtes und spannendes Erzählgeflecht gewoben zu haben, dass man es schon beinahe als Erlösung empfindet, wenn der Showdown endlich vorüber ist. Doch ist für dieses Gefühl nicht nur das erzählerische Talent verantwortlich. Der Zeichner entwirft eine ganz eigene Bildsprache, welche die ikonischen Möglichkeiten des zeitgenössischen Comics voll und ganz ausschöpft. Im Moment der Erkenntnis aller erzählerischen Zusammenhänge, verdeutlicht Robinson mit einem sich immer weiter verdrehenden Wirbel die Verquickung aller Figuren (vgl. Abb. 1).

Alex Robinson: Ausgetrickst
Lupe


... dass Steve sich endgültig vom System verraten und verkauft fühlt. Den hier bereits virulent vorhandenen Realitätsverlust verdeutlicht Robinson mit den immer wackliger werden Panelumrandungen, welche schließlich ganz verschwinden.
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Lupe


Gut 200 Seiten nachdem Ray auf der Autogrammkarte einen Pfeil durch seinen eigenen Kopf gemalt hat, wird genau dieses Bild der ikonische Trigger für Steves endgültigen Realitätsverlust.

Noch eindrücklicher und subtiler geht er jedoch bei Steves langsam fortschreitendem Wahnsinn vor. Wie in den Abbildungen 2 bis 4 schön nachzuvollziehen ist, setzt er die graphischen Mittel sehr wohldosiert ein. Es dauert gut 200 Seiten, bis Steve endgültig dem Wahnsinn anheim fällt. All dies sind nur einige Momente und Höhepunkte der Geschichte. Diese und die Vielzahl an verspielten erzählerischen und graphischen Hinweisen machen „Ausgetrickst“ zu einem uneingeschränkten Lesevergnügen.



Alex Robinson: Ausgetrickst
Edition 52 2007, 360 S., €22,-
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