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Januar 2008
Stefan Pannor
für satt.org

Guy Delisle:
Shenzhen | Pjöngjang

Guy Delisle: Shenzhen
Guy Delisle: Pjöngjang

Für westliche Trickfilme gilt schon lange, dass sie eigentlich nicht aus dem Land kommen, aus dem sie stammen. Endlose Listen asiatischer Namen im Abspann geben Zeugnis vom eigentlichen Produktionsort des jüngsten animierten Blockbusters. Auch „Die Simpsons“ sind schon lange in asiatischer Zeichenhand - die deutlich wahrnehmbaren Qualitätssprünge nach oben geben deutliches Zeugnis von der zunehmenden Auslagerung in den asiatischen Raum.

Aber es sind nicht so sehr die großen und berühmten Produktionen, die dem japanischen, thailändischen und koreanischen Trickfilmzeichner das Einkommen sichern. Es sind vor allem die täglichen Serien aus dem Früh- und Nachmittagsprogramm, aus den Kinderkanälen und den zu füllenden Sendelücken, die nicht viel Gewinn versprechen, und deshalb so billig wie möglich produziert werden müssen - in Asien.

Der frankokanadische Animateur Guy Delisle ist einer von denen, die im Auftrag ihres Studios um die Welt reisen und vor Ort die Produktion der aktuellen Billigware inspizieren. ´Meist über Monate, fremd im Land und ohne Sprachkenntnisse - er soll ja „nur“ Bilder angucken. Und er hat zwei wunderbare Graphic Novels daraus gemacht. „Shenzhen“ heisst die erste und sie erzählt vor allem vom chinesischen Hinterland.

In der Stadt gleichen Namens schlägt er mühsam seine Zeit zwischen den Arbeitsstunden tot, in kargen Hotelzimmern oder bei dem Versuch, als linkischer Westler ein wenig herumzukommen. Von Exotik und Farbenpracht ist dabei wenig zu spüren - nicht nur, weil Delisle in schwarz-weiss und mit wunderbar nuancierter flächig aufgelegter Kreide arbeitet. Das China, das Delisle entdeckt, ist dreckig, russig, eintönig, von der Moderne zugleich erschlagen und ihr hinterherhechelnd, klebend an Traditionen, die eher noch halbherzig erfüllt werden.

Wo „Shenzhen“ fasziniert, ist „Pjöngjang“ nur noch mitreissend. 2004 war Delisle dort, also noch vor der großen Ächtung des Landes wegens einer Atombomben-Drohungen. Dennoch erscheint es absurd, die Produktion von Trickfilmen ausgerechnet in eine der schlimmsten Diktaturen dieses Planeten auszulagern. Während Delisle diesen Umstand leider nur am Rande reflektiert, bietet er doch seltene Einblicke in den Alltag des Landes.

Bzw. in jenen Teil davon, den er als Westler zu sehen bekommen. Abgeschottet auf einer eigenen Hotelinsel für westliche Wirtschaftskontakte, bekommt er nur winzige Teile von Pjöng Jang zu sehen auf dem Weg zur Arbeit, darf nur wenige Einheimische sprechen, wird im Grunde unter Verschluss gehalten.

Dennoch ist es nichts weniger als erschreckend, wenn er berichtet, wie einheimische Trickfilmzeichner in Reis bezahlt werden statt in Bargeld, oder wenn er den gigantischen Prachtbauten (an denen Albert Speer seine Freude gehabt hätte) jene Koreaner gegenüberstellt, die auf Dächern in winzigen Gärtchen sich Lebensmittel ziehen. Von der Antwort auf seine Frage nach dem Verbleib nordkoreanischer Behinderter ganz zu schweigen. Die gibt es nämlich im gesunden Volkskörper Koreas gar nicht, wird ihm versichert.

Akribisch listet Delisle neben seinen Erzählungen auch bekannte Fakten unabhängiger Organisationen über das Land auf. Damit ist „Pjöngjang“ trotz seiner Schwächen ein spannendes Stück Comicjournalismus.



Guy Delisle: Shenzhen
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