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Die Box





Dezember 2007
Stefan Pannor
für satt.org

Jiro Taniguchi:
Die Stadt und das Mädchen
Vertraute Fremde
Gipfel der Götter


In Japan gilt Jiro Taniguchi als westlich orientierter Künstler und als Manga-Star, der mit seinen Werken den Spagat zwischen Manga und europäischem Comic wagt. In Deutschland gilt er als nahezu unbekannt. Vor nur knapp einem Jahr kam mit der Manga-Novellensammlung „Der Wanderer im Eis“ erstmals ein winziger Teil von Taniguchis umfangreichem Werk auf den hiesigen Markt.

Um so überraschender, wie innerhalb nur weniger Monate gleich drei Taniguchi-Titel fast zeitgleich erschienen: „Vertraute Fremde“, „Die Stadt und das Mädchen“ und „Gipfel der Götter“ - letzterer sogar Auftaktband einer fünfteiligen Serie.

In „Vertraute Fremde“ erwacht der 48-jährigen Architekt Nakahara nach einem Alkoholaussetzer auf einem Friedhof - aber plötzlich nicht mehr als Mann, sondern als 14-jähriger. Mehr noch, er ist plötzlich wieder im Jahr 1963, mitten in seiner eigenen beginnenden Pubertät und in einem idyllischen Familienleben, das ein halbes Leben zurück liegt. Schemenhaft sind die Erinnerungen, gross die Fragen: Wer war jener Mitschüler? Wie hiess jener Lehrer? Und was mache ich hier?

Erschreckend konsequent führt Taniguchi die Distanz vor, die die Zeit reisst. Weil Nakahara zwar vieles, aber nicht alles vergessen hat, ist der Roman mehr als eine idyllisch-poetische Geschichte über die Kindheit. „Vertraute Fremde“ stellt dar, wie seltsam das Erinnern funktioniert, wie man Wichtiges vergessen kann, während Nebensächlichkeiten auf ewig im Gedächtnis bleiben.

Vom Konzept her erinnert das Buch an Coppolas Film „Peggy Sue hat geheiratet“, dem ein ähnlicher Plot zugrundeliegt. Mehr als einmal zitiert Taniguchi auch Coppola. Etwa bei Nakaharas Hang zu Alkohol, den er mit Peggy Sue teilt. Und natürlich bei der Figur des Vaters, der nach 15 Jahren Ehe und Kindererziehung ausbrechen will aus dem beengenden Idyll. Eine ähnliche Rolle hatte Nicholas Cage in „Peggy Sue“.

Erinnerung ist auch eines der Themen in „Gipfel der Götter“. Das 2000seitige Epos ist einer der umfangreicheren Titel in Taniguchis Oeuvre. Das Thema klingt zunächst wenig spektakulär. Ausgehend vom Fund einer alten Kamera in Katmandu macht sich der Bergsteiger Fukamachi auf, die Geschichte dieser kamera zu recherchieren. Was er dabei in Wirklichkeit aufrollt, ist eine Art Wandteppich modernen Bergsteigens. Fukamachi lässt sich Geschichten von Erst- und Winterbesteigungen, von Alleingängen und Teamwork erzählen.

Taniguchi hat diese Serie nicht allein verfasst, sondern arbeitet hier nach dem Skript eines Autors. Das er mehr als nur ein Zeichensklave ist, zeigt sich dabei in der detaillierten Darstellung nicht nur der Bergwelt, sondern auch der Ausrüstung und Technik des Bergsteigens und nicht zuletzt in der Darstellung des japanischen Alltags, in den alle seine Helden immer wieder zurück müssen.

Denn der Berg mag rufen. Aber man braucht Geld, um diesen Ruf zu erhören. Es ist der konsequente Realismus, der „Gipfel der Götter“ über die üblichen Bergsteiger erhebt, wie sie hierzulande vor allem im Heimatfilm stattfanden. Kein Alpenglühen, sondern die Frage, welchen Wasserkocher man mitnimmt und wer die Reise finanziert, beschäftigt die Hauptfiguren. Hier gibt es keine Schurken und Helden, hier gibt es nur Berge und Menschen. Und das reicht - für mehr als eine gute Geschichte.

Nicht um das Erinnern, sondern um das Auffinden geht es in in „Die Stadt und das Mädchen“ vor. Auch hier steht ein Bergsteiger im Mittelpunkt. Der zurückgezogen auf dem Land lebende Shiga sucht in Tokio nach seiner verschwundenen minderjährigen Nichte. Und findet eine seltsame Halbwelt, die von Drogenkonsum und Schulmädchenprostitution geprägt ist und in der fast alle Teenager ein zweites Leben neben ihrem Alltag als normale Töchter führen.

Ein fremder Mann in einer fremden Welt. Das verbindet „Die Stadt und das Mädchen“ mit „Gipfel der Götter“ und „Vertraute Fremde“. Fremde, Beobachtende. Auch Shiga, der Suchende, lässt sich im Grunde nur von seinen Fragen treiben. Erst ganz zum Schluss darf er etwas Held spielen, und selbst das wirkt seltsam ironisch: der hohe Berge gewohnte Mann darf ein im Vergleich dazu winziges Hochhaus bezwingen. Diese Welt braucht keine Helden, nicht einmal dann, wenn sie siegreich sind. Der Mann geht zurück in die Berge. Die Stadt bleibt, wie sie ist.



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