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Die Box





November 2007
Stefan Pannor
für satt.org

Yann Krehl, Christian Nauck:
Die Wellenläufer


Mike Cary, Glenn Fabry:
Niemalsland

Zwei weitere Adaptionen bekannter Fantasyromane, von denen ja bereits vorige Woche hier die Rede war. Wobei zumindest einer den bereits postulierten Regeln für solche Adaptionen weitgehend entspricht: relativ unbekannte Künstler setzen eine literarische Vorlage eins zu eins um.

Yann Krehl, Christian Nauck: Die Wellenläufer

„Die Wellenläufer“ ist eine Romantrilogie von Kai Meyer, die einige inhaltliche Parallelen zur „Fluch der Karibik“-Filmserie aufweist. Dennoch oder darum schwimmen die Verkaufszahlen der Bücher recht gut im Kielwasser des monströsen Freibeuterspektakels. Dahin sollen fraglos auch die Comics zu den Büchern steuern. In insgesamt drei Comicbände wird die gesamte Handlung der Bücher nacherzählt.

Die ist klassische Abenteuer-Soap: Irgendwo in der Karibik hat sich ein Strudel im Meer geöffnet und entlässt Monster. Jolly, die Wellenläuferin, und Munk, ein ebenfalls begabter Teenager, stellen sich der Gefahr, unterstützt von einem Trupp aus Freibeutern, Edelleuten, Zauberern und Geistern.

Die Handlung wogt her und hin, ist voller Cliffhanger, dramaturgischer und amouröser Verwicklungen. Vom Team Yann Krehl und Christian Nauck wird der Stoff routiniert umgesetzt. Beide gehören bereits seit vielen Jahren zum Team des Berliner Webcomic-Magazins INKplosion. Die Wellenläufer ist ihr erster richtig grosser Comic.

Neue Impulse sollte man von diesem Band nicht erwarten. Krehl und Nauck orientieren sich in der Gestaltung zumindest des ersten Bandes am klassischen frankobelgischen Abenteuercomic. Die Handlungsführung ist schnörkellos und auf reine Action ausgelegt, auch wenn manche Sequenzen noch etwas zu geschwätzig daherkommen. Etwas irritierend wirkt die Gestaltung der oft pupillenlosen Gesichter. Das Ergebnis ist bissfestes Fast Food, dem letztlich das entscheidende Quentchen fehlt, um zu begeistern.

Deutlich aufwändiger dagegen „Niemalsland“, der Comic zum Buch zur TV-Serie. Entstand doch der Stoff um Londons fantastische Unterwelt ursprünglich als Drehbuch. Leider und zurecht erwies sich die schlampig produzierte BBC-Serie als Flop, im Gegensatz zum Roman, den Gaiman Mitte der Neunziger aus seinen eigenen Skripten bastelte.

Yann Krehl, Christian Nauck: Die Wellenläufer

Mike Carey („Hellblazer“, „Lucifer“) hat aus diesem Roman eine umfangreiche Miniserie gebastelt. Neun Hefte bzw. 200 Seiten dick ist die Geschichte um den Angestellten Richard, der nach der Begegnung mit einer Unbekannten durch das Raster der Realität fällt und die sagenhafte Seite Londons jenseits der gewohnten Welt kennenlernt. Grafisch umgesetzt wurde der Wälzer von Glenn Fabry, der hierzulande vor allem als brillanter Coverkünstler („Preacher“, „Hellblazer“) bekannt wurde, aber speziell in Großbritannien einen jahrzehntealten Ruf als hervorragender Comickünstler hat.

Beide Erzähler polieren die Geschichte dezent auf. Carey holt die Erzählung aus den frühen Neunzigern in die Gegenwart, was man nicht zuletzt an der penetranten Verwendung von Handys in den Strassenszenen sieht. Außerdem wechselt er die Erzählperspektive. Statt eines allwissenden Erzählers gibt es nun Richard, der die Ereignisse aus seiner Sicht schildert. Grade letzteres verhilft der Geschichte zu deutlich mehr Stringenz. Ansonsten bleibt der Comic der Vorlage allerdings weitgehend treu.

Fabry seinerseits übt sich in Opulenz. Sein nebenweltliches London ist bunt, schrill, dreckig, verfallen, eine Stilmischung aus Barock, Punk und Endzeit. Grade die Massenszenen mit all den zerlumpten Rittern, stinkenden Händlern und abgewrackten Adligen gelingen ihm ganz hervorragend. Überhaupt ist es vor allem das Dreckige und Unreine, das fasziniert, steht es doch im offensichtlichen Widerspruch zu den ansonsten oft notorisch sterilen üblichen Fantasy-Erzählungen. Fabrys Welt atmet, weil sie stinkt.

Dennoch ist der Comic, wie schon das Buch, ein Stück zu lang, ist Richards Odyssee durch Unter-London etwas zu ausgedehnt. Als ginge es darum, noch eine weitere skurrile Idee unterzubringen, wird die Handlung gestreckt, bis sie in ein für Gaiman typisches bittersüsses Finale mündet. Trotzdem ist „Niemalsland“ von allen Fantasy-Adaptionen der jüngsten Zeit fraglos die beste, nicht zuletzt aufgrund der kreativen Eigenleistung, die nicht im blossen nacherzählen steckenbleibt.



Yann Krehl, Christian Nauck: Die Wellenläufer
Ehapa Comic Collection, 100 S.; € 15,00
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Mike Cary, Glenn Fabry: Niemalsland
Panini Comics/ Vertigo, 200 S.; € 19,95
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