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November 2007
Felix Giesa
für satt.org

Deutsch-Amerikanische Genealogie
Line Hoven: „Liebe schaut weg“

Line Hoven: Liebe schaut weg

Wieder einmal ist bei Reprodukt eine Diplomarbeit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg veröffentlicht worden. Und wieder einmal trägt die Comicerzählung biographische Züge und beschäftigt sich mit dem Heranwachsen. Eigentlich könnte diese Rezension hiermit dann auch schon zu Ende sein, da ja in den letzten Jahren mit den Arbeiten von Mawil, Arne Bellstorf oder auch Sascha Hommer reichlich solcher Titel erschienen sind. Wobei die beiden letztgenannten ebenfalls aus der Hamburger Talentschmiede und somit aus dem Umfeld von Anke Feuchtenberger und ATAK kommen. Jedoch das Was und Wie von Line Hovens Comic stechen ebenso aus der Masse der deutschsprachigen Erstveröffentlichungen hervor wie die eben genannten Abschlussarbeiten.

In „Liebe schaut weg“ wird die Geschichte der Familie Hoven ab Mitte der 1930er Jahre bis ca. 1980 erzählt. In fünf unterschiedlich langen Episoden stellt sie dem Leser zuerst je ihre Großeltern und danach je ihre Eltern vor, um dann die Geschehnisse in der abschließenden fünften Episode mit ihrer eigenen Geschichte enden zu lassen. Dabei gleichen die kurzen und meist sehr ruhig erzählten Geschichten, von denen ein Teil bereits sowohl in „Orang“ als auch in „Strapazin“ veröffentlicht wurde, familiären Anekdoten.

Den Anfang macht die Geschichte ihres Großvaters väterlicherseits, der als Knabe in der Hitlerjugend diente. Als solcher lernte er während eines Sommerlagers seine zukünftige Frau kennen. Gut zehn Jahre später setzt die Geschichte der Großeltern mütterlicherseits ein, die kurz vor dem amerikanischen Kriegseintritt spielt. Hovens Großvater hat die Absicht sich freiwillig zu melden, wird aber aus gesundheitlichen Gründen zurückgestellt. So kann sich eine Beziehung zu Cathrine entwickeln, die er später heiraten wird. In der vierten Episode lernen sich schließlich die Eltern von Line Hoven kennen, als Lines Mutter, die Tochter des amerikanischen Ehepaares, zu einem Auslandsjahr nach Deutschland kommt.

Line Hoven: Liebe schaut weg

Zu einem Ausschnitt Zeitgeschichte, wie der Klappentext andeutet, wird der Comic nun dadurch, dass die Charaktere keineswegs glatt erscheinen. Gerade in ihrer inneren Gebrochenheit liegt die Stärke der Erzählung. So ist Erich Hoven, der kleine Hitlerjunge aus der ersten Episode, ein wahrer Tüftler und baut sich heimlich ein Radio zusammen. Als er dieses ans Laufen bekommt und auch tatsächlich Musik empfängt, lässt er sich träumerisch einlullen – nur um zu erfahren, dass es sich um eine Ouvertüre des Juden Mendelssohn Bartholdy handelt. Entsetzt stellt er das Radio aus und teilt seinen Kameraden am nächsten Tag beschämt mit, dass sein Bauversuch nicht geklappt hat. Die weiteren Ereignisse um Erich teilt der Zeichnerin vermittels Fotos der Familie mit: Bilder vom Hochzeitstag und Fotos von den Kindern. Das Bild der Großeltern aus dem Lager der Hitlerjugend wird konsequenterweise als fehlend gezeigt. Es steht symbolisch für die sprichwörtliche Leiche im Keller. So kann der Eindruck der Authentizität noch verstärkt werden.

Einen ähnlichen Konflikt gibt es auch im Leben der amerikanischen Großeltern. Ist der Großvater Harold absoluter Deutschlandhasser und Kriegwilliger, so ist die Großmutter Cathrine hingegen überzeugte Kriegsgegnerin. Diese Tatsache steht von Anfang an zwischen den beiden und scheint erst aus der Welt, als Harold untauglich gemustert wird. Diese personellen Merkmale stehen allerdings nicht für sich alleine, sondern werden beim Aufeinandertreffen der beiden Familien im Vorfeld der Hochzeit von Lines Eltern relevant und zeigen das erzählerische Geschick der Autorin.

Line Hoven: Liebe schaut weg

Gestalterisch arbeitet Hoven auf Schabkarton, was formal streckenweise sehr stark an Thomas Ott Arbeiten erinnert. Wie auch bei Ott verschafft das Schwarz des Kartons den Bildern einen düsteren, teilweise bedrohlichen Grundton. Korrespondiert dies in einem Großteil der Bilder auch mit der Situation der Figuren, schaffen die Bilder jedoch einen für den Leser unangenehmen Widerspruch zwischen dem gezeigten und dem Erzählten, wenn es zum Beispiel zum (eigentlich ja erfreulichen) Kennenlernen ihrer Eltern kommt. Dem graphischen Gesamteindruck wird auch in der Aufmachung des Albums haptisch Rechnung getragen. In Anlehnung an ein Fotoalbum ist das Format konsequenterweise quadratisch. Um den weißen Ausschabungen auf schwarzen Karton richtig zur Geltung zu verhelfen, wurden alle Seiten auf dickes Hochglanzpapier gedruckt.

Alles in Allem legt die Autorin ein überzeugendes Debüt vor, das sowohl zeichnerisch als auch thematisch sehr ausgefeilt ist. Der erzählerische Ansatz und die Vorgehensweise mögen in der Literatur nicht unbedingt neu sein, aber die schonungslose Konsequenz, mit der die familiären Details herausgearbeitet werden, ist nicht nur für den Comic beachtlich.



Line Hoven: Liebe schaut weg.
Berlin: Reprodukt 2007, 96 S., € 14,-
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