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Die Box





November 2006
Stefan Pannor
für satt.org


Reinhard Kleist:
Cash – I see a darkness

Carlsen Comics 2006

Reinhard Kleist: Cash – I see a darkness

224 S., € 14,00
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Reinhard Kleist:
Cash – I see a darkness

Was bleibt eigentlich noch zu Johnny Cash zu sagen? Spätestens seit er 2003 starb, hat sich um den grossartigen Countrysänger eine Industrie entwickelt, die in Sachen Output, meistenteils Resteverwertung und Merchandise, sogar die Beatles schlägt. Fast monatlich erscheinen neue Compilations, Raritäten-Boxen, Bücher, DVDs, das meiste davon von erbärmlicher Qualität und Aufbereitung, technisch wie inhaltlich.

Der Tag rückt also näher, da Cashs verführerisch doppeldeutiger Name selbst von denen nicht mehr gehört werden mag, die seine Musik eigentlich schätzen. Dieser zukünftige Tag markiert auch das kommerzielle Verfallsdatum von Reinhard Kleists Comicbiografie des Mannes in Schwarz.

Reinhard Kleist: Cash – I see a darkness
(Abbildung aus dem besprochenen Band.)

Dabei ist dieser recht umfangreiche Comicroman eines der wenigen Produkte, denen man sogar abnimmt, aus Begeisterung und Liebe vom Künstler produziert worden zu sein. Vielleicht grade, weil Kleist im persönlichen Gespräch zugibt, lange nichts von Cash, von Country allgemein, gehalten zu haben. Kleist ist in der Comicszene bisher vor allem durch nahezu gotische Horrorcomics aufgefallen, zuletzt die Bände der „Berlinoir“-Trilogie bei der Edition 52. „Cash – I see a darkness“ ist also auch eine späte Erklärung einer neuen Liebe, so spät wie Cashs zweite Karriere als Indie-Heroe und Interpreten-Legende in dessen letzten Lebensjahren.

Der Liebeserklärung widmet sich Kleist mit Begeisterung, leider hinkt die Qualität des Erzählten mitunter da hinterher. Erzählerisch zusammengehalten von Cashs legendärem Konzert im Gefängnis von Folsom erzählt Kleist in Einzelepisoden Cashs Kindheit, Jugend und erste Karriere, streut dazwischen immer wieder grafische Adaptionen von Cash-Songs ein. Viele der Songadaptionen sind stumm, beinhalten nicht einmal die Lyrics. Auf den Nicht-Kenner dürfte das verwirrend wirken – was ist Story, was ist Song, was soll das?

Dazu kommt die mitunter etwas holprige, allzu didaktische biografische Erzählweise im ersten teil des Buches. Möglicherweise einmal zu oft dienen die Dialoge zu eindeutig der Informationsvermittlung, wirken entsprechend steif, wenn nicht gar störend. Erst in der zweiten Hälfte, wenn sich Kleist fast völlig auf Cashs Drogensucht konzentriert, bekommt die Geschichte einen dickeren roten Faden und somit eine eigene Greifbarkeit.

„Cash – I see a darkness“ ist damit kein schlechter Comic. Er ist, in seiner künstlerischen Intention, kein Merchandising-Produkt, und das ist schon viel wert. Vielleicht einmal abgesehen von Kleists deutlicher Unsicherheit beim Zeichnen des sehr jungen Cash, ist der Band zudem auch grafisch exzellent, in Kleists kantigem, reduzierten Stil, der sich jedem melancholischen, verklärendem Kitsch verweigert. Und doch bleibt der Band eben hinter dem Möglichen zurück, bietet keine neuen Ansätze zur Sicht auf den Sänger und Songwriter. Damit ist das Buch am Ende doch ein Produkt für Fans und fügt sich zu sehr in den stetigen Cash-Output ein.