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Juli 2004
Christian Bartel
für satt.org


Bernd Pfarr
(1958-2004)
» www.bernd-pfarr.de

Bernd Pfarr (1958-2004)

Der Maler Bernd Pfarr wurde 1958 in Frankfurt am Main geboren und studierte an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Jetzt ist er tot.


Zum Glück steht Bernd Pfarr aber mit dem Herrgott auf gutem Fuße, er hat ihn oft gemalt, ein bißchen untersetzt zwar, aber doch mit würdevoll wadenlangem Vollbart. Meist mußte er sich mit Taxifahrern herumplagen. Pfarrs Herrgottchen plumperte dennoch gutgelaunt durch die matt lichtdurchfluteten Szenarien der großformatigen Acrylbilder seines Schöpfers, traf dort auf Bruno, den Bären, Purzel, den kantianischen Hund und natürlich auf Sondermann, das wohl eigensinnigste aller Wesen. Sondermann, der bürobewohnende Sonderling, der mit treibsandgefüllten Sofas und selbstzerstörenden Schreibtischen zu kämpfen hatte, Sondermann, der Monat für Monat im Satiremagazin Titanic mit sanftmütiger Eleganz und durchtriebenem Stilwillen dem rabaukigen Wesen des Blattes und der Welt trotzte.

Pfarr nahm seine Malerei sichtlich ernst, bis hin zur Farbgebung der sich expressionistisch verhakenden Interieurs und der südländischen Landschaften und besonders seine Acrylbilder zeichnen sich durch dramatische Lichteffekte aus. Es liegt bei aller Übermut eine Schwere über Pfarrs Bildern, eine melancholische Patinierung, die jedoch nie altertümelnd wirkt, dazu war Pfarrs Witz zu frisch und ungestüm.

Er brachte es fertig, innerhalb eines eng umrissenen Genres – ein Bild mit Unterzeile- komplexe Tableaus zu schaffen, komödiantische Dramolette mit absurdestem Personal, deren Trachten und Wollen wir wie durch ein Guckloch in eine andere Welt beobachten können.
Seine Wesen waren liebenswert, aber nicht niedlich. Seine gezeichnete Welt nicht ungefährlich, aber barmherzig und beseelt. Ohnehin ist es kaum möglich von Bernd Pfarr zu reden, ohne auf die Sprache des klassischen Bildungsromans zurückzugreifen. Man muß von der "schönen Seele" reden, vom Schönen, Wahren und Guten. Anders kommt man ihm nicht bei. Und es ist auch diese Sprache der beredten Empfindsamkeit, mit der er seine Figuren ausstattete, ihnen Komik verlieh, ohne sie vorzuführen. Pfarr bekannte sich zur Würde seiner durchgeknallten Geschöpfe. Es malte stoische Helden, gezeichnet von den Schlägen des Lebens, aber nicht unterzukriegen:

"Wie jeden Morgen mußte Herr Künzler feststellen, daß Günther, ein Obdachloser, seinen Wagen zum Schutz vor der Witterung als Unterschlupf gewählt hatte. Wie üblich brachte es Herr Künzler nicht übers Herz, ihn aufzuscheuchen, und fuhr mit dem Tretroller seines Sohnes zur Arbeit."

So fein kann man das machen. So freundlich kann Komik sein, wenn man malen und dichten kann wie Pfarr. In der letzten zu Lebzeiten erschienenen Sondermann-Zeichnung sehen wir dessen Chef versonnen den sich übergebenden Untergebenen betrachten:

"Sah er von den unharmonischen Geräuschen und herben Gerüchen des gemeinhin als unschön empfundenen Vorgangs ab, konnte Sondermanns Chef nicht umhin, dieses kraftvolle Würgen des aus sich heraustretenden und damit in größter Lebendigkeit sich dem göttlichen Willen unterwerfenden Sondermannschen Organismus als höchst poetisches Geschehnis zu erachten …"

Es ist nichts weniger als Pfarrs künstlerisches Credo, dem wir hier noch einmal teilhaftig werden: den allergrößten Unsinn beherzt "als poetisches Geschehnis zu erachten.". Um dann große, komische Kunst daraus zu machen.

Bernd Pfarr starb am 6. Juli 2004 mit 45 Jahren an Krebs.