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Die Box


 

August 2001
Dietmar Dath
für satt.org


Dietmar Dath:
Der Traum des Nabels

- im Gespräch mit Neil Gaiman


Neulich* war der britische Comic-Autor Neil Gaiman - selbst MTV-Moderatoren tragen T-Shirts mit seiner Figur "Sandman" - in Deutschland. Dietmar Dath nutzte die seltene Gelegenheit, traf den gefeierten Künstler und nahm das Gespräch mit ihm zum Anlass, auch noch mal den ganzen anderen anglo-amerikanischen Comic-Kram zu verhandeln.

*) Dieses Interview erschien 1994 in der 13. und letzten Ausgabe des herausragenden Magazins Heaven Sent.












Sandman Band 5: A Game of You

Mehr Infos
zu Neil Gaiman-Produkten gibt es auf den Seiten von amazon.de




Mehr zu Dave Sim und Cerebus:
www.cerebus.org

Der Traum des Nabels. Für Sandra Grether.




The Architecture Boogie Step One: Falsche Fans in wahren Epiphanien

Comics. Nun ja. Und wenn schon. Er nun wieder. Comics.

Dies noch mal vorweg: es gibt am Ende des Tages, wenn diejenige Kultur, die hier eine Kulturzeitschrift "Heaven Sent" nähren sollte, nicht mehr weiß, wer sie war, keine falschen Fans. Es gibt dann auch kein falsches Bewusstsein mehr, gleichgültig welcher Fans. Aber Unrecht, oh ja, das gibt es. Misshandlung, ja, das gibt es. Verlassenheit, oh doch, das gibt es. Gefangenschaft im Kerker des falschen Moments, auch das gibt es. Und schließlich Glück: auch das ist erlebt worden. (Glück erkennen Fans an den Worten: COMING SOON - A BRAND NEW VERSION OF … (oder auch, im frankobelgischen Cosmos: à suivre..). Wir leben sowieso im Superunknown, und wenn wer zu uns sagt: Ihr lebt im Superunwichtig, will ich nicht widersprechen. Ich werde mich warm anziehen und sagen: Heaven Sent ist tot, na endlich. Denn der Tourismus tötet, was er liebt, so hieß jedenfalls das "freie Thema" bei den Aufsätzen zur mittleren Reife in Baden-Württemberg 1986, und Strübe aus meinem Jahrgang hat 'ne Fünf geschafft bei dem Zeug. No one sings like you anymore. Aber zur Sache.

Nur ein einziges Mal richtig aufgefasst, worum es bei Comics immer ging, einmal ergriffen von dem. was selber kein Licht ist, sondern nur auftreffendes Licht zurückwirft in den träumenden Geist, einmal dabei im aufgeteilten Sehen auf der Seite, verschwindet aus dem Denken das Gemähre um Zeichen und um Bilder/Wörter, das blöde literarizistische oder graphizistische oder "kontext" - suprematistische Gebrabbel, das jede Schrift über Comics von innen heraus verfaulen ließ, seit es Schriften über Comics gibt. Comics sind für ihre FANS, in hoc signo vinces.

So lese ich mit Begeisterung in Geoffrey Bennington/ Jacques Derridas Derrida-Basebuch sehr richtig, dass die sich wunder wie derrideanisch empfindende Idee, die Philosophie (und so manches andere Aufgeschriebene, auch Comics) sei(en) in einen "performativen Widerspruch" verstrickt, insofern sie ihre subtextuelle Antischriftpolemik doch SCHRIFTLICH vollzöge(n), erstens trivial ist und zweitens kaum der Weisheit letzter Schluss, dass wir auf Derrida auch verzichten könnten, wenn er da Halt machen würde. Das auch erstmal an die feine und sympathische Adresse, die von mir neulich einen Derrida-Comic-Artikel wollte. Der sich doch von ganz allein schreibt und also echt nicht sein braucht. Ich saß in meinem Zimmer und sprach laut den Text aus der Sprechblase in den Raum, er wurde von den Postern aufgesogen und in Farbe verwandelt. Was manche nicht kennen wollen: die Wissenschaft davon: IT IS NOT GOOD FOR YOU, BUT MESMERIZING NONETHELESS.

Ich mag und brauche verfrühte Momente der Erkenntnis: wo immer ich gehe, kann ich mich an sie erinnern, nie werde ich sie vergessen: ja, damals, als ich das erste mal Otto Messmers "Felix the Cat" verstand, jene Geschichte, in der Felix auf dem magischen Teppich reitet. Und wie Todd McFarlane dann in einem Spiderman-Heft auf diese Geschichte anspielte, ließ mich zweimal zwinkern. Es war aber nicht Protzmoderne, sondern Liebe. Und als Jean Grey starb, bei Claremont/Byrne, da weinte ich. Und eine Stimme rief, wenige Jahre später, noch mal: Hey Hopey! Und als ich endlich ein Heft von Donna Barrs "Stinz" in Händen hielt, wusste ich, warum ich so lange danach gesucht, danach genervt hatte. Denn diese Geschichte handelt von einem jungen Zentauren, der für die falsche Seite im 1. Weltkrieg mitkämpfen muss. Comics sind für Fans. Ihre Fans können und sollten vergleichen dürfen, that would be criticism. Sie sollten Kriterien entwerfen, die so komplex und für Leute außerhalb des Grooves quatschköpfig sind, wie das, was ihnen innerhalb desselben die delikaten, soliloquinen Epiphanien beschert, vom Comic selbst her gerechnet, that would be over-interpretation. Überinterpretation ist das heiligste Recht der Fans und zugleich das verabscheuungswürdigste Verbrechen der Verräter, die das Fandom an seinem Busen aufgezogen hat. (Falls jemand hier den anderweitig problematischen Herrn Patrick Bahners riecht, muss ich enttäuschen, denn dessen Donald-Duck-Totaltext in "DER DONALDIST" Nr. 87 ist ausnahmsweise voll Klasse, für 7.- DM bei Michael Kompa, Am Flachsland 28, 65779 Kelkheim). Jeder Comic ist ein Tachistoskop, selbst die Werke von Schultheiss, Milo Manara und Serpieri besitzen diese Blendkraft. Ich hasse diesen Unsinn, ich liebe diesen Müll, ich verwerfe diesen Mist, ich bewundere diesen Kram. This is a journey into ZEAL AND NEED!

Professor Adorno, bitte: Öh, die, öh die gefährlichste Ideologie ist öh noch immer in der unklaren Abneigung vieler Seelen gegen "Fachsimpelei" geborgen - denn verständige Geschöpfe wissen, dass sociologically und epistemologically accounted for nichts sowenig "simpel" ist wie das, was da als "hermetischer Jive" von denen, die ein Recht auf Teilnahme zu haben glauben, weil sie auch irgendwas "Unbequemes" daherleben, öh denunziert wird.

Neil Gaiman | Foto: Bernd BodtländerAll dies war längst bekannt, als Dietmar "Poser" Dath im Mai 1994 Gelegenheit bekam, Neil Gaiman zu interviewen, weil dieser großherzige Engländer irgendeine alberne Marketing-Delikatesse mit dem alten, bittersüßen amerikanischen Rock'n'roll-Klepper Alice Cooper zu promoten hatte, was beide u.a. in deutsche Comic-Läden führte. Gaiman, ein perfekter Gegenstand für letzte Gedanken zu Comics, da er mir nie wirklich zu den Göttern zählte. Ja, es würde ein langer, serpentinengleich gewundener Text werden, soviel war sicher. Zumal mit Gaimans alles in allem ordentliche, gelegentlich überdurchschnittliche Leistungen noch einigermaßen gegenwärtig waren: seines Zeichens Autor, nicht Zeichner, und das sehr reflektiert (im Anhang des SANDMAN-Sammelbandes "Dream County" druckt er ein Skript ab und gibt durch begleitende Bemerkungen Einblick in die Parameter seines Schaffens), hat er uns den SANDMAN geschenkt, sublimes Reworking einer verschütteten Figur aus der mittleren Prähistorie des Dark-Fantasy-Segments des US-Heftchen-Mainstreams. Jener SANDMAN, der mit einer paramythischen "Familie" (seine Schwester ist der Tod, ein Onkel verwaltet das Schicksal, eine andere Schwester "Desire" …) die Meta-Angelegenheiten der irdischen Köpfchen durcheinander bringt: sein Reich sind die Träume. Und in Träumen, spricht Gaiman zitierenderweise, beginnt jedes Wesens Verantwortung, yes: In dreams begin responsibilities. Delmore Schwartz, Lou-Reed-Vater, diese Schiene. Im Ganzen ist die SANDMAN-Welt eher Coppolas DRACULA als Clive Barker, und schon deshalb eine Reise wert, checkt es aus.


Die Gipfel von Gaimans Schaffen bislang sind, in keiner besonderen Ordnung, diese: der erste SANDMAN-Sammelband bei DC "A Doll's House", ein SANDMAN-Sonderheft mit einer Adaption des Orpheus-Mythos for those about to Theweleit (auch diese Geschichte wird irgendwann in einem Sampler auftauchen oder findet sich schon in einem, ich bin da nicht so orientiert) und schließlich sein in manchen Augen bestes Stück, die völlig SANDMAN-freie Mafia-Erzählung "Violent Cases", Tundra Publishing.

Violent Cases. Autor: Neil Gaiman; Zeichner: Dave McKean

Das jedenfalls waren meine erinnerbaren Haupt-Gaiman-Kicks, abgesehen von dem eher zwiespältigen, aber faszinierten Eindruck, den die 4-parts "Death"-Miniserie mit Bachalo/ Buckingham bei mit hinterlassen hat, bei so einer SANDMANS-Schwester-geht-solo-Story bin ich aus metapsychologischen Gründen befangen und kann nur raten, sich selbst reinzublättern, um zu entscheiden, ob das was ist. Von seinem Roman mit 'Ferry Pratchett, "A Good Omen", weiß ich nichts zu berichten, weil ich keine Fantasy lese. Auf dem Heimweg vom Interview überprüfte ich noch mal meine Sekundärliteratur, las in der uralten Januar 1993-Nummer des COMICS JOURNAL aber dann doch nicht das eher mäßige Gaiman-Interview, sondern blieb in einer hasserfüllten, dreckigen, infamen, verstörten, kulturkonservativen, antikorruptionistischen und wirren Tirade Gary Groths gegen Dave Sim hängen und schüttelte wie besessen den Kopf im Takt zu Groths altpriesterlichem "Ich bin der Mann, der die Qualitätsmaßstäbe des heutigen Comics ergrübelt hat"-Gegrunze. Binnen Wochenfrist wollte dann Heaven-Sent-Redakteur und Freund Michael Nauert wissen, wie lang der Gaiman-Text wohl würde. Ich antwortete: "Seid froh, dass nicht Dave Sim in der Stadt war". Denn wahrlich, beim Gedanken, Dave Sim, den ich für die unausdeutbarste, größte, feinste, wichtigste Verkörperung dessen, was Künstlerschaft, Bosheit, Depression, Hochmut, Euphorie in der Geschichte der Comics (und überhaupt der Menschheit, nay, des biologischen Zeugs auf Kohlenstoffbasis, ach was des Alls) je vermochten, halte, zu interviewen, beginne ich zu schwitzen, mein Herz klopft, mein Gehirn fällt aus dem Kopf auf den Fußboden, und ich bin verliebt, und all die in solipsistischer Verranntheit elaborierten Häresien und Theologien und Spinnizismen, mit denen ich mir Comics erkläre, geraten ins Tanzen. Dave Sim! D-A-V-E S-I-M! DAVESIMDAVESIMDAVESIM! Bin ich echt ein Fan von, Du. Zum Glück aber war "nur" Neil Gaiman greifbar, und so kann ich Euch noch einmal dialogisch Einblick gewähren in meine "Vorstellungen" und "Einsichten" re Comics. Denn Kritikersein, Kommentatorsein, Erklärersein, Berichterstattersein ist das ewige Pendeln zwischen Zustimmung und Ablehnung zu dem Imperativ: Hey, you've got to hide your Iove away. Vielleicht so: Hey, you've got to explain your love away. Aber dann: Do you? Do we? Can this be done? Das Interview dauerte etwa eine halbe Stunde, ich versuche, es vollständig wiederzugeben und in seine kaum spürbaren Lücken noch einmal in kleinen Essaypassagen einzutragen, was Comics für diese Ideen gewesen sind. Und war diesem Gaiman nicht der beste Name für den Gesamt-Eskapismus eingefallen, und musste man ihn nicht dafür ehren, dass er diesen Namen dann nicht bloß offenbarungsselig im Mund spazierengeführt hat, sondern immer wieder neu begründen wollte in SERIE, und war dieser Name nicht TRAUM gewesen? Eines der beiden Motti, die Gaiman dem ersten SANDMAN-Paperback vorangeschickt hatte, war der funkelnde Satz seiner Heldin Rose Walker gewesen, den sich mancher sozialistische Realist aus Hamburg Castle and Environs ins Kissen sticken sollte: "Dreams are weird and stupid and they scare me." Und träumte ich ihn nicht, diesen Traum?

T. A. B. Step Two: Liebst Du mich, oh mein Lebenswerk?

Herr Gaiman, versuchen Sie bitte, wenn das noch möglich ist, für ein paar Minuten diese Alice-Cooper-Collaboration-Kiste zu vergessen. Bis das hier gedruckt wird, ist das keine Neuigkeit mehr.
OK.
Versuchen wir mal so ein Schlag-Auf-Schlag-Ding zu machen, wie das COMICS JOURNAL es hasst.
Cool.
Zunächst die beliebte Frage nach dem "Lebenswerk". Kann man Ihre Arbeit an SANDMAN mit der Monomanie Dave Sims vergleichen, der die Figur CEREBUS zu seinem Existenzgrund ernannt hat, jeden Monat ein Heft liefern will, bis die geplanten 300 voll sind, und darauf ganz nach Wunsch inzwischen reduziert wird?
Nein, Lebenswerk, also das nun wirklich nicht. Schon deshalb nicht, weil ich in anderthalb Jahren damit FERTIG sein werde, und dann bin ich 34, 35 Jahre alt. Da wäre wohl noch ausreichend Restzeit für ein Lebenswerk, wenn's sein müsste. Aber ich werde wahrscheinlich, also falls ich nicht verrückt werde, nie wieder so was Aufzehrendes und Ausuferndes machen. Wie lange war das jetzt … 8, nein 9 Jahre an einem … ja, eben nicht mal an einer einzigen Figur, das ginge noch, sondern vor allem: an einer einzigen, kohärenten Erzählung, einem von meiner Hand organisierten Kontinuum, das ist eine Sorte Arbeit, die es vor Massenpublikum sonst nirgends gibt, jedenfalls nicht, wenn sie von einer einzigen Person geleistet werden muss. Es ist eine Arbeit, die niemand allzu lange machen sollte, einfach etwas, das nicht besonders VERNÜNFTIG ist. Eine Arbeit für Beknackte.
Liegt das an dieser Arbeit selber oder am Leben, das sie erzwingt? Ich meine, wenn man sich, noch mal, Dave Sim anschaut, da wird ja nicht nur das Werk immer komplexer, immer weltabgewandter sozusagen, und dennoch, vielleicht weil's keine kanonisierte Kunst ist, immer wahrer und grandioser, sondern auch der Mann wird immer unsichtbarer, trotz Tourneen zur Promotion ….es gibt kaum noch neue Gerüchte, früher gab es diese Frauengeschichten und Gottweißwas, jetzt gibt es nur noch CEREBUS und die "Notes from the President" im Umschlag von CEREBUS und die Leserbriefseite mit seinen Kommentaren.
Daves Fall ist unvergleichlich. Ich meine, womit soll man das vergleichen, wer soll das machen. Ich meine, ich stehe in Ehrfurcht vor dem, was Dave da macht. [Im wunderschönen englischen Original von Gaimans englischem Englisch. "I'm in AWE of what Dave does", immer wieder sagt Gaiman diese GROSSEN Sachen mit seiner GROSSEN Betonung und Aussprache, ein sehr sympathischer Zug, genau wie die Sonnenbrille und die schwarze Lederjacke, die irgendwie gar keinen Andrew Eldritch-Eindruck machen, sondern eher savoir-vivre ausdrücken als Accessoires dieses schlauen Mannes, der außerdem noch ein schickes T-Shirt mit seiner eigenen Comicfigur drauf anhat. Ein Lord, dieser Neil Gaiman. Vielleicht ein arg verspäteter Lord der Neuen Kirche; Anm. Dath] Es ist Dave wirklich ernst, es ist für ihn wirklich ALLES. Was er sonst noch macht, was sonst noch sichtbar ist von Dave Sim, dreht sich um Cerebus. Er wirft dem Ding alles andere zum Fraß vor. Damit es wächst, damit es wuchert. Mein Leben kreist nicht im Orbit um Sandman [macht kosmische Armbewegungen; Anm. D.], das ist mir nie passiert und könnte nie passieren. Sandman ist vielleicht das WICHTIGSTE, was ich mache, aber über Wichtigkeit, wissen Sie, entscheidet man wahrscheinlich sowieso nie selber. Neulich ruft mich ein Professor von der University of California/ Santa Barbara an, und der Mann "lehrt" doch tatsächlich seine StudentInnen Sandman-lesen. Und er sagt mir, soweit er das beurteilen kann, ist Sandman eines der "wichtigsten Werke, die im 20. Jahrhundert auf Zeitungspapier gedruckt wurden". Und noch mehr solche Sachen, äußerst schmeichelhafte Dinge. Oh, fein. Und ich sage: also bitte, nein, sagen Sie mir das noch mal, wenn ich fertig bin damit. Sagen Sie mir das, wenn ich das Zeug selber lesen kann. Sagen Sie mir das nicht, wenn ich in der Zielgeraden herumstolpere und keine Ahnung habe, ob das, was ich noch vorhabe, funktionieren kann oder nicht.
Angst vor dem, was Sie noch vorhaben?
Angst? I'm TERRIFIED! Ich sitze an der letzten Storyline, gerade jetzt, und sie ist schon wieder völlig außer Kontrolle geraten. Sie ist zweimal so lang geworden, wie ich geplant hatte. Sehen Sie, ich wollte sechs Hefte schreiben, vielleicht auch acht, letzte Nacht habe ich mit Nummer 7 angefangen, im Hotel, und immer schauen neue Figuren rein ["show up", er sagt das, als latschten irgendwelche Roadies während der Aufnahme einer hochdurchgeistigten Metallica Minne-Ballade so ca. "Nothing Else Matters" in den Aufnahmeraum und fragten Hetfield, der gerade singt, ob er nachher noch auf ein Bier mitkommt, Anm. D.], und dann auch noch altbekannte Figuren, die man seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hat. Man soll, so wünsche ich mir das, das Gefühl einer irgendwie nach mehreren Seitenarmen offenen Geschichte bekommen, die ihren eigenen Rhythmus aufbaut. Das ist ein Grund, warum ich den Panel Grid [ungefähr: "Bildaufteilung der jeweiligen Seite oder Doppelseite"; Anm. D.], den Mark Hempel sich für die Bilder einrichtet, so mag. Sehr unabhängig, das ganze, nicht verkünstelt. Ich habe vorher mit Mark geredet, ich wollte genau wie er überwiegend einen 6-Panel-Grid haben, die gewöhnlichste, allgemeinverständlichste, simpelste Seitenaufteilung, die sich denken lässt. So wollte ich das haben, es sollte wie ein drumbeat sein.
Monoton.
Klar. Ich wollte etwas, das man zwar, so, wie es erscheint, also in monatlicher Frequenz, lesen kann, aber eben auch, wie ich es schließlich sehen will: als Buch. Es soll einen eigenen Beat als Buch haben.

T.A.B. Step Three: Essaypassage über Rhythmus

Montesquieu in den "Betrachtungen über die Ursachen des Vergnügens an den Werken der schönen Künste und der Literatur": "Sehr oft entspringt unser Erstaunen daher; dass unsere Seele dasjenige, was sie erblickt, nicht mit dem zu vereinigen weiß, was sie bereits gesehen hat. Es ist in Italien ein großer See, der unter dem Namen Lago Maggiore bekannt ist, ein Gewässer; dessen Ufer sich bloß durch die Wildheit ihres Anblicks auszeichnet. In diesem See befinden sich, ungefähr eine Fünftelmeile von der Küste, zwei Inseln, deren Umfang nicht über eine Viertelmeile beträgt. Sie heißen die Borromäischen Inseln, und sind, noch meinem Urteile, die reizendste Gegend, die man nur erblicken kann. Die Seele erstaunt über den ganz unerwarteten Kontrast, und sieht sich mit Vergnügen in jene Schilderungen der Roman- Welt versetzt, wo, nach einer mühsamen Reise über rauhe Felsen und kahle Heiden, auf einmal Gegenden sich uns öffnen, welche die Hand wohltätiger Feen mit jedem Reize geschmückt hat."

Was Gaiman über Rhythmus oben sagt, leuchtet nicht nur ein, sondern ergibt auch noch mal einen neuen Sinn, wenn man bedenkt, dass, wie mir berichtet wurde, eine Journalistin, die mit dem ganzen Cooper/Gaiman-Wirrsal nicht zurechtkam, Gaiman gefragt haben soll, welches Instrument er denn bei Cooper spiele. Er soll ihr dann erklärt haben, er spiele gar kein Instrument, aber auch wenn diese hübsche Begebenheit erfunden ist, führt sie uns auf die Spur der Funktion der Wörter im Nicht-Underground-Comic: sie sind Drum Patterns für die Story, genau wie auf einer anderen Ebene der Panel Grid für die unmittelbar "emotionalen" Aspekte dieser Story ebenfalls Drum Pattern ist, aber eher Bass als Snare. Da gibt es gute Drummer wie Gaiman, der in seinen schwächeren Momenten zwar Cozy Powell ist, in seinen besten aber Moe Tucker, und geniale wie Sim, der zwischen Vierviertel-Punk-Drum und NoMeansNo-Irrsinn gelegentlich mal zwei Heft-Seiten Ska oder sogar (in den MindGame-Heften von CEREBUS) phatte HipHopBeats einschaltet, ohne dabei je Peter-Gabriel-Trommeln-dieser-Erde-Sounds zu erzeugen, weil sein wichtigstes Instrument doch wieder die gezeichnete Figur CEREBUS, das Schwein, ist, dessen Gesichtsausdrücke sind die wirklichen WÖRTER bei Sim, nicht die mit Buchstaben geschriebenen in den Kästchen und Blasen. CEREBUS als Funny Animal ist Sims Rap. Sein Funny Animal ist Snoop, aber nicht Snoopy. Er schnüffelt unter blutigen Laken. Dabei geschieht dann Irres, wie es einem Irren wie Sim wohl ansteht, der, wie eine weise New Yorkerin, eine seiner größten Fans, mir mal betrübt und begeistert schrieb, zwar Sexist ist, aber "too insane to pull it of - his sexism never works because the fucking thing is too elaborate and the shift from plane to plane obliterates any ideological concern the mad artist might have had". Funny heißt bei Sim (aber auch bei Jeff Smith in BONE und Martin Wagner in HEPCATS und bei den Figuren Opus und Bill The Cat in Berke Breatheds pulitzerpreisgekröntem Zeitungsstrip BLOOM COUNTY) nicht bloß "lustig", sondern "Stimme dessen, was die Welt nicht hören wollte" (Haben wir auch alle im "Spiegel" das shocking Foto des seltsamen Menschen-Fötus gesehen, der aussah wie ein Huhn, nicht wie ein Mensch? DAS ist ein FUNNY ANIMAL!). Übrigens sind die meisten frankobelgischen Texter als Drummer-mit-Worten leider nur S. Copeland oder wie der Typ von POLICE hieß. Was nicht heißt, dass z.B. Hergés Tintin-Bilder, Seiten, Panels und Panel Grids oder die Striche eines Tardi nicht über jedes frankophobe Gemoser von ewiggestrigen unbelehrbaren Marvel-Comics-Fans erhaben sind. Ein französischer Westerncomic von Jean Giraud ist nicht einfach "mythische Comic-Frühzeit-USA für cineastisch informierte Europäer", denn nicht nur ist, wenn zwei was Ähnliches tun, dies gar nicht so ähnlich, sondern nicht mal dasselbe wäre dasselbe, wenn es sich in einem interessierten Blick so ausnimmt, der vor lauter Bäumen zwar noch den Wald sieht, aber nicht mehr das merkwürdige Getier tief im Waldboden. Die kleinen insektoiden Wahrheiten dialogischer Erzähl- oder Nachdenkformen. Die Würmer, die anstatt schon wieder Rhizome zu sein, zwischen ihnen sich schlängeln, und bei denen man zwar nicht weiß wo vorn und hinten ist, die aber dennoch mysteriously lebendig sind.

T.A.B. Step Four: Menschengeschichten

Die Geschichte der Sandman-Rezeption muss begonnen haben in dem Moment, in dem das erste Mal jemandem auffiel, was Sie mit Ihren "Nebenfiguren" tun. Vieles knüpft sich, für mich jedenfalls, unweigerlich an eine Frauenfigur: Death. Nicht nur, weil bei Ihnen die "andere Figur", Death, hier so anders ist wie das "andere Leben", nämlich das Totsein, hab ich mir gedacht. Egal: wie ist das, mit dem Schreiben von Frauen? Ich weiß nicht, ob man da nicht freiwillig und gratis etwas beansprucht, was die Geschichten gefährdet. Es ist beeindruckend, wie Sie sich da scheinbar ohne Probleme hineinstürzen …
Ich schreibe GERNE diese Frauen. Es ist sehr ausgedacht, nicht? Aber so was tut eben ein Schriftsteller, oder? Ich hatte schon sehr früh vor, bei Sandman voneinander abweichende Male- und Female Plotlines zu entwickeln. Ich habe den Unterschied für mich so zu bestimmen versucht: eine männliche Plotline neigt dazu, eine "Quest"-Plotline zu werden, Suche, Jagd und Kreuzzug, wir gehen los und holen uns was. Und nehmen es mit nach Hause. Man braucht immer irgendwelche Coupons. Ich muss beim Erzählen auch selber aufbrechen und diese Coupons, Tickets, Items der Reihe nach einsammeln. Eine weibliche Plotline dagegen ….
Ich glaub, ich kann's mir vorstellen: sowie in der 4-lssues-"Death" Miniserie, wo der Junge die ganze Zeit möchte, dass es weitergeht, wann passiert ES denn endlich, wann finde ich raus, wo ich hinmuss etc., und sich gleichzeitig furchtbar langweilt, während sie, Death, immer abschweift … ist das so?
Nun ja, meine "weiblichen" Plotlines sind eher spinnengleich, besetzen so zirkulär verschiedene Orte in der jeweiligen Story … und aus irgendeinem Grund, der so mysteriös allerdings auch wieder nicht ist, sondern wahrscheinlich einfach eine bestimmte Tradition anspricht, sind die Frauenfiguren so "verschieden". Nicht nur von den Männerfiguren, sie sind auch ziemlich pointiert, sie sind eigen, fast … also, man kann Rose Walker unmöglich mit Death verwechseln, sie haben nicht mal etwas "irgendwie Feminines" gemeinsam. Sie sind anders.
Yeah, und worauf ich aber jetzt hinauswollte, war doch, dass Ihre Frauengestalten vor allem anders sind als die Frauengestalten anderer männlicher Autoren. Also nicht nur, das Sie abgrenzen, zuspitzen, umhauen, sondern dass kompetitive Moment, also dass keine Ihrer Frauen von einem anderen Frauen(be)schreiber, wie sie alle da sind und waren bis zurück zu W. Moulton Marston mit WONDER WOMAN, hätte geschrieben werden können. Ich glaube, dass das, was Sie machen, zukunftsweisend ist, man sieht's an den Publikumsreaktionen. Was ist das Spezifische dabei? Es sind ja keine feministischen Fragestellungen, die da auftreten …
Frauen, wenn sie Frauen schreiben, haben noch ganz andere Probleme als ich. Bei denen kommt dann immer jemand mit der Nachfrage an, ob sie das selber sind, die Frage stellt mir natürlich niemand. Was Männer angeht, so schreiben viele meiner Kollegen eine Art Frauen, die mich doch ziemlich befremdet. Weil ich nämlich, wenn ich das so lese, immer denken muss, wie kann das sein, dass diese Leute ihr ganzes bisheriges Leben auf diesem Planeten gelebt haben, ohne einer einzigen Frau zu begegnen. Die müssen von Mönchen großgezogen worden sein. Und dann lerne ich sie manchmal kennen und finde raus, sie sind doch schon Frauen begegnet, sie sind vielleicht sogar verheiratet, und das verstört mich dann fast noch mehr.
Wie denken Sie in dem Zusammenhang über Jaka? [Dave Sims epischer Breitwand-Frauenentwurf, das Buch "Jaka's Story" umfasst 500 Seiten; Anm. D.] Jaka …ist ….eine …hmmm. [Denkpause, Stirnrunzeln; Anm. D.]
Das ist schwer. Sie ist schwer einzuordnen, schwer einzuschätzen. Man kann auch nicht sagen, dass sie eine misslungene Frauengestalt ist. Sie ist gar nicht da. SEHR vage. Man lernt sie eigentlich gar nicht kennen, obwohl man ihre Biographie erzählt kriegt.
Vielleicht hat Sim Angst vor ihr.
Ja, da stimme ich zu. Ich denke, seine Margret Thatcher-Figur war sehr viel interessanter. Oder Astoria. Ja, Astoria, sehr gute Figur. Ich versuche immer, psychologisch zu argumentieren. [Langsam hat Neil Gaiman genug davon, dass ich immer nur über Dave Sim reden will, Anm. D.] Nicht "einfühlsam", aber Portraits von Gesichtern, die zu Köpfen gehören. Und das Ergebnis davon ist beachtlich: als ich anfing, war die Sandman-Leserschaft zu 90 % männlich, wie das eben bei solchen Comics ist. Jetzt sind wir bei 60 % Männern, ziemlich gutes Ergebnis für einen Mainstream-Comic von einem Mann. Sogenannter Mainstream. Zuerst waren es die Ladenbesitzer, die zu mir sagten, danke, dass zu unsere Kundschaft jetzt auch Frauen gehören, nun ja. Und Lesben sagten, Figuren wie Hazel & Foxglove sind wichtig, ich habe die beiden als Paar dargestellt, nicht als maskuline, voyeurhafte Projektion, wie vielleicht so ein lesbisches Paar aussehen müsste. Also, das wollte ich, und man sagt mir, so sei es geworden.
Planen Sie das als Statement, oder ist es der Ehrgeiz eines Realisten, der dahintersteht, also der Wunsch, Leute zu entwerfen, die so sind wie vergleichbare Leute, die Sie kennen?
Es ist ganz einfach: es sind Comics, also kommt es von etwas, was ich gesehen habe. Aus der Beobachtung. Wenn ich wirklich anfangen würde, wenn ich wirklich besonders korrekt sein wollte, würde passieren, was ich oft gesehen habe: wenn man anfängt, erst politisch korrekt zu denken und dann korrekt zu erzählen, you're gonna fuck up anyway. And it's not even gonna BE politically correct. Ich wurde im übrigen auch schon angeklagt, nicht PC zu sein. [Ich glaube ihm das nicht nur; ich glaube darüber hinaus, dass seine Vorstellungen davon, was die PC-Leute von ihm wollen, nicht gerade übertrieben genau sind. Es interessiert ihn wohl einfach nicht besonders. Aber vielleicht ist das meine Eifersucht einem Künstler gegenüber? Andererseits gibt es hier andere Probleme als die Dringlichkeit des Einklagens von PC durch deutsche Journalisten gegenüber einem englischen Autor von einem anderen Stern, der uns im günstigsten Fall noch mal ein paar Tugenden des Eskapismus in Erinnerung rufen kann, die wir nicht wirklich erinnern können, weil wir sie noch gar nicht kannten, weil es das hier nicht gab: diesen Traum von Comics; Anm. D.] Als die transsexuelle Figur in "A game of you" starb, war das natürlich sehr unfair, eine Benachteiligung gegenüber allen anderen Figuren, die nicht starben. Also, irgendwann wird man als Storyteller gefragt: was haben Sie gegen Leute mit großen Hunden? Ich weiß nicht, ich glaube, PC bedeutet an vielen Orten überhaupt nichts mehr. Meine Arbeit muss irgendwann fertig werden, und ich habe Glück mit meinem Beruf: Geschichten erzählen. Was nicht heißt: "NUR" Geschichten. Es sind die Leute in den Geschichten, mit denen irgendwann andere Leute was anfangen können. Rose Walker taucht gerade wieder auf, es ist das erste Mal, dass sie vorkommt seit "A Doll's House", und das ist vier Jahre her. Und das klingt jetzt vielleicht wieder seltsam, aber ich schreibe da so die erste Zeile Rose-Dialog und da denke ich auf einmal: Oh, da ist sie ja wieder. Die kenn ich doch. Das ist Roses Stimme. Das ist toll: sie war in vier, fünf Jahren nicht blasser geworden. Sie war niemals fort gewesen.

T.A.B. Step Five: Der unwissende Erzähler

Das Carl-Barks-Interview im "Spiegel " Nummer 24 vom 13.6.94, zeigt den eigentlichen Schöpfer und meinetwegen "metaspirituellen Eigner" von Donald Duck im vielerorts groß gefeierten 60. Jahr der Ente mal wieder von seiner (bei allem Respekt vor Riesen, die noch auf Erden wandeln) dümmsten und unangenehmsten Seite. Man kennt das schon von ihm, hat er doch damals im FAZ-Fragebogen schon erklärt, am meisten hasse er "geschwätzige Menschen", als Beispiel dann: "Karl Marx". Sehr komisch, Herr Barks. Befragt diesmal vom marktüblichen seelenlosen Spiegel-Gesprächszwerg sabbert der alte Mann dummes Zeug über Norman Rockwell, darüber, dass Entenhausen überall sei (dabei kann man die verschiedenen Phasen in der Geschichte dieser Stadt genau topographisieren und historisieren, zeitweise war diese Gegend mit L.A./ Hollywood identisch, dann wieder mit Smalltown-Rockwell-USA, an diesen letzteren Punkt erinnert sich das senile Genie sogar in seiner jetzigen Daniel-Düsentrieb-als-Alzheimers-und-Parkinsons-Altersheimgenosse-Umnachtung noch dunkel, und außerdem ist Entenhausen schon deshalb nicht überall, weil Entenhausen IN ENTENHAUSEN ist, verstehste? )<> darüber, dass er neuere Duck-Comics nicht lese, und darüber, dass nach ihm keiner mehr etwas Gültiges über die alte doofe Ente zu sagen gehabt habe. Dabei durfte ich schon letztes Jahr (ich weiß, zu spät) die Entdeckung machen, dass der große Don Rosa, der zumindest Herrn Dagobert Duck noch ein paar Geheimnisse abgelauscht hat, die Barks nicht entwickelt hat, zur Zeit regelmäßig in der stinknormalen "Micky Maus" vertreten ist. Sie nennen seinen Namen dort nicht, die Kids wissen damit angeblich nichts anzufangen, das hebt man sich für aufwendige Don Rosa-Alben mit denselben Storys auf, man muss es eben wissen. Ein netter Bonus wäre, wenn man Rosa nicht nur als Zeichner kennte, sondern auch um seine publizistischen Aktivitäten wüsste, z.B. die jahrelang in meiner weltliebsten, Juni/Juli '92 eingestellten Zeitschrift AMAZING HEROES laufende "DON ROSA COVER GALLERY", in den Rosa auf je einer Doppelseite klassische Cover aus seiner umfangreichen Sammlung zu einem gemeinsamen Thema, das seiner Ansicht nach Beachtung verdiente ("Cover mit Gorillas drauf aus drei Jahrzehnten", "Alle Cover, auf denen Superman heiratet", "Alle Enten, die nicht Donald heißen, aus der Geschichte des Comics" etc.) abbilden ließ und dazu knappste Glossen/ Legenden schrieb. Zu den muddled and confused Einlassungen betr. PC im obenstehenden Abschnitt des Interviews füllt mir noch eine Geschichte ein, die sieh um Martin Wagners HEPCATS dreht, in denen mal wieder, anknüpfend an eine in den späten 60ern/ frühen 70ern aufgekommene Subgenre-Traditionslinie, Social Realism mit tierköpfigen Hauptfiguren legiert wird. Da gab es diese Stripfolge, wo einer von Gunthers Freunden nach Afrika fährt, um nach dem verschollenen Gunther zu suchen, und um in einer Weise zu typisieren, wie sie schon Grandville vorexerziert hat, lässt Wagner dort unten überwiegende nashornköpfige "Menschen" rumlaufen (weil nämlich Nashorn = Afrika). Aufmerksame LeserInnen von HEPCATS (die Serie spielt nicht nur im Universitätsmilieu, sondern hat dort auch ihre Constant Readership) monierten nun, dass das möglicherweise so verstanden werden könnte, als sähen "alle Neger gleich aus" (nämlich wie Nashörner, eine SPEZIES), Wagner war also aus einem legitimen Verfahren, seine Figuren entsprechend ihrer Bedeutung in seinen Geschichten zu "stereotypisieren" (die dicke Katze als bequemer Chef etc.) in eine rassistische Praxis "gerutscht", weil er die Grenze, die historische Rassifizierung gezogen hat, als Typen-, ja Tierartengrenze übernommen hat. Die ganze Debatte um den gefährlichen "Unfall" war ziemlich lehrreich für alle Beteiligten, und sogar Wagner hat dazugelernt.

Carl Barks weiß so was nicht, es ist ihm auch wurscht. Er bleibt freilich unangreifbar dabei, wir müssten schon doof sein, um den alten Knochen mit so was, straight aus dem wirklichen Leben stammend, zu behelligen. (Mir liegt allerdings ein Exemplar des Zentralorgans der Donald-Sektierer des "deutschsprachigen Raums" vor, auf dessen 'Titelseite unter dem Heftnamen "Der Donaldist" ein Untertitelungsschriftzug vermerkt: "Das Organ für Political Correctness". Diese Schlingel.) Hat denn irgend jemand etwas anderes vom Erfinden jenes so lästigen und doch noch immer so reichen, füllhornprallen Conundrums Donald & Co.", Barks, erwartet, als dass er KEINE AHNUNG hat von dem, was er getan hat und wie es zu bewerten ist? Hat denn Berke Breathed wirklich gewusst, wer Opus ist? Wie blöde können ZeichnerInnen sein? Wie blöde ist diese Frage? Wie sehr vermisse ich Dich, oh Daisy? Jetzt schließe ich demnächst meine Manga-Studien ab, dann weiß ich auch, wie blöde japanische ZeichnerInnen sind. Und wie blöde sind ihre LeserInnen? Ich zum Beispiel glaubte jahrelang, dass die Cartoonistin T.S. Wood so aussehen müsste wie ihre Figur Silver, bis ich ein Foto sah, und aus war der Traum. In dreams begin responsibilities?

T.A.B. Step Six: Ein guter Tag zum Sterben an der Uni

Hier habe ich meinen Paperback von Sandman "Season of Mists", und da steht als Werbung über dem Titel ein Zitat von Norman Mailer, welches besagt, Sandman sei nun endlich der Comicstrip für Intellektuelle. Wie groß ist die Resonanz auf dem Campus denn nun wirklich?
Auf dem amerikanischen Campus ist die Resonanz sehr groß. In England stehen wir so feist wie in Amerika. Wie gesagt, dieser Professor redet da von 700 Leuten, diese StudentInnen lesen da ein Jahr lang "Seasons of Mist". ich hatte erstmal das Gefühl, für ein solches Echo müsste ich doch eigentlich schon eine ganze Weile tot sein. Shakespeare und so was, that kind of thing.
Macht Ihnen das was aus? Sim zitiert bekanntlich gerne Steve Martin, Schreiben über Kunst sei wie Tanzen über Architektur. Also zu unterlassender Quatsch. Er will sich auf gar keinen Fall beteiligen an einer akademischen CEREBUS-Rezeption, obwohl gerade er wegen zahlreicher Besonderheiten für akademische Dissections natürlich attraktiv wäre.
Da muss man genau aufpassen. Es ist auf jeden Fall schädlich, wenn ein Künstler anfängt, seine eigene Presse zu GLAUBEN. Ob das auf dem Campus entstanden ist, was man da hört, oder im COMICS JOURNAL stand, oder wo auch immer, egal. Wenn du anfängst, zu glauben, was sie über dich sagen, hast du verloren. Ich meine, hübsch, wenn jemand sagt: dies ist ein "major work of western literature". Ob das nun ein Publizist ist, ein Journalist, ein Professor … aber den Tag, an dem du aufstehst und sagst: so, jetzt muss ich ran, ich muss an meinem "major work of western literature" arbeiten, das ist den Tag, an dem du TOT bist. Solange man beim Schreiben auf den Grundlage der jeweiligen Probleme arbeitet, lebt man noch, solange es noch heißt, was passiert auf Seite 5, wie kann ich diese Sache lösen, was machen diese Leute jetzt, warum klingt dies hier nicht wie ein richtiger Dialog - so lange ist alles in Ordnung, so unlösbar die Sachen auch vielleicht aussehen. Wenn einen die Leute, über die man da schreibt, noch interessieren, wenn man mit dem Plot wo hingeht, wo man nicht war, ist alles in Ordnung.
Gut, aber damit wäre Sim auch einverstanden. Darüber hinaus würde er aber sagen, es sei furchtbar gefährlich, wenn man zulassen muss, dass Leute, die keine "echten" Fans sind, sondern deren Beruf das Urteilen und Kategorisieren ist, auf Comics aufmerksam werden. Wenn die mit ihrem Besteck loslegen, muss sich das Genie in Sicherheit bringen. Und wenn ein Genie wie Sim das sagt, klingt das erst mal plausibel.
Tja, aber derselbe Misten Sim, der so was sagt, besteht andererseits darauf, dass Scott McClouds Buch "Understanding Comics" (Original bei Kitchen Sink, deutsche Übersetzung "Comics richtig lesen" ist überflüssig, man kaufe das Original, ein Standardwerk der 90er!; Anm. D.] ein bedeutendes und zu lobendes Werk ist. Und dieses Buch besteht nur daraus, dass jemand "Dancing about Architecture" betreibt, was der kritikerfeindliche Dave verbieten will. Also, da tanzt wer, und das Buch ist brillant, das muss gesagt werden. Es ist wahrscheinlich das wichtigste Buch diesen Art überhaupt.
Genau: so lange man sich zum Tanzen über Architektur keine Ziegelsteine anzieht …
Exactly. Auf das Tanzen sollte es ankommen. Man kann über Kunst genauso schreiben wie üben jeden Mist, wenn man kann.
Es gibt halt die Angst der "Kreativen", es könnte ein Kanon entstehen, und dann wird von ihnen erwartet, sich darauf zu beziehen. Das, glaube ich, ist der Hauptgrund für die Abneigung gegen die AkademikerInnen und ihr Werkzeug.
Na und? Comics sind sowieso so verachtet that it doesn't fucking matten. Wir mussten uns, um wirklich gehört zu werden, immer mal wieder beziehen auf Film, manchmal sogar Musik, Underground, Lebensstile, und einige von uns haben's gern gemacht, einige haben's auch gut gemacht, anderen war es egal. Also von wegen die Akademie macht uns kaputt mit ihren Ansprüchen, it doesn't fucking matter, we're still in the gutter. Wir könnten Comic-Gelehrte in jedem Land der Welt sitzen haben, in jeder Universität zwei Dutzend, it's okay, we're still a gutter medium. Ich hätte für Comics manchmal gerne …—-
Einen oder eine Lester Bangs?
Exactly. I would LIKE good critical writing about comics.
Also, was halten Sie von Gary Groth? [Brillanter Herausgeber des COMICS JOURNAL und FANTAGRAPHlCs-Publisher, nur leider ein furchtbares Rumpelstilzchen mit ostentativ zur Schau gestelltem bürgerlichem Geschmack, den er dazu benutzt, seit Jahren an einem Kanon zu basteln, eine heroische Arbeit, die ihn immer wieder dazu bringt, die Hernandez-Brüder für Faulkner und Joyce zu halten. Dabei sind sie was Besseres. Groth kultiviert seit ein paar Jahren einen völlig irrationalen Hass auf Dave Sim, den dieser natürlich mit noch viel irrationalerem Künstler-Hass auf Groth und alle Kritiker dieser Erde beantwortet, das Genie Sims macht daraus dann erwartbarerweise völlig irre Kunst, während Groth halt vor sich hinbramabarsiert, wie er's gelernt hat. Sogenannte Hassliebe, aber während es Lou Reed laut dem genialen Hassliebenden Lester Bangs angeblich gelungen ist, aus Bangs noch was zu machen, kommt für Groth jede Hilfe zu spät. Er ist ein Dummarsch, wenn ich das hier mal sagen darf; Anm. D.]
Ich führe jetzt seit Monaten ein Interview mit Gary. Das heißt, er mit mir. Sie wollen wohl eine SANDMAN-Nummer machen. [Ist inzwischen erschienen, wurde eine Gaiman-Nummer des Comics Journal, ist ganz in Ordnung, das Gaiman-Interview von Groth enthält nichts wirklich neues; Anm. D.] Und eines der Dinge, auf die ich ihn immer wieder angesprochen habe während unserer Telefongespräche, ist die Frage, warum im COMICS JOURNAL so wenig Comics Criticism stattfindet. Ich meine, sie machen ihre Monographien, ihre Interviews, ihre Essays. Das ist alles verdienstvoll und wichtig, ich wünschte nur, sie würden ihre Ansichten, was von der laufenden Produktion beachtenswert ist und warum, etwas deutlicher herausarbeiten.
Ich hab immer viel von AMAZING HEROES gehalten, bis sie es eingestellt haben. Das war eine tolle Zeitschrift.
Fand ich nie. Dann lieber das COMICS JOURNAL. Das Problem ist, sie haben, also Groth hat da diese enorme Agenda, diesen "Auftrag" im Hirn sitzen, und gleichzeitig hat er nichts im Rücken, auf das er zurückgreifen kann. Es gibt halt leider keine Geschichte des "critical writing" über Comics. Es gibt zwei große Aufsätze in der Geschichte des Comic, und beide sind über Krazy Kat, der eine davon von E.E. Cummings …
Neulich war ich auf einem lustigen Wochenende an der Uni in Hamburg, da spielte sich so ungefähr alles zwischen Krazy Kat, Lessing und Umberto Eco ab. Von Comics war nicht sehr die Rede, Sim hätte sich gefreut. Die haben ihn in Ruhe gelassen.
Umberto Eco … ich mag natürlich, wenn er schreibt, die Fortress of Solitude bei Superman sei Amerika und so Sachen, aber er hat die Heftchen natürlich nie gelesen. Muss er ja nicht dazu. Eco wird halt amüsant und interessant, wenn er Comics BENUTZT, um über irgendwas anderes zu schreiben. Ich habe mal, vor Jahren, einen Artikel über "The Dark Knight Returns" für eine englische Zeitschrift namens "Foundation" geschrieben, und das Problem dabei war, dass ich die komplette erste Hälfte des Textes dafür verwenden musste, erstmal über BATMAN zu schreiben, woher er kommt, was er darstellt etc. Ich hätte lieber darüber geschrieben, was Miller da gemacht hat. Wo es funktioniert hat, wo nicht, warum es funktioniert hat, warum es nicht funktioniert hat und so weiter. Also jedenfalls: es gibt weit und breit keine Lester Bangse. Und wir bräuchten welche. Das, was die Nick Cohne und Lester Bangse für Musik gemacht haben. Pauline Kael für Filme, John Clute für SE Vielleicht kommen sie jetzt von den Unis.
Und wenn nicht, ist auch egal.
Wahrscheinlich.

T.A.B. Step Seven: Was hätte sein können

Nun denn: Neil Gaiman ist ziemlich gut. Neil Gaiman ist wirklich sehr gut. Gerade merke ich, dass mein Lieblingscomic wohl doch John Constantine, HELLBLAZER Heft 35, "Dead Boy's Heart", ist, von Jamie Delano/Sean Philips, November 1990, mit diesen Abarts-Zeilen am Schluss: "lt's the awful, lonely secret of the dead boy's heart - and you must keep in to your grave. But the very WORST thing is - once you know it - YOU'RE a Bogeyman too."

Im April 1990 war es, da schrieb Dave Sim in den "Notes from the President": "Shit. lt took me years to get over the idea of working until there was a pile of money and then living off of in until I needed some more."

Wie gerne hätte ich noch drei Dutzend solcher Interviews geführt, von Eurem Geld, mehr oder weniger. Wie gerne hätte ich noch erzählt, was es mit Larry Weltz' CHERRY auf sich hat, die große Robert Crumb-Abrechnung fällt ebenso aus "technischen Gründen" aus wie die Anmerkungen zum verstorbenen Harvey Kurtzman, das flamboyante Bekenntnis zu Matt Feazell, dem Erfinder des Strichmännchens, des Rades und des Feuers, dessen Cynicalman und besonders Antisocialman alles erklären, und die Meditation über CLASSICS ILLUSTRATED muss ebenso als verschollen gelten wie meine COLLECTED PAPERS ON DAVE SIM VOLUME I-XXXIV, schließlich hätte ich für die Nachwelt gerne eine kommentierte Auswahl der Schriften von Andy Mangels und den Werke von Adam-Troy Castro, der beiden für mich wichtigsten Comic-Rezensenten/-philosophen aus dem Umfeld der schon vor Jahren verblichenen Zeitschrift AMAZING HEROES besongt, … wie gerne hätte ich alles durcheinander gebracht und aus der Asche neue Kategorien für das geschaffen, was im so falsch übersetzten Titel von McClouds Standardwerk deutsch "Comics richtig lesen" heißt, wie gerne hätte ich mich an einem Psychogramm Anton Dreks versucht und von den vielen Nächten erzählt, in denen ich zu ergründen versuchte, warum Moebius Scheiße ist. Aber andererseits kann das jedeR sofort sehen, und auch dass Felix Reidenbach fliegen kann, karierte Ohren hat und seine Niedlichen ALLES wissen und er der Größte ist, ist inzwischen hoffentlich Binsenweisheit.

Aber andererseits: niemand braucht es. Für heute nacht habe ich mir wieder einiges zurechtgelegt: ich werde noch mal MOOREs "Complete Adventures of Halo Jones" und seine mit dem großen Märchenbriten Alan Davis geschaffenen "D.R. and Quinch"-Geschichten lesen, der neue CEREBUS-Trade-Paperback ist draußen ("Women", so musste ja mal ein Band heißen, es ist Schicksal), dann eine halbe Stunde BIueberry, dann ein eher lästiges Ding von Bilal, den Mattotti muss ich mir noch mal angucken und wenn Zeit ist, ein paar Zeitungsausschnitte über das jüngste "Asterix"-Durcheinander. Der Weg zur Hölle ist gewiss mit guten Vorsätzen gepflastert. Es gibt keine Literaturhinweise am Ende dieses Artikels, weil ich wieder mal darauf drängen wollte, transparent zu machen, wie notwendig es ist, alles zu lesen. Was immer man darunter im einzelnen zu verstehen hätte. Liebster Matthias S. aus K., du hast ja recht, es sind immer diese funkelnden, letztlich übertrieben herausgestrichenen Preziosen, mit denen man wieder angeben kann, weil man sie nur selber kennt. Ich liebe Dich, Du Kritik Du, und nicht nur als Kritik, sondern überhaupt als Gespräch. Du bist Klasse, mach weiter.
Ach, immer nur angeben, immer schneller sein, immer Angabe. Aber wenn das eine Warnung davor sein soll, mit dieser Angabe andere Seelen zu befeuern, sich ebenfalls aufzublähen und sich nach den Decke zu strecken, die es nicht gibt, nicht geben darf, die gleichwohl die Ausdehnung markiert für Wichtiges und Unwichtiges aus Zeit und Ort, Bild und Wort und Sound, dann vergiss es. Nicht dieser junge Kritiker hier, nicht dieser Dath, er wird nicht auf Dich hören, es sind immer two minutes to cover, und wenn auch all dies ungeschrieben bleibt, all die Dathschen Comicweisheiten, (die immer noch dafürhalten würden, dass Comics komisch sind, komisch wie in: seltsam, dass ihr Komisches Vieles kennt, was "man" durchaus kennen muss,) wenn auch die eben aufgezählten Dinge vielleicht nie und nirgends gelesen werden können, so werde ich doch nicht aufhören, davon zu erzählen, was ich schließlich selber mit eigenen Augen gesehen habe, na, ist das vielleicht nichts? Comics. Komisch, dass der schlechteste und dümmste Text, den ich je geschrieben hab, auch einer über Comics ist, bisher ungedruckt, weil die ihn enthalten sollende Publikation nie erschien, hoffentlich kann ich das noch verhindern.

Jetzt aber lege ich mich hin und "lese", die Nabelschau ist für heute beendet, der Nabel geht träumen, Omphalos, oder von mir aus schon wieder Scheiß-Phallus, oder Trauer, aber wie ist das denn nun mit den Träumen, Herr Gaiman, beginnt in den Träumen tatsächlich die Verantwortung? Ist das so, und wenn das so ist, nun, ist das vielleicht nichts? Ist das nicht wert, gefunden zu werden? Nun, ich nehme an, es bringt mich zum Lächeln, und: - ich fand es schwer, es war schwer zu finden, nun, whatever, nevermind.