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Die Box




September 2000
Marc Degens
für satt.org


Teer: Spit City #1
Jochen Enterprises, Berlin 2000, 32 Seiten, s/w, DM 9,95.

Teer: Wahre Seiten für harte Zeiten #1-3, EGO Verlag (Kippingstr. 16, 20144) Hamburg 1996-1999, jeweils 24-32 Seiten, s/w, DM 7,00.

Klinik #3, EGO Verlag,Hamburg 1999, 72 Seiten, s/w, DM 8,00.

Jule K.: Strange Girls, EGO Verlag, Hamburg 2000, 28 Seiten, DM 7,00.

Penis statt Peng!

Comics für das nächste Jahrtausend:
Neue und alte Bildgeschichten von Teer und Jule K.

Einer der verdienstvollsten deutschen Comicverlage der letzten Jahre ist zweifelsfrei Jochen Enterprises. 1992 verlegte der Berliner Kleinverlag mit Chester Browns autobiographischem Meisterwerk "Die Playboy-Stories“ einen der aufregendsten amerikanischen Indepentcomics der Gegenwart - und es sollten später zahlreiche andere herausragende zeitgenössische US-Comicserien wie Jeff LeVines „No Hope", Renée Frenchs „Grit Bath", Jim Woodrings „Frank“ oder zuletzt Peter Bagges „Hate" folgen. Zwei Überlegungen bestimmen seit jeher die Verlagspolitik: Das publizierte Comicmaterial muß nicht unbedingt massentauglich, dafür aber innovativ und unverkennbar sein, zudem sollen die Publikation ansprechend und trotzdem preisgünstig präsentiert werden. Deshalb griff Jochen Enterprises schon früh auf das seinerzeit fast vergessene, im Vergleich zum Comicalbum viel billigere Heftformat zurück, und zwar lange vor dem so genannten „Heftchenboom" Mitte bis Ende der Neunziger Jahre, der den Echterdinger Dino-Verlag später an die Spitze der deutschen Comicbranche katapultierte.
Jochen Enterprises, die „Gesellschaft zur Förderung intelligenter Unterhaltung", verlegt aber nicht nur amerikanisches Lizenzmaterial, sondern machte sich von Anfang an auch um die hiesige Comiczeichnerlandschaft verdient. Denn hier fanden zahllose deutschsprachige, hauptsächlich Berliner Zeichner eine erste verlegerische Heimat, die Liste der Verlegten liest sich beinahe wie ein „Who is who“ der deutschen Comicprominenz: Lillian Mousli, Atak, Fil, Ol, Anke Feuchtenberger, Tom und viele andere mehr. Dieser Tage erschien mit „Spit-City“ von Teer nun ein weiteres preisgünstiges Heft eines jungen, außergewöhnlichen Comicschaffenden.

Teer, Jochen, HamburgDer 1971 in Bruchsal geborene Wahlhamburger Teer ist ein Grenzgänger zwischen den Bereichen Comics und Malerei, was man nicht unbedingt seinen Bildgeschichten, sondern vielmehr seinen malerischen Arbeiten anmerkt. Und das ist auch gut so, denn seine schwarz-weißen Comics besitzen eine überaus starke und nachhaltige zeichnerische Ausdruckskraft. Teer beherrscht das Wechselspiel zwischen schwarzen und weißen Flächen vortrefflich, geschickt setzt er dabei Schraffuren ein, das Layout der Seiten zeugt von großer Kenner- und Könnerschaft, und überhaupt spürt der Leser/Betrachter in jedem Panel Teers Liebe zum Medium, beispielsweise wenn er als Soundwort für den Pistolenschuß eines Hinrichtungskommandos "Penis“ statt „Peng!“ wählt.
Ja, es geht wirklich hoch her in Spit City, dem Moloch, der Polizeipolis, Panel für Panel. Der Bürgermeister ist wie in Entenhausen - zumindest im übertragenen Sinne - ein Schwein, die Gefängnisse sind voll, Drogen alltäglich, Leid und Elend allgegenwärtig, Analogien erwünscht. Kein Wunder, dass die Anarchie in einem solchen Umfeld seltsame Blüten treibt. Teer beweist dies mit dem Höhepunkt des Heftes, der bittersüßen Romanze „Sally liebt die Menschheit", einer eindringlich erzählten und wundersamen Liebesgeschichte um zwei Bombenleger. Der zweite Teil des Heftes, der Auftakt einer weiteren Episode aus dem Leben in Spit City, kann da bislang noch nicht ganz mithalten, aber wir sind ja auch erst am Anfang der Handlung und sie wird sicherlich noch einige überraschende Wendungen für uns bereit halten.



Teer, Jochen, HamburgKennern der Materie ist Teer übrigens seit längerem ein Begriff, in seinem Eigenverlag EGO erschienen unter dem Titel "Wahre Seiten für harte Zeiten“ bereits drei Zusammenstellungen mit früheren Comicarbeiten von ihm. Auch diese Sammelbände sind überaus lesens- und empfehlenswert und dokumentieren zugleich Teers Werdegang sehr genau. Deutlich kann der Leser/Betrachter so verfolgen, wie der wilde und expressive frühere Zeichenstil mit der Zeit immer klarer und ausgereifter wurde, aber auch erzählerisch hat Teer erhebliche Fortschritte gemacht, seine aktuelleren Bildgeschichten sind viel ökonomischer erzählt, Bild und Text harmonieren nun hervorragend miteinander, während die Panels früher häufig bloß wie Wortillustrationen erschienen. Insofern sind die drei Bände auch ein gutes Anschauungsmaterial für künftige oder noch nicht vollentwickelte Comiczeichner.
Diese finden vielleicht in „Klinik", der Comic-Anthologie des EGO-Verlags, ein Forum. „Klinik“ versammelt bizarre, zum Teil ausgesprochen krude, aber durchweg bemerkenswerte Comics, Cartoons und Erzählungen. Besonders auffällig sind hier die Bildgeschichten von Jule K., die mit „Strange Girls" ebenfalls schon einen Soloband im EGO-Verlag veröffentlicht hat.

Die Tuschezeichnungen von Jule Kruschke, geboren 1974 in Lemgo und Herausgeberin der Heftreihe „Lovesick", wirken wie Arbeiten aus dem Kunstunterricht, sind verspielt, naiv und im besten Sinne des Wortes dilettantisch - und erinnern mitunter ein wenig an die sehr frühen Arbeiten von Minou Zaribaf, die mit ihren Bildgeschichten seinerzeit Andreas Michaelkes unvergleichliches Comicegozine „Artige Zeiten“ bereicherte. Dieser sehr ungezwungene, auf Konventionen keinen Wert legende Zeichenstil von Jule K. korrespondiert glänzend mit der in „Strange Girls“ erzählten Geschichte um „Freundschaft, Liebe, WG's, Musik, Drogen, Zeugen Jehovas und Gehirnschäden", die Autorin erzählt frei und offenherzig in einem sehr persönlichen Ton mit sehr viel Charme und Witz.

Jule K., EGO, Hamburg
Auf dem ersten Blick bilden Jule K.s dilettantische Bildgeschichten einen Gegensatz zu den handwerklich perfekten Comics von Teer, doch der Kontrast ist kein Widerspruch, vielmehr zeigt er exemplarisch die Stärken und vielfältigen Möglichkeiten des Mediums. Comics sind zum einen eine durchaus ernsthafte und ernstzunehmende Erzählform, gleichwohl bieten sie auch Freiräume für ein unbekümmertes, „naives“ Erzählen. Jule K.s Geschichten wären als literarische Texte sicherlich unverdaulich, doch in Comicform sind sie äußerst reizvoll und verführerisch und unterhaltsam.


Übrigens hat Jule K. auch Beiträge in der hübschen, von Lillian Mousli und Evelin herausgegebenen Comicreihe „Fräuleinwunder" veröffentlicht, verlegt von - na wem wohl? - Jochen Enterprises! Ja und damit schließt sich der Kreis. Solange es weiterhin so ambitionierte und engagierte Verlage wie EGO oder Jochen Enterprises gibt, muß dem hiesigen Comicfan wirklich nicht bange sein. Weiter so!

PS:

Eine Schande. Jochen Enterprises - die Gesellschaft zur Förderung intelligenter Unterhaltung - hat die Segel gestrichen, ihr Versagen erklärt, aufgegeben.
Keine neuen Jochen Comics mehr.

Umso wichtiger:
Reprodukt
Schwarzer Turm
Zwerchfell Verlag