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Marc Degens: ERIWAN




September 2000
Marc Degens
für satt.org


Playmobilcomics von
Rainer Willingstorfer

1977/1978
Playmobil
Merchandising GmbH (Zirndorf)

Playmobil im Netz unter www.playmobil.de
YPS im Netz unter
www.yps.de

"Menschen funktionieren nicht!"

Hat sich der Spaß auch gelohnt?Die Gnade der späten Geburt traf die Generation, die zur Zeit des nationalsozialistischen Regimes so kindisch war, daß sie den Holocaust nicht aktiv oder passiv unterstützen konnte. Über die meisten Personen, die diese Gnade wortgewandt für sich in Anspruch nehmen und nahmen, kann man allerdings mutmaßen, daß diese im Banner des Hakenkreuzes begeistertete Mitläufer geworden wären. Ich und alle anderen lebenden Vertreter meiner Generation kamen auch in den Genuß einer Gnade; nämlich in die Gnade der Geburt. Im Zeitalter der zwar rezeptpflichtigen, dennoch unkomplizierten Verhütung war für viele in der Entstehung befindlichen Lebewesen der Akt der Niederkunft eine besondere Gunst, denn etliche Bälger und heutige Mitzwanziger verschwanden spurlos im mysteriösen Pillenknick. Obwohl ich aus einer unehelichen und dazu noch protestantischen Verbindung stamme, wurde ich geboren und möchte mich hierfür an dieser Stelle ein weiteres Mal aufrichtig bei meiner Mutter bedanken. Nur aufgrund meiner Geburt konnte ich eine unbeschwerte Kindheit mit unzähligen Yps-Heften und mit über hundert Playmobilfiguren als Spielkameraden genießen.

Die ursprüngliche Anonymität dieser Playmobilfiguren fasziniert mich bis heute. Während man beim Kauf vielerlei Spielfiguren (z.B. Barbie oder Ken oder HeMan) immer schon ihre sozialen Identitäten (Name, Herkunft, Beruf) mitgeliefert bekommt und diese Wesen einzig als homo sociologicus, also als zugeschriebene, rollenspielende Wesen in einfachen Reiz-Reaktionsschemata auftreten können, erhält man beim Kauf der Playmobilfiguren allein das Geschlecht und bestenfalls noch ihre gesellschaftlichen Funktionen als Information zugeteilt. Den Rest müssen sich die Playmobilfiguren im Handlungsvollzug selbst erwerben. Statt Charaktere erwirbt man Berufe; Wesen also, die sich ebenso nackt und entindividualisiert wie die Protagonisten in den Schriften von Franz Kafka präsentierten. Man weiß, daß der Sheriff männlich und Sheriff ist; ob er aber trinkt, verheiratet oder aidskrank ist, weiß man nicht. All diese Eigenschaften müssen im kreativen Spiel erst noch herausgestellt werden. Das Rollenverständnis und ihre Historie erwirbt die Figur also durch die Wechselwirkungen zwischen Aktivitäten, Interaktionen, Gefühlen und Normen zu anderen Figuren. Diese unauflösbare Verschränkung von Innen und Außen, von Individualität und Sozialität, geben dem Spiel eine ungemein realistische Komponente. Bei Novalis heißt es: "Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft" ; und bei Sigmund Freud: "Jede Gesellschaft ist ein umfangreicher Mensch". Vielleicht ist dieser sozialisationsschaffender Wesenszug des jungen spielenden Menschen ein Indiz auf eine spätere geistig oder schöpferische Tätigkeit, denn ich kenne viele Comiczeichner, Autoren, Maler und Musiker, die in ihrer Kindheit viel mit Playmobil gespielt haben, so wie ich auch viele technisch versierte Personen wie Architekten, Maschinenbauer oder Physiker kenne, die sich mehr zu Lego oder Fischertechnik hingezogen fühlten.

Unter Beachtung dieser Überlegungen verwundert es nicht, daß sich Playmobilfiguren hervorragend als literarische Protagonisten eignen, denn Literatur ist nichts anderes als dieses beschriebene Spiel, also Einführung und Charakteristik von Personen durch fiktive Interaktionen. Es verwundert allerdings, daß ein begnadeter Comiczeichner und -autor, der sich dieses Spieles annahm, weithin in Vergessenheit geriet. Ich spreche von Rainer Willingstorfer, der von 1977 bis Februar 1978 für die Playmobil-Merchandising GmbH (Zirndorf) zwei wunderbar farbige und achtundvierzig Seiten lange Broschüren textete und zeichnete. Wenn man davon ausgeht, daß der Qualitätsgrad eines Comiczeichners sich nach der Beherrschung seiner Figuren richtet, dann ist Willingstorfer ein Meister seines Faches. Seine Zeichnungen bestechen durch einen Realismus, den man selten findet. Jede Szene stellt sich so dar, daß man sie mühelos mit echten Playmobilfiguren nachstellen könnte. Willingstorfer richtet seine Zeichnungen haargenau auf die Anatomie der Figuren aus - es gibt kaum einen Zeichner, der die Natur so genau betrachtet und abbilden kann wie er. Darüberhinaus vermag er atmosphärische Geschichten und Konflikte glaubhaft und spannend dicht aufzubauen.
So etwa in seinem ersten Album Goldrausch in Klickytown: In einem verschollenen Teil des Wilden Westens steht die verschlafene Kleinstadt Klickytown unter dem schützenden Stern des etwas vertrottelten Sheriffs McKlick. Alles geht in diesem letzten Stück Heile Welt seinen gewohnt friedlichen Gang, bis eine Goldader in der Nähe der Stadt entdeckt wird, die das bekannte Goldfieber, welches bereits Dagobert Duck 1898 in Klondike erfaßte und bereicherte, ebenso schnell wie den Ebola-Virus unter den sanftmütigen Einwohner Klickytowns ausbreiten läßt. Doch auch finstere Gestalten, etwa die grausame Blacky-Bande, zieht das teure Edelmetall wie Butter das Brötchen an. Unbarmherzig rauben die Gangster die hart schuftenden Schürfer aus und flüchten Richtung Mexiko. Die gebeutelten Goldsucher werden daraufhin von Indianern entführt, die annehmen, daß die weißen Siedler statt Gold Kriegsbeile ausgruben. Sheriff McKlick beauftragt nach Besichtigung des Tatortes die Kavallerie mit der Verfolgung der Indianer. In der Zwischenzeit zieht die Blacky-Bande ihre blutige Spur quer durch den Wilden Westen. Willingstorfer erschafft in diesem Band ein realistisches Szenario, das den besten Beispielen der Wild-West-Literatur folgt. Die drei Handlungsstränge sind elegant ge- und verknüpft und führen letztendlich doch zu einem glücklichen Ausgang.

Das zweite Comicalbum Schwere Zeiten für Bieberstein spielt 1520 in der Zeit der ersten Erdumsegelung durch Fernao de Magalhaes und variiert lustvoll den Robin Hood-Mythos. Statt der Akzentuierung eines einzigen Protagonisten verdeutlicht diese Geschichte allerdings die Stärke einer solidarisierten Gemeinschaft. Der rechtmäßige und gerecht handelnde König Klaus verließ zur Verteidigung des Vaterlandes seine Schutzbefohlenen und übertrug seinem habgierigen Bruder Roderich die Regierungsgewalt, die dieser schamlos ausnutzt. Roderich tyrannisiert, wie unser Finanzminister Waigel, das idyllische Mittelalterstädtchen Bieberstein mit unerfüllbaren Steuerforderungen und willkürlichen Sonderabgaben. Seine Soldaten erpressen die friedfertigen Handwerker und Bauern und schrecken noch nicht einmal vor Entführungen und Vergewaltigungen zurück. Unter der Führung des smarten Grafen Trix vom Kastell, der Trickreiche, formiert sich massiver Widerstand gegen das organisierte Verbrechen. Als schließlich König Klaus aus dem Kriege siegreich zurückkehrt, setzt er sich an die Spitze der Partisanengruppe, um seinen bösen Bruder vom Thron zu stoßen und das Land in einen Hort der Gerechtigkeit zurückzuverwandeln.

In diesen beiden Abenteuern lotet Willingstorfer die Grenzen des Mediums Comic aus. Leider konnte der bereits angekündigte dritte Band Feuermobil auf heißer Spur aus mir unerfindlichen Gründen nicht erscheinen, obwohl es nach den beiden historischen Alben sehr interessant zu lesen gewesen wäre, wie Willingstorfer die Gegenwart beleuchtet hätte. Auch wenn die Reihe "playmobil comic" nicht den gewünschten finanziellen Erfolg erbrachte, setzte sich der Zeichner und Texter ein unumstößliches Denkmal. Ich kann nur jedem Leser die Anschaffung dieser Bände ans Herz legen und hoffen, daß Willingstorfer endlich die Ehre erhält, die er sich erzeichnet und erschrieben hat. Vielleicht aber werden auch neue Generationen von Comiczeichnern die Playmobilfiguren für sich entdecken und neue Abenteuer erschaffen, denn diese Figuren bieten das Potential für viele wunderbare neue Geschichten. Daß bis heute noch keine Geistlichen in einer Playmobilfigur verewigt wurden, wird einige Zeichner allerdings zurückschrecken lassen.

Zum Schluß noch eine Anekdote: Auf dem 2. Internationalen Comic Festival in Hamburg streifte eine karrierebewußte Frau durch die weiträumigen, doch schlecht besuchten Deichtorhallen und suchte animationsfähiges Comicmaterial für Fernsehzeichentrickfilme. Selbstredend führte ihr Weg auch an dem Jochen-Stand vorbei. Mit Dirk und Torsten über ihre Pläne plaudernd, bemusterte sie die herrlich bunte, wild-sanfte Angebotspalette. Als sie den poetisch erzählten und gestalteten Alice-Band von ATAK aufschlug, erschrak sie und rief ins weite Rund: "Menschen funktionieren nicht!".