Charles-Louis Philippe:
Bubu vom Montpanasse | Croquinole
Charles-Luis Philippe (1874-1909) war Angestellter bei der Pariser Stadtverwaltung. Sein Thema als Autor sind eben die kleinen Angestellten, ebenso die Huren und ihre Zuhälter im Paris der Jahrhundertwende. Manesse hat zwei seiner kurzen Romane in der »Bibliothek der Weltliteratur« neu übersetzt herausgebracht: »Bubu vom Montparnasse« und »Croquinole«, zwei herzzerreissende Milieustudien aus dem Bauch von Paris. Seine Sympathien gehören vor allem den Frauen, die ausgebeutet werden, keine Möglichkeit haben, sich den Verhältnissen zu entziehen und dabei auf der Strecke bleiben.
Der zwanzigjährige Zeichner Pierre Hardy, neu in Paris, leidet unter seiner Einsamkeit. Ganz Paris feiert ausgelassen den 14. Juli, nur er schleicht einsam über die Boulevards, erfüllt von der unbestimmten Hoffnung, einmal ein Mädchen kennenzulernen. Er trifft Berthe: »Er lächelte, weil sie freundlich war und Haarschleifen trug.« Die »kleine Frau« wächst ihm ans Herz, weil sie sich gar nicht benimmt wie eine Hure. Und dass er sie für nur 5 Franc haben kann, erhöht den Genuss des Zusammenseins. Berthe muss Geld ranschaffen, für sich und ihren Luden Maurice, genannt Bubu. Der behandelt sie herzlos bis grob. »Er ohrfeigte sie in der Überzeugung, daß eine Ohrfeige das Gefühl für Wahrheit in ihr stärken würde.«
Das ist die Welt, wie Bubu sie sieht. Ihren Regeln können die Figuren nicht entrinnen. Auch Berthe weiß, wie es zugeht: »Ein Mann ist ein Herrscher, der uns schlägt, um uns zu zeigen, dass er der Herr ist, der uns aber auch im Augenblick der Gefahr zu verteidigen versteht.«
Von der fiebrigen Atmosphäre der Boulevards führt die Geschichte hinter die Bühne der scheinbaren Vergnügungen. Philippe erspart uns kein Detail des elenden Daseins seiner Figuren. Er zeigt die Abhängigkeiten und Grausamkeit einer Welt, in der man zuerst leben muss, bevor man sich Gefühle leisten darf.
Für Berthe und Pierre immerhin scheint es gut auszugehen: Berthe sucht sich eine anständige Arbeit und verbringt innige Nächte mit Pierre. Doch dann kommt Bubu aus dem Gefängnis - und er hat nicht die Absicht, seinen Besitz einem Anderen zu überlassen …
Der zweite Roman, »Croquinole« erzählt von der Welt der kleinen Angestellten. Von der monotonen Arbeit im Büro, der Kauzigkeiten derer, die sich tagelang an ihren Schreibtischen langweilen. Nur ein kleines Fenster gibt den Blick frei auf das Leben draußen - aber es ist so klein, dass man gerade mal die Nasenspitze an die frische Luft strecken kann. Dem dicken, beliebten Großmaul Croquinole ist das nicht genug. Er will das Leben und die Frauen mit beiden Händen packen. Zu seinem Glück erbt er viel Geld, das er mit vollen Händen ausgibt. Er lädt die Kollegen zum Essen ein, leistet sich eine teure Geliebte und lässt es sich gutgehen, ohne nachzudenken.
Die Näherin Angèle dagegen hat kaum Aussicht, aus ihrem Leben auszubrechen. Tag für Tag, vom Morgen bis zum Abend, sitzt sie in ihrer Dachkammer an der Nähmaschine. Durch Croquinoles Geliebte lernt sie dessen schüchternen Arbeitskollegen Claude kennen. Wieder scheint sich alles zum Guten zu wenden, doch Croquinole, der es nicht so genau nimmt mit den Frauen, verführt die unerfahrene Angèle. Das Ganze endet schrecklich, wie könnte es anders sein?
All das beschreibt Philippe realistisch und farbig, er versetzt den Leser ins Paris des erlöschenden 19. Jahrhunderts, auf die hellerleuchteten Straßen, in die schäbigen Mansarden, die drückenden Schreibstuben. Das unausweichliche Schicksal, das seine Figuren in den Untergang führt, erscheint als Kette von gesellschaftlichen Verhältnissen: Zahnräder, die ineinander greifen und eine grausame Maschine in Gang setzen, die alle Beteiligten zerquetschen wird.