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Marc Degens: ERIWAN


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Und für Leute, die überhaupt nicht lesen können, ist die Zigarette durchgestrichen.

 … … … …..Haffmans Verlag
 … … … …..Zürich 1999
 … … … …..164 Seiten, sw
 … … … …..DM 28,00
von Tex Rubinowitz

Marc Degens
für satt.org

Kochsalz machte mich zu dem was ich bin
Eine Überdosis Tex Rubinowitz

Die Schallplatte 'Die majestätische Ruhe des Anorganischen' von Max Goldt aus dem Jahre 1984 gehört wahrscheinlich zu den wunderbarsten und wundersamsten Erzeugnissen, das jemals ein deutsches Preßwerk verlassen hat. Vinyl-Puristen, die sich glücklich schätzen, im Besitz des raren Tonträgers zu sein, werden der späteren CD-Wiederveröffentlichung wohl die kalte Schulter zeigen und irgendetwas vom größeren Cover und erregend-mystischen Moment des Plattenwendens brabbeln, die Traditionalisten übersehen allerdings, dass die CD einen Bonustrack enthält, eine bizarre O-Tonaufnahme, die allein schon die Anschaffung eines CD-Players rechtfertigt. Auf diesem wahrlich bizarren Sprachdokument nutzt ein leicht beschwipster und völlig verarmter Wahlwiener, der sich als Herausgeber der 'Amerikanischen Krankenhauszeitung' vorstellt, den Besuch einer privaten Festivität dazu, zwei ausgedehnte Auslandsgespräche mit Max Goldts Anrufbeantworter zu führen. Der Mann nennt sich Tex Rubinowitz, und wer seinen sympathisch-säuselnden Monologen lauscht, wird nachvollziehen können, dass diese erste zarte Kontaktaufnahme nicht folgenlos blieb und Max Goldt und Tex Rubinowitz mittlerweile eine tiefe Freundschaft verbindet. Einigen Menschen mag der 1955 geborene Lüneburger auch aufgrund seines seltsamen Kurzauftritts in der US-Kinoschnulze 'Before Sunrise' mit Julie Delpy und Ethan Hawke im Gedächtnis geblieben sein, doch landläufig bekannt ist Tex Rubinowitz vorrangig als Zeichner skuriller Witzbilder, die im Wiener 'Falter', im 'Standard', in der 'Zeit' oder im Satiremagazin 'Titanic' erscheinen.
Mehrere Bücher versammeln bereits seine aberwitzigen Cartoons, das jüngste von ihnen hat den eingängigen Titel 'Und für Leute, die überhaupt nicht lesen können, ist die Zigarette durchgestrichen' und vereint "ca. 213 Witze und 3 Novellen" in der für Rubinowitz typischen genial-dilettantischen Machart.

Seine Arbeiten zeichnet eine gewisse Unverbindlichkeit aus, die schnörkellosen Zeichnungen wirken häufig wie zwischen Tür und Angel gefertigt, es sind Gebrauchsgrafiken im wahrsten Sinne des Wortes. Der Eindruck des Schlampig-Unmanierierten, der bei Rubinowitz durchaus Methode hat, wird in dem vorliegenden Buch noch dadurch unterstrichen, dass die Einbildgags durchweg auf blaukariertem Rechenkästchenpapier abgedruckt sind. Tatsächlich könnten die meisten Zeichnungen auch direkt aus dem Physikheft eines gelangweilten Pennälers stammen, wenn die Dialoge und Bildunterschriften, wie etwa die grandiose Wechselrede zwischen einem Patienten und seinem Arzt (Patient: "Die Hallenleichtathletik-EM findet in mir statt dieses Jahr - das ist weitaus angenehmer als Gallensteine" - Arzt: "Das entscheide immer noch ich"), nicht teilweise von einem so abstrusen und altersstarrsinnigen Humor zeugen würden, der kaum einem Schülerhirn entspringen mag - und der in der deutschsprachigen Cartoonlandschaft wahrlich beispiellos ist.

Dennoch ist das Buch nur bedingt zu empfehlen, geballt wirken die überspannt-abgedrehten Gags oft leider beliebig und austauschbar, das Vorläufige der Zeichnungen verleitet überdies zum hastigen Um- und Überblättern. Dass Tex Rubinowitz es besser kann, hat er schon häufig bewiesen, am eindrucksvollsten wahrscheinlich in dem mit Kim Novak verfaßten Comicband 'Die Invasion der grünen Fussel' aus dem Jahre 1986. Insofern ist 'Und für Leute, die überhaupt nicht lesen können, ist die Zigarette durchgestrichen' in erster Linie ein Werk für ausgewiesene Rubinowitz-Fans, jungfräuliche Leser aber laufen schlichtweg Gefahr, gleich eine verderbenbringende Überdosis zu erwischen.

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