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Marc Degens: Verführung der Unschuldigen. Roman



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Nick Knatterton
Die Jubiläumsausgabe

 … … … …..Lappan Verlag
 … … … …..Juni 1998
 … … … …..216 Seiten, sw
 … … … …..49,80 DM
von Manfred Schmidt

Marc Degens
für satt.org

Busen, Bomben und Brillanten

Endlich komplett: Die aufregenden Abenteuer des Meisterdetektivs Nick Knatterton

Die von 1950 elf Jahre lang wöchentlich in der Illustrierten 'Quick' abgedruckte Detektivserie 'Nick Knatterton' ist fraglos nicht nur der wichtigste deutsche Beitrag zum Fortsetzungscomic, gleichwohl ist deren Schöpfer Manfred Schmidt wahrscheinlich auch der bedeutendste deutschsprachige Comicschaffende seit dem Kriegsende. Bedeutend allein schon deshalb, weil seine Serie hierzulande maßgeblichen Anteil an der Etablierung des relativ jungen Mediums hatte. Doch obgleich sich die Bildgeschichten in Deutschland seit Anfang der Fünfziger Jahre einer stetig wachsenden Beliebtheit erfreuen, - gerade heute kann der Interessierte aus einem vielfältigen und schier unüberschaubaren Fundus schöpfen, - mangelte es bis vor kurzem noch an wahrlich einflußreichen und innovativen deutschen Comicproduzenten: Hansrudi Wäschers Abenteuergeschichten um Sigurd, Nick oder Falk kann man heute überhaupt nur noch durch die Nostalgiebrille betrachten, Rolf Kaukas 'Fix und Foxi' waren bloß ein lauer Abguß des Entenhausener Kosmos‘, die von Hannes Hegen (Johannes Hegenbarth) geschaffenen Digedags stehen primär in der Tradition frühester Bilderzählungen, und Reinhold Eschers Mecki war zwar niedlich, aber darüberhinaus auch nicht viel mehr. Dies hat sich seit rund fünfzehn Jahren GottseiDank geändert, - etliche deutsche Zeichnerinnen und Zeichner produzieren gegenwärtig Bemerkenswertes und wahrlich auch Außergewöhnliches, - dennoch ist ein Comicschöpfer des Schlages Manfred Schmidt bislang noch nicht auszumachen - trotz Ralf König, Hendrik Dorgathen, Anke Feuchtenberger, Brösel, Atak, Walter Moers und Bernd Pfarr. Denn Schmidts Bildgeschichten waren nicht nur innovativ, sondern zugleich auch massentauglich; zwei Eigenschaften, die heutzutage immer mehr auseinanderklaffen. All diese Ehrerbietungen werden den inzwischen 85jährigen, fast blinden und geschmacks- und geruchsverlustigen Manfred Schmidt freilich kaltlassen, denn er hält Comics immer noch 'für die primitivste aller Erzählungsformen, geschaffen für Analphabeten oder zumindest für Konsumenten mit nur bescheiden möblierten Oberstübchen'. Dieser negative Antrieb war es auch, der Schmidt 1950 zur Schöpfung seines großkarierten und kombinationssicheren Meisterdetektivs veranlaßte, welcher sich in achtzehn abstrusen Abenteuern mit so phantastischen Schurken wie Angelo Scampi oder Mi-Tse Meyer herumschlagen mußte. Denn der Bremer Pressezeichner wollte seinerzeit bloß eine abschreckende Persiflage auf die amerikanischen Superheldencomics schaffen, doch der Schreckschuß ging gehörig nach hinten los: Nick Knatterton - der damalige 'Quick'-Humor-Redakteur Anton Sailer gab der Serie nur eine Lebensdauer von acht Wochen - fand bei den Lesern sofort enormen Anklang, die Illustrierte erlebte durch ihn eine beachtliche Auflagensteigerung, die Populärität der Figur wuchs von Ausgabe zu Ausgabe, und seine Dauereinleitung 'Kombiniere:' ging sogar in die bundesdeutsche Alltagssprache ein. Die Parodie entpuppte sich somit als Pioniertat, schon 1952 erschienen die ersten Knatterton-Comicbücher, und kurz darauf gab es sogar Knatterton-Puppen, Knatterton-Malbücher, Knatterton-Schnaps und schließlich auch einen biederen Spielfilm mit Karl Lieffen in der Titelrolle.

Mehr als fünfunddreißig Jahre nach dem Ende der Serie erschien dieser Tage nun eine sorgfältig edierte Jubiläumsausgabe, die zum ersten Mal sämtliche 'aufregenden' Abenteuer des Meisterdetektivs - ansprechend reproduziert - enthält: vom 'Schuß in den künstlichen Hinterkopf' bis hin zum 'Geheimnis der Superbiene'. Und der Sammelband verrät, was die Serie, von der pro Woche jeweils zwei Streifen veröffentlicht wurden, neben den kurzweiligen und einfallsreichen Handlungen so populär werden ließ. Denn zum einen ist 'Nick Knatterton' ein leicht verstaubtes Panoptikum der bundesdeutschen Wirklichkeit der 50er Jahre. Manfred Schmidt, dessen Zeichnerkarriere 1933 auch aufgrund der Berufsverbote seiner jüdischen Kollegen begann und der im Zweiten Weltkrieg regelmäßig für das Propagandaministerium und die Wehrmacht arbeitete, nähert sich dem Wirtschaftswunderland auf humoristische Weise und schmunzelt über den einsetzenden Italientourismus ebenso wie über die deutsche Wiederbewaffnung. All dies auf eine so augenzwinkernde, harmlose Art, daß sich die Angesprochenen durchaus geschmeichelt fühlen können. Seine Zeichnungen sind außerdem sehr gefällig; Manfred Schmidt verfügt über einen geübten, frechen, der Karikatur verhafteten Strich, den er liebevoll und detailreich einsetzte: insbesondere bei der Gestaltung weiblicher sekundärer Geschlechtsteile, was mancherorts wiederum zu heftigen Kontroversen führte. Eine CSU-Stadträtin etwa sprach so öffentlich von einer 'Unzucht auf Kinderfahrscheinen', als sie die von Manfred Schmidt verzierten Billets der Münchener Verkehrsbetriebe in Händen hielt.

Andererseits, und das macht die Lektüre auch heute noch lesenswert, sind die Knatterton-Abenteuer comicspezifisch sehr eigenwillig. In seinen Bildgeschichten begnügte sich Schmidt nicht nur mit den bis dahin üblichen Schwarzweißkontrasten, sondern gab seinen Zeichnungen durch Grauabtönungen plastische Tiefe. Damit erkennt man in Nick Knatterton einen Vorläufer der graugemalten Comics; eine mittlerweile gängige Arbeitstechnik, die insbesondere der Franzose Jaques Tardi zur Meisterschaft weiterentwickelte. Darüberhinaus erweiterte Schmidt die herkömmliche Darstellungswelt der Bildgeschichten und arbeitete in seine Comics Stadtpläne, Querschnitte und technische sowie schematische Zeichnungen ein, die allesamt ebenso grotesk und skurril wirken wie die zahlreichen, das Geschehen erläuternden Textkästchen. Denn da Manfred Schmidt das Medium nicht ernstnahm, konnte er sich auch spielerisch über dessen Grenzen hinweg- und neues Terrain besetzen. So findet sich vieles, was der heutige Comicleser als Selbstverständlichkeit hinnimmt, bei Schmidt zum ersten Mal. Die Charaktere entwickeln sich beispielsweise, Knatterton heiratet im Laufe der Geschichten oder bildet etwa aus (seinen Filius Toni Knatter), und selbst die Bösen sind nie wirklich böse, so wie auch die Guten - bis auf Nick Knatterton selber - nie wirklich gut sind: Denn Schuld an allem Übel haben stets nur die Verhältnisse, d. h. der Staat und die vermaledeite (Steuer-)Politik. Insofern ist Nick Knatterton zugleich auch ein aberwitziges Mahnmal der Politikverdrossenheit der skeptischen Nachkriegsgeneration.

1961 hatte Manfred Schmidt von seiner Comickarriere endgültig genug, er schickte seine Figur in Rente, verfaßte von da an noch mehrere Reisetagebücher und produzierte in seinem Trickfilmstudio einige (musikalisch hinreißend untermalte) Nick Knatterton- und sämtliche Mordillo-Kurzfilme. Und 1981 produzierte der Bayrische Rundfunk eine dreizehnteilige Fernsehdokumentation zum Thema Comics, die ausgerechnet der ausgewiesene Comic-Verächter Schmidt moderierte - was man der Reihe auch anmerkt. Doch seine Erfolgsfigur haben die Leser zurecht nie vergessen - noch in den Achtziger Jahren warb der Coca Cola-Konzern mit Knatterton-Konterfeis für seine Kombi-Kisten. Die eben erschienene Gesamtausgabe lädt alte und neue Leser ein, den einzig lohnenswerten deutschen Nachkriegscomicklassiker (erneut) zu besichtigen. Und wem dies nicht reicht, der hat in München derzeit die Gelegenheit, eine ausführliche Ausstellung über Nick Knatterton und dessen Schöpfer zu besuchen und den ausgesprochen informativen Begleitband zu erstehen.

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