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Love & Rockets X

 … … … …..Edition Moderne/Reprodukt
 … … … …..Zürich/Berlin 1998
 … … … …..60 Seiten, sw
 … … … …..DM 29,80
von
Gilbert Hernandez

Marc Degens
für satt.org

Die Punkmoderne
Im Jederland zwischen Palomar und Los Angeles
'New Comics' - dieser Begriff tauchte Anfang der 80er Jahre in Amerika auf und bezeichnete Bildgeschichten, die sich primär der sinnlichen Alltagsästhetik, der Spontaneität, Subjektivität und Jugendkultur verpflichtet fühlten. Dies war freilich im alternativen Comicsektor keine Revolution, denn schon die Undergroundcomix-Pioniere der 60er Jahre (wie Robert Crumb, Victor Moscoso oder Gilbert Shelton) verfolgten ein ähnliches inhaltliches Programm, doch anders als ihre Vörgänger hatten die neuen Zeichner/Autoren ein gänzlich anderes Verhältnis zu ihrem Medium. Während die nicht-etablierten Produzenten der ersten Stunde mit ihren Werken eine Gegenkultur zur bürgerlichen Welt und auch zu den konventionellen Bildgeschichten - die ihrer Meinung nach bloß Ausdruck einer kapitalistischen und faschistischen Weltordnung waren (Imperialist Dagobert Duck, Wunderkrieger Superman) - aufbauen wollten, betrachteten die 'New Comics'-Schaffenden ihr Medium durchaus als legitimes, künstlerisches Ausdrucksmittel und legten ihre eigenen Wurzeln offenherzig frei ('Donald statt Ronald'). Geschwätzt, gekifft und gefickt wurde zwar weiterhin hier wie dort, doch unverkennbar hielt die Selbstreferentialität ihren Einzug in die alternative Comicliteratur: Der Mainstream war kein Feindbild mehr, und Comics plötzlich Kunst.

Die Brüder Jaime und Gilbert (Beto) Hernandez gelten mit ihrer 1981 gegründeten und 1996 eingestellten Heftserie 'Love and Rockets' als die einflußreichsten Vertreter der 'New Comics'-Bewegung. Ihre Bildgeschichten kreisen um Musik und Freundschaft, Punk und Drogen, Liebe und Tod, große Gefühle und derben Jux, und ihr Zeichenstil machte sie unverwechselbar. Fast niemand in der heutigen Comiclandschaft verfügt über einen so eleganten, erotischen Strich, beherrscht das Spiel mit schwarzen und weißen Flächen so gekonnt und gestaltet die Panels so klar und sauber wie die 'Los Bros Hernandez'. Ihr Name wurde zu einem Gütesiegel, 'Love and Rockets' ein Meilenstein der jüngsten Comicgeschichte. Auch inhaltlich schufen die Brüder Bahnbrechendes. Ihre anfänglich noch kürzeren Geschichten gehorchen einem streng chronologischen Aufbau, die vielen, augenscheinlich unabhängigen Episoden bildeten nach und nach einen schier unüberschaubaren Kosmos, in dem jedes einzelne Schicksal mit dem der anderen korrespondierte. Die Los Bros Hernandez erlaubten zudem ihren Figuren, zu altern, dicker zu werden und ihre Frisuren, ihr Äußeres und ihre Ansichten nach jeweiligem Gusto zu verändern.

Während sich Jaime in seinen Comics ganz den Erlebnissen einer Jugendgang in einem Vorort von Los Angeles widmet, berichtet sein älterer Bruder Gilbert vorrangig aus dem fiktiven mexikanischen Ort Palomar. In seinem Meisterwerk 'Blut von Palomar' verbindet Beto auf knapp 100 Seiten mehr als dreißig Einzelschicksale zu einem dichten, spannenden Epos: Kaum ein anderer Comicschaffender der Gegenwart kann auf so wenigen Seiten so intensiv und ökonomisch erzählen wie Gilbert Hernandez; jedes einzelne Panel hat seine Bestimmung, ist zwangsläufig - ohne daß ruhigere oder turbulente Erzählpassagen in ihrer Atmosphäre und ihrem Lesefluß gestört werden.

Sein jüngstes in Deutschland erschienenes Werk 'X' knüpft direkt an 'Blut von Palomar' an und präsentiert noch mehr Personen auf noch weniger Seiten. Allerdings stieß Gilbert Hernandez in diesem gut übersetzten und vom besten deutschen Letterer Dirk Rehm (dem gleichzeitigen Mitherausgeber) handgeletterten Band auf seine natürlichen Grenzen. Nicht alle Figuren können sich so frei und seelenvoll entfalten wie in dem Vorgängeralbum, manches bleibt ohne Vorkenntnisse einfach unklar. Trotzdem ist 'X' ein wunderbarer Comic, der diesmal hauptsächlich in Los Angeles spielt und von einem zärtlichen Vater-Tochter-Konflikt, den Schwierigkeiten mexikanischer Auswanderer, mehreren aufregenden Liebesgeschichten und von rassistischen Ausschreitungen berichtet. Gemixt mit dem üblichen Soundtrack ergibt sich daraus ein authentisches Zeugnis der amerikanischen Jugendkultur unserer Tage. 'X' ist ein 'Muß' für Fans, ein 'Soll' für alle anderen.

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