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Schreibheft 51

 … … … …..Rigodon-Verlag
 … … … …..Essen 1998
 … … … …..232 Seiten, sw
 … … … …..17,- DM
Herausgegeben von
Norbert Wehr

Marc Degens
für satt.org

Unversöhnt vereint!
Das 'Schreibheft' widmet den Comics eine Ausgabe
Keine andere deutschsprachige Literaturzeitschrift hat sich in den letzten Jahren um die literarische Moderne Europas und Amerikas so verdient gemacht wie das Essener 'Schreibheft'. Mit beinahe detektivischem Spürsinn verfolgten die Macher Norbert Wehr und Hermann Wallmann jede noch so heiße oder kalte Fährte und präsentierten Ausgabe für Ausgabe nicht nur aufregende und bis dahin zu Unrecht vernächlässigte Gegenwartsautoren wie William Gaddis, Don DeLillo oder Danilo Kis, sondern regelmäßig auch von Publikum und Kritik verkannte, beziehungsweise falsch etikettierte Klassiker aus dem angelsächsischen Sprachraum. So feierten Chilbert K. Chesterton und Herman Melville, lange bevor sie vom hiesigen Feuilleton und von den großen Verlagen wiederentdeckt wurden, im 'Schreibheft' spektakuläre Comebacks. Die Hefte 22 bis 50 der Zeitschrift, die derzeit als kostengünstiger Reprint des Verlages Zweitausendeins in fünf stattlichen Bänden (mit insgesamt etwa 5.500 Seiten Umfang!) angeboten werden, laden somit jeden wißbegierigen Leser zu einer Entdeckungsreise der besonderen Art ein.

Auch in der jüngsten Ausgabe mit dem Titel 'Sprechende Bilder. Blickstörung - Vom Eigensinn der Comics' können jene literarisches Neuland in Theorie und Praxis betreten: Als erste deutsche Literaturzeitschrift widmet das 'Schreibheft' den Bildgeschichten eine eigenständige Ausgabe. Diese Pioniertat findet unseren ungeteilten Beifall, obgleich sie längst überfällig war, denn schließlich hat das Medium mittlerweile schon annähernd einhundert bewegte Jahre auf dem Buckel. Aus diesem Grund legen die für das Themenheft verantwortlichen Redakteure Jens Balzer und Martin tom Dieck auch keinen Wert auf eine systematische Übersicht, ihre Konzentration gilt vielmehr ganz den experimentellen und avantgardistischen Comics. Das dargebotene Spektrum reicht von Bildgeschichten aus dem Umfeld von Art Spiegelmans 'RAW' über die frankobelgische Schule der 'Oubapoeten' bis hin zu bekannten deutschsprachigen Comickünstlern wie Anke Feuchtenberger oder Atak.

Leider bringt diese sehr spezielle und für den Kenner nicht sonderlich originelle Auswahl auch Nachteile mit sich, einige Facetten der Comickunst bleiben so vollkommen ausgespart. Streckenweise entsteht dadurch eine gewisse Kargheit, und manchmal vermißt man über die präsentierte Auswahl hinausweisende Fingerzeige gar schmerzhaft. Zudem bezeugen am Rande geäußerte Pauschalurteile, in denen ganze Genres wie die Superheldencomics als läppisch und infantil abgetan werden, leider nicht mehr als die geschmäcklerische Einseitigkeit der Herausgeber. Auch ihre - grundsätzlich gerechtfertigte - Kernthese, daß Bild und Text im Comic stets unversöhnt nebeneinander stehen, bleibt bedauerlicherweise abstrakt und fleischlos, und wird in dem neuen Standardwerk 'Im Comic vereint' von Andreas Platthaus quasi ad absurdum geführt.

Trotzallem ist das neue 'Schreibheft' für Laien und Kenner eine Bereicherung - und präsentiert mit dem zwanzigseitigen Ausschnitt aus Charlotte Mutsaerts‘ irrwitziger Bildgeschichte 'Herr Donselaer sucht eine Frau' sogar eine echte Neuentdeckung. Auch die zahlreichen ausführlichen Aufsätze sind in der Mehrzahl fundiert und lesenswert. Und das Dossier über die 'OuBaPoeten', einer Comicgemeinschaft, die die literarischen Thesen und Techniken der Schule der 'OuLiPo' (OUvroir de LItérature POtentielle) um George Perec und Jaques Roubaud in Bildgeschichten übersetzt, verrät nicht nur manches über die potentiellen Möglichkeiten, sondern auch etliches über die physischen Grenzen der Comics.

Wie erwähnt war die Zeit längst überfällig, daß sich eine seriöse Literaturzeitschrift ernsthaft mit diesem relativ jungen Medium auseinandersetzt; möge der begonnene Dialog - mit einem etwas erweiterten Themenkreis - alsbald fortgeführt werden, das neue 'Schreibheft' bildet hierfür gleichfalls eine solide Grundlage und die geeignete Plattform.

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