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Marc Degens: Verführung der Unschuldigen. Roman




10-1998
Marc Degens
für satt.org

Andreas Buderus:
Fünf Jahre Glatzenpflege auf Staatskosten.
Pahl-Rugenstein, Bonn 1998

Andreas Buderus: Fünf Jahre Glatzenpflege auf Staatskosten.

192 Seiten, geb.
EUR 14,90
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Fünf Jahre Glatzenpflege auf Staatskosten


Hoyerswerda, Mölln, Solingen - Stichworte einer blutjungen Vergangenheit, die unsere Gegenwart immer noch überschattet. Und obwohl in der Folgezeit Politik und Gesellschaft rasch handelten und etliche für Kinder und Jugendliche konzipierte Aktionsprogramme gegen Rassismus und Gewalt aus dem Boden gestampft wurden, nehmen die Straftaten mit rechtsextremistischem Bezug Jahr für Jahr kontinuierlich zu: Auch für 1998 rechnet der Bundesverfassungsschutz mit einem deutlichen Anstieg der Jugendkriminalität in eben diesem Bereich. Anlaß für Andreas Buderus, in seinem Buch »5 Jahre Glatzenpflege auf Staatskosten« im teilweise klassenkämpferischen Ton (»Monopolexekutor Polizei«) die zahlreichen kultur- und sozialpädagogischen Jugendprojekte im allgemeinen, und fünf ausgewählte Programme im speziellen einer kritischen Analyse zu unterziehen.

Jugendarbeit ist nicht billig. Doch ungeachtet der Tatsache, daß angesichts leerer Haushaltskassen viele allgemeinpädagogische Projekte und Planstellen dem Rotstift zum Opfer fallen, werden antifaschistische Programme wie das »Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt« (AgAG) durchaus großzügig unterstützt, zumindest kurz- und mittelfristig. Diese Modellprojekte arbeiten vielfach mit dem Konzept der »aufsuchenden« und »akzeptierenden« Jugendarbeit: Problemgruppen, wie etwa jugendliche Neo-Nazis oder gewaltbereite Fußballhooligans, sollen nicht mehr offensichtlich belehrt, sondern zunächst einmal begleitet werden. Mit dem Aufbau von Jugendklubs, mit konkreter Alltagshilfe, gemeinsamen Freizeitfahrten und ähnlichen Aktivitäten versuchen die Sozialarbeiter einen möglichst direkten und privaten Zugang zu sowohl gefährdeten als auch gefährlichen Jugendlichen zu finden, um sodann vor Ort in Gesprächen intervenieren und das Schlimmste verhindern zu können.

Der Autor mißbilligt zwar nicht diesen Ansatz, aber er erkennt Defizite und kritisiert das oftmals festzustellende Fehlen weitreichender pädagogischer Konzepte. Viele, häufig mangelhaft ausgebildete Sozialarbeiter seien so von bestimmten Situationen regelrecht überfordert. Zudem behindere der befristete Projektcharakter die Kontinuität und damit eine wesentliche Voraussetzung erfolgreicher Jugendarbeit. An diesem Punkt wird Buderus grundsätzlich. Er konstatiert der derzeitigen Jugendarbeit eine offenkundige Täterfixierung, die den »alltäglichen Rassismus« bloß verschleiern, jedoch nicht bekämpfen kann. Deshalb plädiert er verstärkt für eine allgemein an Jugendliche gerichtete antifaschistische Bildungsarbeit, die präventiv und aufklärerisch arbeitet und sich den Ursachen und nicht bloß den Symptomen zuwendet. Vorbildlich erwähnt Buderus in diesem Zusammenhang die »Infothek Rechtsextremismus« des Jugendbildungswerks der Stadt Essen, die Schülern, Lehrern und interessierten Jugendlichen vielfältige Materialien zur Verfügung stellt, die sich anschaulich und lebensnah mit dem Thema Rechtsextremismus auseinandersetzen.

Die Pädagogik hat es heutzutage nicht leicht. Sie wird von Politik und Öffentlichkeit streng in die Pflicht genommen, sie muß auf Jugendliche attraktiv wirken und gleichzeitig ihre eigenen, nicht immer eindeutigen Ansprüche erfüllen. Andreas Buderus macht ihr Mut und liefert vielschichtige Ansätze für eine geschlechtsspezifische, rollenkritische und theoretisch fundierte antirassistische Jugendbildungsarbeit, die Not tut. Denn obgleich der Erfolg pädagogischer Intervention nur schwer abzumessen ist, steht für den Autor fest, »daß, wer heute weiter bei der Jugendhilfe kürze, morgen Jugendstrafanstalten bauen müsse.«