Anzeige:
Sofie Lichtenstein: Bügeln. Protokolle über geschlechtliche Handlungen



Juli 2005
Enno Stahl
für satt.org

Kölner Galerien
im Sommer 2005

Enno Stahl besucht
Ausstellungen in der Dommetropole

Folge 1 (Mai/Juli 2005)
Folge 2 (Juli/August 2005)



Photographien
von Benjamin Katz
bei Maximilian Krips
(Mai 2005)

Galerie Maximilian Krips
Albertusstr. 9-11
Di-Fr 14-19h
Sa 12-16h

www.galeriekrips.de
"Die Fotografen haben lange geschlafen.", sagt Georg Baselitz, deshalb existierten keine künstlerisch ambitionierten Porträts von Cezanne und van Gogh, noch nicht einmal von Egon Schiele. Für Baselitz und seine Generation ist das anders, denn – so weiter der Meister der verkehrten Köpfe – nun gebe es Benjamin Katz.
Der Fotograf wurde 1939 – als Jude im belgischen Exil – geboren, 1956 übersiedelte er nach Deutschland, wo er einige Jahre als Galerist von u.a. so bedeutenden Künstlern wie Marcel Broodthaers, Markus Lüpertz, C.O. Päffgen und eben Baselitz tätig war. Ihr Leben und ihre Arbeit begleitete er mit der Kamera, seit 1972 widmete er sich ausschließlich der Fotografie. In Hunderten von Momentaufnahmen, doch auch sensibel arrangierten Porträts – beides immer in Schwarzweiß - zeigt Katz die Großen der Kunstwelt von ganz nahe. Aus diesem Fundus sind in der Galerie Maximilian Krips fünf großformatige Aufnahmen zu sehen, neben vier Künstler-Konterfeis steht zudem eine frühe Stadtaufnahme von gespenstischer Öde: "Berlin – Havel" (1960), eine triste Straßenecke, Waschbeton, ein einziger Sonnenstrahl fährt eine Schneise ins urbane Grau, darin ein alter Mann, sein Gesicht ist kaum zu erkennen, alles bleibt im Diffusen.
Die anderen Bilder entstanden später, zwischen 1977 und 1994, als Katz mit der Künstlerfotografie sein eigentliches Thema entdeckte. Da ist etwa Markus Lüpertz, der schräg über die Schulter in Kamera schaut, eine schwarze Silhouette, kühl und blasiert – die dandyhafte Inszenierung, die eine große Rolle in Lüpertz’ künstlerischer Erscheinung spielt, schlägt sich hier nieder.
Anders Gerhard Richter: wach, hochkonzentriert stehen seine durchdringenden, wasserhellen Augen im Zentrum des Bildinteresses – paradigmatisch für den luziden und komplexen Charakter des Richter’schen Werkes. Von Sigmar Polke ist nur ein winziger Teil eingefangen, sein Kopf mit angeschnittener Schulterpartie von weitem, das Porträt fällt minimal aus angesichts der riesenhaften Leinwand dahinter, die mit derben Invektiven beschrieben ist: der Künstler als Person verschwindet hinter seiner öffentlichen Provokation. Georg Baselitz dagegen ist Zurückhaltung pur, die Arme verschränkt, dem Betrachter nur seitwärts zugekehrt vermittelt er äußerste Reserve, verweigert jeden Rückschluss auf sein künstlerisches Werk.
Katz’ Fotos sind eine Art Epiphänomen, sie begleiten die Künstler als kongeniale Parallelaktion. Dem Zuschauer gewähren sie so Einblick in psychische Verfasstheiten, den Menschen hinter der Kunst.

Monochrome Malerei:
Rudolf de Crignis
in der Galerie S 65

Galerie S 65
Melchiorstr. 14
Di-Fr 11-13h, 15-18h
Sa 11-14h
Farbwesen und Farbwirkung sind Themen, mit denen sich analytische Malerei schon lange beschäftigt. Der Bauhauskünstler Josef Albers etwa setzte identische Farbwerte in verschiedenen Formen und Kombinationen ins Verhältnis, um zu erweisen, wie das menschliche Auge sich in Sachen Farbe täuschen kann. Der Schweizer Rudolf De Crignis hat einen eigenen Weg gefunden, der diesen Konflikt gewissermaßen ins "Innere" der Farbe verlagert. Auf den ersten Blick sind sie unauffällig, seine monochrom grauen und blauen Mittel- und Großformate, die augenblicklich in der Galerie S 65 zu sehen sind. Doch dann fällt ihre Oberflächentextur ins Auge, der senkrecht und waagerecht geführte Farbauftrag. Offensichtlich geht es De Crignis nicht darum, nach Art der Konkreten Malerei die Malspuren zu verwischen. Dieses Strichgitter verweist im Gegenteil auf seine individuelle Methode, die der Maler so umreißt: "Die Oberflächenfarbe ist Ergebnis der Verbindung und Sättigung verschiedener Farben: sie ist auch ein Resultat der Reibung/Interaktion der widerstreitenden Farben in jeder Arbeit."
Jene Farbe, die man unmittelbar wahrnimmt (oder wahrzunehmen meint), entsteht also aus der Kombination mehrerer Farben, die Bilder sind nicht wirklich "monochrom", sondern durchwoben von einer pulsierenden Wellenrhythmik, die von den unterlegten Farbschichten herrühren. Grau ist daher nicht gleich grau, jedes Bild ein Unikat, so täuschend ähnlich die vermeintlich Gleichfarbigen dem Betrachter auch vorkommen mögen.
De Crignis sieht seine Bilder nicht als Objekte. Um sie noch mehr dem Galeriekanon einzupassen, sind ihre Kanten geweißt, wodurch sie wie farbige Fenster im Raum erscheinen. De Crignis konzipiert seine Gemälde nämlich in bewusster Auseinandersetzung von Farbe und Licht, bearbeitet die spezifischen Korrelationen zwischen beidem so lange, bis sein Bild die gewünschte Lichtwirkung quasi "in sich trägt", sie "verkörpert". Gerade deswegen bleibt es dem Betrachter überlassen, welche Distanz er wählt, um den Raum zwischen Bild und Auge als "aktiven Raum" zu realisieren. (Preise: 10.050 – 20.900 Euro)

Keine Fotoausstellung,
aber Arbeiten,
die auf Fotografie beruhen,
sah ich bei
Monika Sprüth /
Philomene Magers:
Astrid Klein (Juli 2005)

Monika Sprüth/Philomene Magers
Wormser Str. 23
Di-Fr 10-13, 15-18h
Sa 11-18h

www.philomenemagers.com
Man kennt sie vornehmlich als Fotografin. Gerade deshalb hat Astrid Klein die beiden Werkzyklen, die momentan bei Sprüth/Magers ausgestellt sind, explizit als Mischtechniken bezeichnet. Denn die Fotografie ist zwar ein Ausgangspunkt, doch treten eine Reihe weiterer Arbeitsprozesse hinzu, zudem spielt die Schrift eine herausragende Rolle.
Zunächst eine hochinteressante Serie aus dem Jahr 1979: es handelt sich um Abbildungen aus Magazinen, um Film-Stills und Ausschnitte aus Foto-Romanen, die stark vergrößert, gerastert und mit andersartigen Materialien kombiniert wurden. Die Technik erinnert an die sogenannte "Zweckentfremdung" der Französischen Situationisten, was vielleicht kein Zufall ist, denn das Gros von Astrid Kleins Vorlagen und Bildbetitelungen stammt aus dem französischen Sprachraum.
Unter "Zweckentfremdung" verstand man die Wiederverwendung bereits bestehender Elemente innerhalb eines neuen Zusammenhangs. Die Situationisten pflegten z.B. populäre Comics zu "überarbeiten", indem sie die Sprechblasen mit völlig anderen, revolutionären Texten versahen. Astrid Klein nun lässt das Bruchstück für sich selber sprechen: da ist etwa eine Frau mit seligem Gesichtsausdruck, die Wange geborgen in einer Männerhand, dazu der Text: "Geliebt … geliebt … sie wird geliebt". Ohne den Kontext erlebt man dieses Bild als zutiefst fragwürdig, und genau in diese Kerbe, der Reflexion auf weibliche Rollenmuster und Projektionen, schlagen auch die übrigen Arbeiten.
Ein Farbfoto: ein Frau mit blutrot geschminkten Lippen, den Blick traumverloren in die Höhe gerichtet, schmiegt sich an die Schulter eines Mannes. Dazu der Text: "Er wird mich den wunderbarsten Eid der Welt leisten lassen", also das Ehegelübde. Die Frau bleibt ihrem Rollenklischee treu: Heirat als Krönung ihres Lebens.
Vermutlich einem Foto-Roman entstammt folgende Szene, Mann und Frau im Dialog: er fragt, ob sie arbeitet, sie sagt: nein, sie habe ihre Anstellung zugunsten ihrer Ehe aufgegeben. Jedoch sei diese Ehe zerbrochen. Im ursprünglichen Zusammenhang wird man das überlesen haben, hier jedoch wird dieses kleine Gespräch paradigmatisch für eine gesellschaftliche Praxis, die heute weniger virulent ist, aber in der Entstehenszeit dieses Bildes 1979 noch sehr ausgeprägt, dass Frauen ihrem Mann zuliebe auf ihre Karriere verzichten und am Ende ohne beides da stehen.
Eine neuere Werkserie Astrid Kleins (2000/2005) inszeniert eine andere, mehr ikonografisch orientierte Text-Bild-Beziehung. Mit Alabasterstaub und Quarzkristall auf Leinwänden wird Schrift hier zum visuellen Motiv. Zwar liegen dem ebenfalls engagierte Slogans zugrunde ("Sex is politics", "shame sanctions shame"), doch verschwindet die Lesbarkeit und damit auch die politische Signatur hinter der Farbwirkung. Ein gewisses Ungleichgewicht bleibt daher nicht aus. (Preise von 18.000 - 52.000 Euro)

Ein "Rock Bottom"
von Meg Cranston
bei Michael Janssen
[bis Ende Juli 2005]

Galerie Michael Janssen
Norbertstr. 14-16
Di-Fr 10-13h, 14-18h
Sa 12-15h

www.galeriemichaeljanssen.de
Einen "Rock Bottom", einen Rock- und Pop-Boden, nennt augenblicklich die Galerie Michael Janssen ihr eigen. Diesen hat die amerikanische Künstlerin Meg Cranston gestaltet, er besteht aus besiebdrucktem Papier, das größtenteils eine Art Fliesenform nachvollzieht.
In bestimmten Parts jedoch prägt eine Vielzahl von Porträtfotos bekannter und unbekannter Musikartisten das begehbare Bild, darunter so obskure Bands wie die Hacienda Brothers oder die Queens of the Stone Age. Aber auch Top Stars wie David Bowie, Alanis Morissette und Billy Joel sowie Figuren der musikalischen Avantgarde- oder Independent-Rock-Szene wie Can, Blixa Bargeld und Nick Cave. All diese Fotografien stammen aus dem Promotion-Material der Musikindustrie, alle Musiker, die hier gezeigt werden, haben ein Label und mindestens eine Plattenveröffentlichung vorzuweisen. Nach den Worten der Künstlerin handelt es sich demnach um erfolgreiche Musiker, die ein Publikum für ihre Aktivitäten finden, um "Stars". Für einige der Bands hat Cranston spezielle Kommentare verfasst, die erweisen, dass ihre Arbeit durchaus eine Art "Fan"-Perspektive formuliert, was den unmittelbar pop-sozialisierten Amerikanern sicher leichter fällt als Europäern.
Denn angesichts dieser Masse an Fotografien schwinden die Unterschiede. Die Beliebigkeit popkultureller Marketing-Posen, der Verwertungsdruck, der jedes dieser Porträts innerlich durchwebt, stellt alle, die Obskuren wie die Stars, auf ein und dieselbe Ebene. Was bleibt, ist der Eindruck eines Kaleidoskops musikkultureller Gestaltung – im Zeichen ihrer Vermarktung.
Hat die Künstlerin darauf hinweisen wollen? Oder ist diese Arbeit schlicht Ausdruck eines popkulturellen Interesses, dass eben keine Unterschiede macht zwischen einem Justin Timberlake und einer Band ohne Name, die gerade an ihrem ersten Plattenprojekt werkelt? Eine solche Perspektive wäre zwar zutiefst demokratisch, verhüllte aber die Differenzen, die das ungeheure Vermarktungssystem Popindustrie bewusst herstellt, damit erwiese das Werk sich letztlich als affirmativ. Denn was ist mit den Ausgesparten? Was mit den Bands, die nicht unterkommen, weil ihnen den Stromlinienform abgeht? Also all dem, was sich dem Marktdiktat widersetzt? Vielleicht ist es ein Vorzug dieser Arbeit, dass sie solche Gedanken anzustoßen vermag, ob das in ihrer Absicht lag, bleibt fraglich.
(Preis für den "Rock Bottom" auf Anfrage, einzelne, kommentierende Collagen, die nicht Teil der eigentlichen Ausstellung sind 1000-1500 Euro)

Den Zufall im Griff:
eine Ausstellung von Nam June Paik
und Gerhard von Graevenitz
(Juli/August 2005)

Galerie Reckermann
Albertusstr. 16
Di-Fr 11-18h
Sa 11-14h

www.galeriereckermann.com
Der Zufall ist seit Zeiten der historischen Avantgarde eine zentrale Kategorie in der modernen Kunst. Das Unvorhergesehene, das Unvorsehbare, sie weisen auf das Reich der Möglichkeiten, auf eine Welt des "Als-Ob", die, nach Psychoanalyse und Quantenphysik, und erst recht im digitalen Zeitalter, von prinzipieller Ergebnisoffenheit gekennzeichnet scheint.
Die Galerie Reckermann hat zwei inzwischen "neo-klassische" Künstler-Positionen nebeneinander gestellt, die in jeweils unterschiedlicher Weise die Zufallsthematik aufnehmen. Der Koreaner Nam June Paik hat sie in seine allseits bekannten Videoarbeiten integriert, beim 1983 verstorbenen Gerhard von Graevenitz ist der Zufall ein Nebenphänomen der Mechanik. Während Nam June Paik durch Hochauflösung Verfremdungseffekte im Mega-Pixel-Bereich herstellt, arbeitet von Graevenitz im deutlich sichtbaren Bereich. Seine Arbeiten nämlich sind der "Op Art" (optischen Kunst) bzw. der Kinetischen Kunst zuzurechnen, Objekte also, die das Moment der Bewegung mit einbeziehen.
Da finden sich etwa weiß grundierte Holzflächen, auf denen schwarze Balken wie Uhrzeiger sich bewegen. Oder zwei Vierergestänge mutieren in unregelmäßigen Rhythmen zu Rauten, zu zusammengelegten Stabmotiven, regulären Vierecken. Ständig sind sie in Bewegung, ihr Verlauf lässt nicht voraus sehen. Diese komplizierte Aleatorik wird keineswegs durch ein Computerprogramm gesteuert, sondern ergibt sich aus Reibungseffekten, Überlagerungen und Blockaden des mechanischen Antriebssystems selbst. Was man sieht, ist also reiner Zufall!
Um so erstaunlicher die Resultate: eine Scheibe bewegt sich langsam. Darauf angebracht sind rund hundert Y-Lamellen aus Aluminium, von denen einige sich immer wieder plötzlich um sich selbst drehen. Ein Elektromotor? Weit gefehlt: die Rotation der Scheibe selbst setzt die Alu-Sternchen in Bewegung, indem dabei in je unvorhergesehener Weise die Mechanik einzelner Lamellen berührt wird.
Nam June Paiks Arbeiten bestehen aus den bekannten Flicker-Videos, die nach Zufallsprinzipien geschnitten sind. Einmal befinden sich mehrere kleine TV-Geräte in einem Blockhaus, Ausschnitte aus Hitchcocks "Die Vögel" laufen ab. Ein anderes Objekt stellt die Beziehung zu Nam June Paiks "Prä-Video"-Phase aus FLUXUS-Zeiten her, zwei antike TV-Chassis sind ineinander verkeilt, darin eingelassen wiederum zwei moderne Monitore. Sein dritter Beitrag bezieht sich auf den Film "Casablanca": vier regelmäßig gehängte Fernseher zeigen Ausschnitte eines "Making of`s", unterbrochen von Filmsequenzen im Loop. Inmitten dieser Anordnung steht eine Mixed-Media-Arbeit auf Leinwand, Paik hat hier eine Szene abgefilmt, dann ein Vdieo Still heraus kopiert und erheblich vergrößert. Durch magnetische Einflüsse, Pixelung etc. erscheinen nicht planbare Farbeffekte und Verfremdungen, deutlich sichtbar im Zentrum dagegen die schwarze Silhouette "Bogeys" selbst. (Preise: G. v. Graevenitz 18.000-60.000, Nam June Paik 45.000-90.000 Euro).